Autonom fahrende Roboterautos versprechen den Insassen vor allem eines: grenzenlose Entspannung. Ohne sich um rote Ampeln, chaotische Radler oder den Gegenverkehr zu kümmern, sollen die Passagiere von den High-Tech-Limousinen der Zukunft sänftengleich von A nach B kutschiert werden. Ohne Staus, ohne Stress. Daniel Stauss sieht das anders: „Genießen können die Fahrt in einem Roboterauto die Wenigsten. Den meisten Passagieren wird wohl ziemlich schnell übel“, sagt der Professor für Systemische Neurowissenschaften und Neurotechnologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW). „Wenn man technisch nicht gegenhält, werden die Insassen schlicht seekrank.“

Das könnte Sie auch interessieren

Tatsächlich hat das auch als Reise- oder Raumkrankheit bekannte Phänomen das Potenzial, einen der wohl heißesten Trends im gesamten Mobilitätsbereich gleichsam abzuwürgen. Die Zukunftshoffnung einer ganzen Branche wäre dahin. Der Traum vom fahrerlosen Herumkutschieren ausgeträumt. Denn wer würde freiwillig in ein Roboterauto steigen, wenn er doch wüsste, mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz darauf leicht fröstelnd, mit kaltem Schweiß und einem stechenden Brechreiz an der nächsten Bordsteinkante zu enden?

ZF holt sich Unterstützung bei Neurowissenschaftlern

Damit das nicht geschieht, hat der Automobilzulieferriese ZF zusammen mit einer Forschergruppe um den Neurowissenschaftler Stauss ein Anti-Seekrankheits-Projekt gestartet. Die Interessen des Friedrichshafener Milliardenkonzerns sind klar. Er will im künftigen Milliardenmarkt autonomer Fahrzeuge mitmischen und nebenbei das Reisen für Millionen von reisekranken Beifahrern auch heute schon erträglicher machen. Als klassischer Automobilzulieferer betrete man mit dem Projekt Neuland, sagt Florian Dauth, der die Anti-Seekrankheitsforschung bei ZF koordiniert. Dass neurophysiologische Erkenntnisse genutzt würden, um das Wohlbefinden der Autoinsassen zu verbessern, sei in der Branche „noch eher unüblich“.

Vielen wird beim Beifahren übel

Die Zeit dafür scheint jedenfalls reif. Medizinischen Erkenntnissen zufolge ist nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen gegen die Symptome der Seekrankheit einigermaßen gefeit. Bei knapp 70 Prozent schlagen die Symptome voll durch. Trends wie das zunehmend automatisierte Fahren führen dazu, dass sich der Kreis der Betroffenen noch erhöht, denn einen Fahrer gibt es in dem neuen Fortbewegungsmittel nicht mehr. Und nur wer am Steuer sitzt, kann sicher sein, von den an leichte Vergiftungserscheinungen erinnernden Symptomen verschont zu werden. „Das Thema geht fast alle an“, sagt Dauth. Das Phänomen entsteht, weil sich die Sinne des Menschen nicht einig sind, was genau eigentlich gerade passiert. Sitzt eine Person etwa auf der Rückbank eines Wagens und liest ein Buch, gehen die Augen davon aus, dass der Körper ruht. Gleichzeitig vermitteln Beschleunigungsvorgänge oder Bodenwellen dem Gleichgewichtssinn das Gefühl von Bewegung. Die Folge ist, was Neuroforscher Stauss als „Sensor-Mismatch“ – also eine Wahrnehmungsdiskrepanz – bezeichnet. Sie verursacht die Übelkeit und das Unbehagen.

Daddeln im Auto? Für die meisten Passagiere geht das schief. Ihnen wird übel. Bild: ZF
Daddeln im Auto? Für die meisten Passagiere geht das schief. Ihnen wird übel. Bild: ZF | Bild: Dominik Gigler

Um gegenzuhalten, hat der Fahrwerksspezialist ZF tief in die Trickkiste gegriffen. „Einer unserer Ansätze ist es, die Bewegungen des Innenraums so weit wie möglich zu reduzieren“, sagt Christoph Elbers von ZF. Insbesondere Auf- und-Ab-Bewegungen, wie sie etwa entstehen, wenn ein Auto über ein Schlagloch hoppelt, haben die ZF-Ingenieure dem Kampf angesagt. Sind sie es doch, die an Bord für Übelkeit sorgen. Dazu haben sie ein Fahrwerk entwickelt, dessen Stoßdämpfer einzelne Räder immer genau dann hochziehen, wenn Sensoren Unebenheiten in der Fahrbahn erkennen. „Bei einer Bodenwelle hebt das Auto einfach ein Bein“, sagt Elbers verschmitzt.

Codename: Fliegender Teppich

Zusammen mit einem System, das die Neigung bei Kurvenfahrten drastisch reduziert, soll der Fahrkomfort so auf eine neue Stufe gehoben werden und zugleich die Auswirkungen der Seekrankheit reduziert werden. Einen Namen hat ZF für das Wunderfahrwerk auch schon: fliegender Teppich.

Computerdarstellung des Probanden. Gestik und Temperatur werden gemessen.
Computerdarstellung des Probanden. Gestik und Temperatur werden gemessen. | Bild: Dominik Gigler

Zwar verfolgen Konkurrenten wie ThyssenKrupp ähnliche Konzepte, ZF sieht sich aber vorn – insbesondere weil die Forscher das Fahrwerk gezielt auf den Faktor Mensch abstimmen. Im ZF-Testfahrzeug beispielsweise erfassen Sensoren Gesten, Hauttemperatur und Schweißbildung der Insassen und ziehen aus den Daten Rückschlüsse auf deren Verfassung. Werden Anzeichen der Reisekrankheit erkannt, hält das System automatisch dagegen, etwa indem Beschleunigungsvorgänge angepasst oder Fahrwerksfunktionen zugeschaltet werden. Ein besonderes Technik-Schmankerl: Ultraschallquellen, Töne und Leuchten, die im Innenraum der Fahrzeuge installiert sind, lenken das durch die Seekrankheit ausgelöste Sinnes-Chaos wieder in normale Bahnen. So wird der Sensor-Mismatch einfach ausgeknipst.

Auto als rollende Disco?

Eine rollende Disco sind die Seekrankheits-freien ZF-Autos nicht. „Wir arbeiten so nah an der Bewusstseinsschwelle, dass die Systeme die Passagiere nicht stören“, verspricht Wissenschaftler Stauss. Die Technologie, die sich nach Einschätzung der ZF-Experten im Moment noch im Forschungsstadium befindet, könnte ihre positive Wirkung weit jenseits des Automobilbereichs entfalten. Möglich wäre, das System künftig „auf andere Felder auszudehnen“, sagt Stauss, etwa auf die Seeschifffahrt oder aber auf die im Industriebereich immer wichtiger werdende Zusammenarbeit von Mensch und Roboter. „Im Grunde versuchen wir gerade die Befindlichkeit des Menschen genau zu erfassen und zu verstehen, um ihn so besser in ein technisches System integrieren zu können.“ Das autonom fahrende Auto sei da erst der Anfang.