Wenn die USA chinesische Produkte mit Zöllen belegen und China zurückschlägt. Wenn ähnliches auch zwischen den USA, der Türkei, Kanada, Russland und der EU passiert, dann könnte man all das einen Handelskrieg nennen. Man könnte aber auch sagen: Bei der aktuellen Eskalation der weltweiten Zolltarife handelt es sich um einen Frontalangriff auf das Geschäftsmodell Deutschlands. Und damit auch um eine direkte Attacke auf unseren Wohlstand.

Dieser wird seit Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich durch den Export von Gütern bestimmt. Deutschland ist in dieser Disziplin Weltklasse. Anders als viele Konkurrenten hat die Bundesrepublik in den 1980er- und 1990er-Jahren dem Dogma der Fokussierung der Wirtschaft auf den Banken- und Dienstleistungssektor widerstanden und später durch wirtschaftsfreundliche Steuer- und Arbeitsmarktregeln Anreize für Unternehmer geschaffen, hierzulande Jobs zu schaffen.

Deutschlands Industrie blüht

Als Folge sind die industriellen Kerne Deutschlands intakt. Anderswo sind die erodiert. Heute ist der Anteil der Industrie an der deutschen Wertschöpfung rundweg doppelt so hoch wie in anderen Industrienationen. Und da der Inlandsmarkt allein für deutsche Maschinen, Automobile, chemischen Produkte, Nahrungsmittel oder Arzneien zu klein ist, boomt der Export, der von einem tendenziell unterbewerteten Euro noch angeheizt wird.

Aber ist dieser Boom von Dauer? Es gibt Warnzeichen. Erst kürzlich hat das Bundeswirtschaftsministerium darauf hingewiesen, dass die weltweite Unsicherheit die Nachfrage nach deutschen Produkten im Ausland bremst. Und in den letzten drei Monaten kamen laut Statistischem Bundesamt vom Außenhandel keine Wachstums-Impulse mehr. Ein Trend, der sich insbesondere im Handel mit den USA zeigt – dem Verursacher der aktuellen Verwerfungen und dem wichtigsten deutschen Exportmarkt. Wenig deutet darauf hin, dass es sich bei dieser Entwicklung nur um ein Zwischenspiel handelt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es langfristig schwieriger wird, Handel im Weltmaßstab zu treiben.

Mehr Binnennachfrage, gerechtere Löhne

Darauf sollte Deutschland zügig reagieren und sein Wirtschaftmodell den Herausforderungen anpassen. Das Land sollte sich von seiner alles bestimmenden Außenhandelsdoktrin lösen. Die exportfreundlichen Rahmenbedigungen auszuhebeln, ist dafür gar nicht nötig. Es wäre sogar kontraproduktiv. Viel mehr geht es darum, sie um Anreize für Inlands-Investitionen und mehr Binnenkonsum zu ergänzen. Nicht weniger Export, sondern mehr Inlandsnachfrage lautet das Ziel.

Die Zeit dafür ist reif. Das Gros der deutschen Infrastruktur wurde in den letzen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts errichtet. Kraftwerke, Datenleitungen, Brücken, Gebäude, Straßen- und Schienenwege kommen in die Jahre. Sie durch Investitionen fit für die Zukunft zu machen, ist vor dem Hintergrund eines gefüllten Staatssäckels sinnvoll. Zudem liegt es nahe, durch eine gerechtere Verteilung künftiger Lohnzuwächse die Kaufkraft der breiten Masse zu stärken. Die gute Kauflaune der Deutschen ist nämlich trügerisch. Sie beruht auf den extrem niedrigen Zinsen, die derzeit Anschaffungen auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich machen. Und sie täuscht darüber hinweg, dass ein Gutteil der Deutschen seit der Jahrtausendwende keine nennenswerten Reallohnzuwächse einfahren konnten. Steigen die Zinsen wieder – was absehbar ist –, wird die Konsumfreude Millionen Deutscher schnell verebben.

Aus der Schusslinie kommen

Mehr Binnennachfrage wäre nicht zuletzt vorteilhaft, weil so das chronische Handelsbilanzplus Deutschlands abschmelzen könnte. Dieses ist der Kern des aktuellen Trump’schen Furors und auch EU-Partnern wie Italien oder Frankreich seit Jahren ein Dorn im Auge. Gelänge dies, würde sich Deutschland aus der Schusslinie manövrieren – und gleichzeitig sein in die Jahre gekommenes Wirtschaftmodell auf festerem Grund errichten.

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