Es ist paradox: Alle Zeichen stehen auf Schrumpfen der Wirtschaft. Aber sie wächst weiter, die Arbeitslosigkeit sinkt weiter, es herrscht streckenweise Personalmangel. Auch die Aktienkurse sind trotz Schwankungen weiterhin auf hohem Niveau – obwohl Handelskriege drohen und Strafzölle der deutschen Exportwirtschaft das Leben schwermachen werden. Die Konjunktur in Deutschland brummt.

Wenn man auf ein paar sonst kaum beachtete Indikatoren schaut, kann man erkennen warum: Die Unternehmen horten Cash. Sie investieren kaum – aber ihre Konten sind prall gefüllt. Sie schütten immer noch höhere Gewinne an die Aktionäre aus oder kaufen eigene Aktien zurück, was deren Kurse treibt und die Anleger wohlhabender macht – und haben trotzdem weniger Schulden und erhöhen ihr Eigenkapital, was sie weniger krisenanfälliger macht: Die Verschuldungsquote der Unternehmen ist on 32,6 auf 26,7 Prozent gesunken – undenkbar noch vor wenigen Jahren, in denen die Unternehmen sehr viel mehr Kredite zu bedienen hatten. Seit den frühen 2000er Jahren erzielen die Unternehmen, ohne Berücksichtigung der Finanzwirtschaft trotz der deutlich gestiegenen Gewinnausschüttungen an die Eigentümer sogar Finanzierungsüberschüsse. Die Unternehmen bilden also mit den einbehaltenen Gewinnen Ersparnisse, so dass sie netto kein Kapital aufnehmen müssen.

Es sind also goldene Zeiten für Unternehmen. Und genau darin liegt das Risiko: Sie investieren immer weniger. In der Industrie ist dies besonders akut, denn dort ist das reale Nettoanlagevermögen im Zeitraum von 1995 bis 2012 sogar um 1,6 Prozent geschrumpft. Auch in anderen Wirtschaftsbereichen schrumpfen die Investitionen. So investierten die die deutschen Kapitalgesellschaften im letzten Jahr zwar insgesamt 358 Milliarden Euro. Nach Abzug der erforderlichen Abschreibungen – also dem Ersatz für veraltete oder verschlissene Anlagen- verblieben lediglich 40 Milliarden als Nettoinvestition. Man kann es böse sagen: Die Kuh gibt noch Milch. Doch die Kälber fehlen; niemand kümmert sich um deren Aufzucht. Das macht wegen der steigenden Kurse die Manager beliebt; neue Investitionsvorhaben sind nur riskant und bringen Ärger mit Bürgerinitiativen. Der bequemere Weg schafft kurzzeitig Zufriedenheit, auch bei den Arbeitnehmern, deren Tariflöhne steigen. Aber die Arbeitsplätze veralten langsam.

Da die Unternehmen keine zusätzlichen Mittel für Investitionen benötigen, haben die Bezieher der von den Unternehmen ausgeschütteten Gewinne keine Möglichkeit diese wieder in Unternehmen in Deutschland zu investieren. Die Unternehmen haben schlichtweg keine Verwendung dafür. Durch diesen Investitionsnotstand erreicht der deutsche Kapitalexport seit Jahren kontinuierlich neue Rekordstände.

Wirtschaftlich ist das ein Substanzverlust; manche fühlen sich an die DDR unter Erich Honecker erinnert: Um die maulige Bevölkerung ruhig zu stellen, wurde der Konsum erhöht – notwendige Investitionen unterblieben. Heute ist es anders: Die Wirtschaft lebt in der goldenen Abenddämmerung, in der sie Gewinne entnimmt, statt zu investieren, und die Aktionäre, aber auch Arbeitnehmer freuen sich.