In Berlin werden Forderungen nach einer deutlichen Verbesserung der finanziellen Lage von Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen sowie die sofortige Abschaffung des Schulgeldes für die Ausbildung laut. „Sie sind die Stiefkinder der Gesundheitspolitik“, kritisierte die Gesundheitsexpertin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink, gegenüber unserer Zeitung. Denn an ihrer Lage werde sich auf absehbarer Zeit nichts ändern, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage hervorgeht. „Es regiert das Prinzip der Kostenbegrenzung – beim Schulgeld, bei der Vergütung und bei den Heilmittelzielvereinbarungen“, bemängelte Klein-Schmeink. Die Folge sei ein bereits jetzt spürbarer Fachkräftemangel. „Angesichts unserer alternden Gesellschaft, in der wir dringend auf die Gesundheitsberufe angewiesen sind und wir den Therapeuten bessere Arbeitsbedingungen und mehr Verantwortung geben müssen, agiert die Bundesregierung verantwortungslos.“

Weiterhin Schulgeld

Während die Koalition die Kosten der Ausbildung für die Pflegeberufe zum 1. Januar nächsten Jahres abgeschafft hat, müssen die Heilmittelerbringer weiterhin Schulgeld bezahlen sowie für die Kosten ihrer Fortbildung aufkommen. In ihrer Antwort kündigt die Bundesregierung zwar ein Gesamtkonzept an, nennt aber keinen konkreten Zeitplan und weist beim Schulgeld „auf die Kultushoheit der Länder“. Zudem bemängelt Klein-Schmeink, dass die Vergütungssätze für Therapeuten, die selbständig oder bei Freiberuflern angestellt sind, derart niedrig seien, dass sie unterhalb des Existenzminimums liegen. Nach ihren Worten reichen die Vergütungssteigerungen oberhalb der Grundlohnsumme, die für die Jahre 2017 bis 2019 vereinbart wurden, nicht aus, um das Einkommen selbständiger Therapeuten in Einzelpraxen auf das Niveau von angestellten Therapeuten in tariflich gebundenen Einrichtungen wie Krankenhäusern anzuheben.

"Nicht erst seit gestern bekannt"

Angesichts dieser Situation appelliert Klein-Schmeink an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Probleme endlich anzugehen. „Die prekäre Situation der Heilmittelerbringer ist nicht erst seit gestern bekannt. Es reicht nicht, plakativ zum Krisengespräch zu laden. Jens Spahn muss den Therapeuten handfeste Angebote machen.“ Das Schulgeld müsse sofort entfallen, so Klein-Schmeink. "Mit 20 000 Euro und mehr Schulden starten zu müssen, hält viele junge Menschen von diesem wichtigen Beruf ab.“ Außerdem müssten die Vergütungen eine Höhe erreichen, „die wenigstens ein Einkommen auf dem Niveau tariflicher Bezahlung ermöglicht“. Nicht zuletzt sei es notwendig, die Kompetenzen für eine eigenständige Behandlung zu erweitern. Denn durch die Zielvereinbarungen auf Landesebene zwischen den Kassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen würden den Patientinnen und Patienten wichtige therapeutische Behandlungen vorenthalten.

Auch Ministerium sieht Handlungsbedarf

Das Gesundheitsministerium räumt ein, dass trotz der in der vergangenen Legislaturperiode beschlossenen Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Therapeuten „weiterer Handlungsbedarf zur Stärkung der Heilmittelversorgung“ bestehe. So hätten Union und SPD im Koalitionsvertrag die Abschaffung des Schulgeldes und die Zahlung einer Ausbildungsvergütung vereinbart. Eine entsprechende Bund-Länder-Arbeitsgruppe habe sich bereits gebildet, allerdings seien die weiteren Beratungen abzuwarten, so der parlamentarische Staatssekretär im Ministerium, Thomas Gebhart.

Kritik auch von Berufsverbänden

Die betroffenen Berufsverbände schlossen sich den Forderungen der Grünen an. „Mit der gegenwärtigen Vergütung lässt sich eine logopädische Praxis nicht führen. Die Folgen: fehlende Alterssicherungen der Praxisinhaber, miserable Löhne der Angestellten und Abwanderung in andere Berufe“, sagte Frauke Kern, Mitglied im Bundesvorstand des Bundesverbandes für Logopädie. Überall in Europa würden Logopäden an Hochschulen ausgebildet, nur in Deutschland nicht, abgesehen von wenigen Modellstudiengängen. „Es ist daher Zeit für ein einheitliches Berufsgesetz, in dem die kostenfreie hochschulische Ausbildung verankert ist.“ Zudem müsse die Vergütung neu geregelt werden. Ins gleiche Horn blies Marcus Troidl, Chef des VDB-Physiotherapieverbandes: „Wir werden von der Bundesagentur für Arbeit als Spezialisten geführt, die Vergütungen liegen jedoch im Niedriglohnbereich. Da läuft grundsätzlich was schief.“