Enes Alan will das Vaterland retten – und zwar mit Grabsteinen. Der Steinmetz aus Bursa im Nordwesten der Türkei führt einen ganz privaten Kampf gegen den Verfall der Landeswährung Lira, die in diesem Jahr rund 20 Prozent an Wert verloren hat. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Türken aufgerufen, sie sollten ihre Dollar-Ersparnisse in Lira umtauschen, und Alan will den Staatschef unterstützen: Jeder Kunde, der die Umwandlung von mindestens 2000 Dollar in Lira nachweisen kann, soll ab sofort einen Grabstein gratis erhalten. „Wir stellen den Stein sogar noch auf dem Friedhof auf.“

Die Aktion ist ganz nach dem Geschmack Erdogans. Der Präsident wittert – wie bei anderen Problemen auch – eine Verschwörung gegen die Türkei hinter dem starken Kursverlust der Lira. Tatsächlich sind die Probleme zumindest zum Teil hausgemacht. Die Lira ist nicht nur wegen der Stärke des US-Dollar auf den internationalen Devisenmärkten unter Druck geraten. Auch das große Außenhandelsdefizit und die wachsende Nervosität von Türkei-Investoren angesichts des Klimas der Repression seit dem Putschversuch im Juli sowie des wieder voll entbrannten Kurdenkonfliktes und des Krieges beim türkischen Nachbarn Syrien lassen die Lira abstürzen.

Viele Türken, die sich noch an die horrenden Inflationsraten von 100 Prozent und mehr in den 1990er Jahren erinnern können, sichern ihre Ersparnisse ab, indem sie größere Lira-Beträge in Dollar oder Euro umwandeln und unter das Kopfkissen legen. Die derzeitige Lira-Inflation von immer noch 7 Prozent und die unsicheren Aussichten für das Land bieten keinen großen Anreiz, mit dieser Tradition zu brechen. Manche Vermieter in Istanbul verlangen Dollar statt Lira.

Das muss aufhören, sagt Erdogan. „Alle, die Fremdwährung unter der Matratze haben, sollen das Geld in Lira oder Gold umwandeln“, sagt der Präsident seit Tagen immer wieder. Damit werde das „Spiel“ jener durchkreuzt, die der Türkei schaden wollten, fügte er hinzu. „Hier will jemand dieses Land mit Wirtschaftssabotage auf die Knie zwingen.“ Der Verweis auf dunkle Mächte ist ein Leitmotiv Erdogans, der sein Land ständigen Anfeindungen von inneren und äußeren Gegnern ausgesetzt sieht.

Steinmetz Alan und andere folgen dem Appell Erdogans. Ein Pizza-Dienst mit 165 Filialen in der Türkei bietet eine Gratis-Pizza plus eine türkische Fahne für jeden Kunden, der 100 Dollar umtauscht. Ein Fischhändler in Yalova südlich von Istanbul gewährt einen zehnprozentigen Preisnachlass. In Cafés und Bäckereien wie etwa bei Gokhan Kuk in Istanbul erhalten patriotische Lira-Anhänger gratis Brot. Ein Porzellanhändler in Afyonkarahisar gibt Geschenke an Lira-Liebhaber aus.

Auch Behörden und Institutionen machen mit. Die Istanbuler Börse, der staatliche Ausschuss für Verteidigungsprojekte, die Privatisierungsbehörde und andere Stellen verkündeten, sie wollten alle Geldreserven in Lira umwandeln. Pilgerreisen nach Mekka sollen ab sofort in Lira statt wie bisher in Dollar bezahlt werden.

Die Opposition in Ankara fordert, Erdogan solle selbst mit gutem Beispiel vorangehen und seine Dollarkonten auflösen – das Justizministerium antwortete, das sei bereits geschehen. Beweise legte das Ministerium allerdings nicht vor; Kritiker werfen Erdogan vor, er habe erhebliche Dollarsummen angehäuft und mehrere Schweizer Konten.

Auch einen Teil des türkischen Außenhandels will Erdogan künftig in Lira statt in Dollar abwickeln. Beim Handel mit Russland, Iran und China sollten künftig lokale Währungen benutzt werden, sagt der Präsident. Türkische Exporte sollen demnach von den Partnern in Lira bezahlt werden, während die Türkei die Kosten für Importe aus diesen Ländern in deren jeweiligen Währungen begleicht. Ob die anderen Länder mitmachen, ist unklar.

Experten reagieren skeptisch auf Erdogans Lira-Notprogramm. Damit werde lediglich an den Symptomen herumgedoktert, sagte der Analyst Ege Seckin von der Beraterfirma IHS Markit dem Magazin GTR. Das eigentliche Problem sei das große Außenhandelsdefizit des Landes, das vor allem mit spekulativem Geld finanziert werde. Möglicherweise werden Gratis-Grabsteine also nicht reichen.