Was tun, wenn sich für den eigenen Betrieb kein Nachfolger findet? Sofort dichtmachen? Oder doch lieber arbeiten, bis man tot umfällt? Tatsächlich stehen Tausende Betriebe bundesweit jedes Jahr vor dieser Frage. „Insbesondere im Handwerk ist die Unternehmensnachfolge ein oft ungelöstes Problem“, sagt Roman Glaser, Vorstandsvorsitzender des baden-württembergischen Genossenschaftsverbands, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Aus einer Umfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) im Jahr 2015 – neuere Zahlen liegen nicht vor – ging hervor, dass bis zum Jahr 2020 allein im Südwesten rund 18 000 Handwerksbetriebe vor der Nachfolge-Thematik stehen.

Diese will Glaser nun entschärfen und schlägt ein ungewöhnliches Modell vor: Handwerker sollen zu Genossen werden. Das Konzept setzt da an, wo es am meisten wehtut – beim Geld. Tatsächlich mangelt es vielen Betrieben gar nicht einmal an einem willigen Nachfolger, oft hat der allerdings nicht genügend Geld, eine alteingesessene und gut laufende Firma zu übernehmen. „Einfach einmal so 800.000 oder eine Million Euro für einen Kleinbetrieb auf den Tisch legen – das geht eben oft nicht“, sagt Glaser. Wenn die Summe aber auch auf mehrere Schultern verteilt werde, sehe es gleich ganz anders aus.

Oft fehlt das Geld für die Firmenübernahme

Das neue Konzept, mit dem der Geno-Verband das Nachfolgeproblem im deutschen Mittelstand ablindern will, sieht daher vor, dass die Mitarbeiter einer zur Übergabe reifen Firma Genossenschaftsanteile zeichnen und der neue Unternehmensnachfolger den Vorstandsjob im neuen Betrieb übernimmt. Der Alt-Eigner könne beispielsweise in den Aufsichtsrat wechseln und sich mit seinem Wissen von dort aus weiter einbringen, sagt Glaser.

Der Handwerksbetrieb wird so zur Genossenschaft. Seit einiger Zeit werde dieses Vorgehen „im Handwerk intensiv diskutiert“, sagt Glaser. Zwar sei es bislang noch nicht zur Gründung einer reinrassigen Handwerker-Genossenschaft gekommen, Glaser glaubt aber, dass das nicht mehr lang auf sich warten lässt. Denn die Nachfolgeprobleme würden allein aus demografischen Gründen immer drängender.

Auch Ärzte gründen Genossenschaften

„Großes Potenzial“ sieht der Geno-Chef daher in dem Ansatz. Und zwar nicht nur fürs Handwerk – auch für Betriebe in anderen Branchen oder im Gesundheitsbereich. Auch dort stünden junge Ärzte oft vor dem Problem, die enormen Kosten einer Praxisübernahme nicht allein stemmen zu können. Wenn man sich zusammentut, sinkt auch hier die Kapitalbelastung für den Einzelnen“, sagt Glaser.

Anders als im Handwerk gibt es hier auch schon Vorreiter, also Ärzte, die sich zu Praxis-Genossenschaften zusammengefunden haben. Die Erfahrungen seien positiv, sagt Ex-Banker Glaser, auch weil es beispielsweise für junge Ärztinnen – 60 Prozent der Medizin-Absolventen sind weiblich – leichter sei, Kinder und Beruf zu vereinbaren. „Wenn Sie eine Praxis alleine schmeißen müssen, ist das sehr schwierig“, sagt er am SÜDKURIER-Redaktionstisch.

Überdies hätten sich mehrere Gemeinden im Südwesten zusammengetan, um entsprechende Mediziner-Kooperationen auch kommunal zu fördern. In einem Pilotprojekt versucht man beispielsweise, die immer schlechtere medizinische Versorgung auf dem Land zu verbessern. „Firmengründer haben die Genossenschaft als möglichen Mantel eines Unternehmens einfach oft nicht auf dem Schirm“, sagt der gebürtige Baden-Badener.

Große Spieler Euronics und Edeka

Tatsächlich ist das Genossenschaftsprinzip aber deutlich verbreiteter, als man gemeinhin denkt. Neben bekannten Volks- und Raiffeisenbanken und den klassischen Erzeugerverbünden in der Landwirtschaft, organisieren sich auch oft Winzer oder Lebensmittelhändler nach dem Prinzip – Edeka etwa.

Mit Euronics folgt auch einer der größten Elektronikhändler Europas der vor 200 Jahren von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen formulierten Genossenschaftsidee. Auch viele Windparks, Biogasanlagen oder Solarkraftwerke werden durch Genossen betrieben. In mehr als 50 Branchen hat das Geno-Prinzip bislang Einzug gehalten. Allein in Baden-Württemberg arbeiten mittlerweile 33 500 Menschen in den Verbünden. Die Zahl der Genossen ist auf fast vier Millionen angestiegen. Das Prinzip erfreue sich zunehmender Beliebtheit, sagt Glaser. „Warum nicht auch im Handwerk?“