Céline Fremault hat sich als Rebellin gegen den Aufbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes 5G einen Namen gemacht. Vor wenigen Tagen ließ die Umweltministerin der belgischen Hauptstadtregion Brüssel den Aufbau der neuen Übertragungstechnik stoppen. „Ich kann eine solche Technologie nicht begrüßen, wenn die Strahlungsstandards, die den Bürger schützen müssen, nicht beachtet werden, ob 5G oder nicht“, sagte sie in einem Interview. „Die Brüsseler sind keine Versuchskaninchen, deren Gesundheit ich zum Profit anderer verkaufen kann.“

Auch wenn die belgische Metropole kein Einzelfall ist – die Stadtväter im schweizerischen Genf haben ein 5G-Netz ebenfalls erst einmal auf Eis gelegt –, so ist diese Situation doch eine besondere: Im bisherigen Netz erlauben die belgischen Vorschriften bei 900 Megahertz nur eine Strahlung von sechs Volt pro Meter. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) liegen die Werte in Deutschland schon jetzt deutlich höher: Im gleichen Frequenzbereich dürfen die Daten mit 41 Volt je Meter gesendet werden.

EU brüskiert

Das Belgische Institut für Postdienste und Telekommunikation hatte im Oktober vorgeschlagen, die Werte deutlich zu erhöhen und an das europäische Niveau anzupassen, weil der Provider Orange ohne höhere Leistung das neue Netz nicht installieren könne. Fremault ließ sich jedoch nicht beirren, stoppte das Vorhaben zunächst und brüskierte damit nicht zuletzt die EU-Kommission, die die Mitgliedstaaten aufgefordert hatte, bis Ende 2020 in jeweils einer Stadt die neue Netzinfrastruktur zu errichten.

Doch die Zweifel wachsen, seitdem im September 2018 über 240 Wissenschaftler aus 41 Ländern in einem schriftlichen Appell ein Moratorium empfohlen haben, bis die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt durch unabhängige Experten untersucht wurden.

Erfolgreiche Petition in Deutschland

Auch in Deutschland formiert sich eine Gegenbewegung zum 5G-Ausbau. So unterzeichneten zuletzt innerhalb eines Monats knapp 55 000 Menschen eine Petition, die an den Petitionsausschuss des Bundestags gerichtet ist und sich aus medizinischen Gründen gegen den Ausbau von 5G richtet.

Da die dafür nötige Mindestunterzeichnerzahl von 50 000 erreicht wurde, muss sich der Ausschuss nun mit den Bedenken auseinandersetzen. Einen wachsenden Widerstand gegen Mobilfunkmasten merken auch Kommunen, wie vor kurzem Steffen Jäger vom Gemeindetag Baden-Württemberg sagte.

Hintergrund der Bedenken ist auch ein Schreckenszenario, dass Achim Berg, der Chef des Branchenverbandes Bitkom, aufgezeichnet hat: 800 000 5G-Masten sind laut ihm notwendig, um 5G deutschlandweit auszubauen. Das wäre eine Vervielfachung der heutigen Anzahl. Allerdings bezog er seine Aussage nur auf eine bestimmte Funkfrequenz, nämlich die, die derzeit versteigert wird.

Künftig werden jedoch auch andere Frequenzen für 5G genutzt werden, für die weniger Funkmasten nötig sind. In 5G-Hochleistungsnetzen etwa in Städten könnte sich die Anzahl der Sendestationen dennoch deutlich erhöhen.

Bild: Bernhardt, Alexander

Was bleibt, ist die Frage nach den gesundheitlichen Folgen von 5G. Beantworten kann sie heute noch niemand. Auch bei der heutigen Mobilfunkstrahlung ist eine krebsfördernde Wirkung noch nicht ganz auszuschließen. Diese Langzeitwirkung kann man nicht abschließend beurteilen, weil Tumore sich über Jahrzehnte entwickeln und Mobilfunk noch nicht so lange intensiv genutzt wird. Bisher ist die Zahl der entsprechenden Krebserkrankungen jedoch nicht signifikant angestiegen.

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Bei 5G ist die Unsicherheit größer, da hier Forschung fehlt, wie auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) einräumt. Nicole Meßmer vom BfS sagte dem SÜDKURIER zur künftigen Gesundheitsgefahr, dass der Verdacht nahe liege, dass die Datenmenge und die Dichte an Sendemasten höher werden wird. „Aber da dadurch auch der Empfang der Geräte besser werden kann und damit deren Strahlung niedriger werden würde, könnte die Strahlenbelastung sogar sinken“, erklärt sie weiter.

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Inzwischen reagierte die EU-Kommission. Sie forderte die Mitgliedstaaten auf, bis Ende Juni eine Risikoabschätzung vorzunehmen und bei der EU einzureichen. Anschließend hat die Europäische Agentur für Cybersicherheit bis Oktober Zeit, ein Urteil über mögliche Gefahren für die ganze Gemeinschaft auszuarbeiten. In einem letzten Schritt soll dann bis zum Jahresende eine eigens zusammengestellte Arbeitsgruppe sagen, wie eventuelle Risiken begrenzt werden können.

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5G bleibt auch aus anderen Gründen umstritten. Das Hochgeschwindigkeitsnetz gilt vielen als Allheilmittel für jene Regionen, in denen es immer noch Funklöcher gibt. Experten machen seit langem darauf aufmerksam, dass dies ein Irrtum sei. Der neue Standard bringe keinerlei Verbesserungen für den Privatkunden, sondern nur für industrielle Anwendungen.