Sie haben es sich nicht leicht gemacht. 16 Stunden haben Arbeitgeber und Gewerkschaft IG Metall am Wochenende verhandelt, um dann doch entnervt den Bettel hinzuwerfen. Jetzt werden zum ersten Mal in der Geschichte ganztägige Warnstreiks gut 270 Metallbetriebe quer durch Deutschland lahmlegen. Ab heute ist es soweit. Und Baden-Württemberg ist das Zentrum der Auseinandersetzung. Rund ein Drittel der bundesweit bestreikten Betriebe liegen im Südwesten – darunter so klingende Namen wie ZF oder Stihl.

Die Warnstreik-Welle trifft auf eine Konjunktur unter Volllast. Die Auftragsbücher berstend voll. Wer heute eine Spezialmaschine bestellt, kann sie teils erst nach zwei bis drei Jahren abholen. Die Auslastung der Werke liegt oft jenseits der 90 Prozent – und damit fast auf historischem Niveau. In so einer Situation entfalten Streiks normalerweise ihre maximale Wirkung. Übertrieben gesagt kann schon ein einziger fallen gelassener Schraubenschlüssel die Produktion ins Stocken bringen. Dass die Werker nun reihenweise ihre Arbeit niederlegen, wird die Firmen hart treffen. Auf 62 Millionen Euro haben Ökonomen die finanziellen Einbußen der Warnstreik-Welle geschätzt.

Die Tarifverhandlungen haben bislang nicht zum Ziel geführt, weil eine machtbewusste IG Metall aufs Ganze geht: Deutlich mehr Lohn und eine vollkommen neue Systematik der Arbeitszeiten. Noch wichtiger: Die Gewerkschaft hat einen neuralgischen Punkt der Arbeitgeber getroffen. Der Forderungs-Mix lässt die Firmenchefs fürchten, bald nicht mehr Herr im eigenen Haus – oder besser: im eigenen Betrieb – zu sein. Kurz gesagt will die IG Metall im Gegenzug für Zugeständnisse beim Thema Arbeitszeiten die Mitbestimmung ausweiten. Ein Gewerkschafts-Veto soll jede Abweichung von den 35-Stunden nach oben verhindern können. Als "Fallbeil" über einer Verhandlungslösung hat Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick dieses Ansinnen bezeichnet. Damit hat sich bereits die zweite rote Linie aufgetan. Schon sehr früh hatten es die Arbeitgeber bekanntlich abgelehnt, den Mitarbeiter einen Anspruch auf phasenweise Arbeitszeitverkürzung bei teilweisem Lohnausgleich einzuräumen.

Wollte man die Gemengelage aus Sicht der Betriebe zusammenfassen, könnte man sagen: "Zu viel Selbstbestimmung der Mitarbeiter und zu wenig Beachtung betrieblicher Belange." Vom Arbeitnehmerparadies ist daher die Rede – eine Einschätzung, die man angesichts von Durchschnittsgehältern von 64 000 Euro brutto in der baden-württembergischen Metall- und Elektrobranche bei einer generellen 35-Stunden-Woche durchaus teilen mag.

Nüchtern betrachtet spiegelt der gehörige Schluck aus der Tarif-Pulle, den die IG Metall will, allerdings nur die sich wandelnden Kräfteverhältnisse im Arbeitsmarkt wider. Rein aus demografischen Gründen werden bis 2030 rund sechs Millionen Arbeitnehmer aus dem deutschen Arbeitsmarkt ausscheiden. Wie nach dem Krieg wird die Fachkräfteversorgung künftig zum alles entscheidenden Faktor in einer wachsenden Volkswirtschaft. Die Arbeitgeberseite wird daher nicht umhinkommen, die Arbeitsbedingungen kontinuierlich zu verbessern und Fachkräften mehr Autonomie einzuräumen, etwa wenn es um die Vereinbarung von Familie und Beruf geht. Mit Ideologie hat das nichts zu tun. Es ist eine reine Machtfrage.

Eines sollten aber auch die Arbeitnehmer und ihre Vertreter nicht vergessen. Eine Spaßveranstaltung ist Unternehmertum im Hochlohnland Deutschland mit all seiner Bürokratie und seinen regulatorischen Einschränkungen auch nicht mehr. Speziell für kleine Mittelständler ist die Latte an Standortnachteilen lang geworden. Der industrielle Friede war es bisher, der alle diese Nachteile egalisiert hat, weil er Verlässlichkeit und Konstanz garantierte. Das hielt die Jobs hier. Ein Zurück zum Verhandlungstisch sollte daher oberstes Interesse aller sein.