Singen – Das Singener Unternehmen Solarcomplex, der führende Planer von Bioenergiedörfern und Nahwärmenetzen im Süden Baden-Württembergs, hat ein durchwachsenes Jahr hinter sich und blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. 2016 sei man mit einem "blauen Auge" davongekommen, sagte Solarcomplex-Vertriebsvorstand und Mit-Gründer Bene Müller am Montag bei der Vorstellung der Bilanzzahlen fürs abgelaufene Jahr. Und auch die Geschäftsentwicklung 2017 sei mit Unsicherheiten behaftet, die unter anderem aus der Umstellung der Förderung von erneuerbaren Energien durch die Bundesregierung sowie der Ölpreisentwicklung herrührten.

Das im Jahr 2000 mit dem Ziel die Energiewende in breiten Schichten der Bevölkerung zu verankern gegründete Unternehmen betreibt im Süden des Bundeslands insgesamt 15 Bioenergiedörfer, sowie diverse Fotovoltaik- und Solarthermieanlagen größeren Ausmaßes. Außerdem gehört man zum Betreiberkonsortium des ersten Windparks im Landkreis Konstanz – dem Verenafohren-Windfeld – in der Nähe von Engen.

Im vergangenen Jahr ist das Unternehmen moderat gewachsen. Sowohl die Bilanzsumme (64 Millionen Euro) als auch das Anlagevermögen (56 Millionen Euro) legten leicht zu. Der Umsatz stieg 2016 um gut ein Drittel auf 13,8 Millionen Euro. Beim operativen Gewinn (Ebitda) lag man allerdings mit rund 3,6 Millionen Euro nur auf Vorjahresniveau. Und unter dem Strich mussten die Singener beim Gewinn sogar einen herben Einbruch von mehr als einem Drittel auf 104 000 Euro hinnehmen.

Der Effekt ist vor allem eigenen Fehlern in der Vergangenheit geschuldet. In den 2000er-Jahren lockte Solarcomplex Gemeinden, die auf auf Bioenergie umstellen wollten, mit einer sogenannten Ölpreis-Garantie. Diese besagte vereinfacht gesagt, dass Solarcomlex Ökowärme – etwa aus Biogasanlagen – den Kommunen mindestens genauso günstig bereitstellen werde wie wenn die Anlagen mit konventionellem Heizöl betrieben werden würden. In den späten 2000er-Jahren war diese Annahme plausibel, notierte Rohöl doch auf historischen Höchstständen und schien dauerhaft teuer zu bleiben. In den darauffolgenden Jahren kippte der Welt-Ölmarkt jedoch insbesondere aufgrund neuer Fördermethoden in den USA, und die Ölpreise sanken dramatisch. Seitdem muss Solarcomplex immer immer mehr Geld zuschießen, um seine Zusagen gegenüber den Bioenergie-Projektträgern einzuhalten – ein Effekt, der sich allein 2016 als Belastung von rund einer halben Million Euro in der Bilanz der Singener Ökoenergie-Firma niederschlug und den Jahres-Gewinn stark belastet.

Um gegenzusteuern, hat Solarcomplex das 13. Monatsgehalt für seine rund 40 Mitarbeiter für 2016 gestrichen und wird den Anteilseignern auf der am 18. Juli stattfindenden Hauptversammlung vorschlagen, auf eine Dividende zu verzichten.

Finanziell sieht man sich dennoch gut aufgestellt. Die an der Bilanzsumme gemessene Eigenkapitalquote liegt nach Solarcomplex-Angaben bei aktuell 28 Prozent und sei über die Jahre "leicht steigend". Man sei "von der Finanzierung durch Banken weitgehend unabhängig", sagte Müller.

Frisches Geld für weitere Energieprojekte soll durch eine zehn Millionen Euro schwere Tranche an Genussscheinen hereinkommen, die Solarcomplex für einen festen Zinssatz von bis zu drei Prozent an Interessierte ausgeben will. Einen entsprechenden Vorschlag will man der Hauptversammlung im Juli unterbreiten. Geld von der Bank gebe es zwar aktuell "billiger", der Anspruch von Solarcomplex sei aber weiterhin eine "bürgerfinanzierte Energiewende". Deswegen mache man das Angebot einer breiten Öffentlichkeit, so Müller.

Hohe Renditen mit Sonnenstrom

Rückenwind fürs Geschäft erhofft man sich vor allem durch Solar-Projekte. Der Fotovoltaik-Bereich ziehe langsam wieder an, sagte der Solarcomplex-Vorstand. Die Stromerzeugung mit Solarmodulen sei "extrem günstig" geworden. Insbesondere gelte dies für Gewerbebetriebe, die ihren Strombedarf so steuern können, dass ein möglichst großer Teil der selbst erzeugten Energie auch selbst verbraucht werde. Der Grund: Eine Kilowattstunde Sonnenstrom vom Dach kann heute für 8 bis 10 Cent produziert werden. Kleine Gewerbebetriebe zahlen mitunter aber bis zu knapp 30 Cent, wenn sie Energie beim Versorger ordern. Müller sparch von oft "zweistelligen Kapitalrenditen", die durch Fotovoltaikanlagen erreichbar seien. Ähnliches gelte auch für Dachsolaranlagen auf Wohnhäusern. Weil hier allerdings meist weniger eigener Solarstrom auch selbst verbraucht werde, seien die Gewinne, die mit einer entsprechenden Anlage erzielt werden könnten, meist auch etwas geringer.

Zukunft der Windkraft

Die Zukunft der Windkraft im Land ist offen. Bei der ersten Ausschreibungsrunde für Windstrom, deren Ergebnisse vor Kurzem veröffentlicht wurden, kamen Bieter aus dem Südwesten nicht zum Zug. Sie boten Strom aus ihren geplanten Anlagen zu teuer an. Die Ausbau-Ziele der Landesregierung für Windenergie sind in Gefahr. (wro)

.Warum der Bau von Windrädern in Baden-Württemberg ins Stocken gerät. www.sk.de/exklusiv