Vor „Theurichs Einkaufswelt“ dreht eine ältere Frau einen Postkartenständer. „Wenn ich schon nicht persönlich zum Geburtstag gratulieren darf, will ich doch wenigstens eine Karte schicken“, sagt die Dame, bevor sie ihr Einkaufswägelchen nimmt und in den Laden geht.

An der Kasse stehen Kunden an, um Geschenkartikel, Spielwaren, Haushaltsgegenstände und eben Postkarten zu bezahlen. Inmitten all der geschlossenen Geschäfte in der Meersburger Altstadt herrscht in dem kleinen Familienbetrieb noch ein Hauch von Normalität. In der Schlange wird geredet, gelacht, gejammert. „Dass wir hier noch einkaufen dürfen, tut sehr gut“, sagt ein Mann.

Jutta Theurich (rechts) – hier mit einer Mitarbeiterin – hofft auf die Treue der Kunden.
Jutta Theurich (rechts) – hier mit einer Mitarbeiterin – hofft auf die Treue der Kunden. | Bild: Sandra Markert

Der Laden darf nur deshalb noch geöffnet haben, weil er die Postfiliale beherbergt und auch Zeitschriften verkauft werden. Die zweite Theurich-Filiale in Meersburg sowie die Läden in Immenstaad und Friedrichshafen dagegen sind seit dem 19. März geschlossen. „Für die meisten unserer 22 Mitarbeiter haben wir Kurzarbeit angemeldet. Und hier in Meersburg arbeiten vor allem noch mein Mann und ich“, sagt Jutta Theurich, die Inhaberin des kleinen Kaufhauses.

Als Vorsitzende des Gewerbevereins „Aktiv für Meersburg“ weiß Jutta Theurich, was für ein großes Glück sie in diesen Tag hat, dass sie überhaupt noch etwas verkaufen darf. „Die meisten unserer Mitglieder sitzen von einem Tag auf den anderen bei den Einnahmen auf dem Trockenen. Und die Fixkosten für Pacht oder Miete, für Strom und Versicherungen bleiben.“

Appell an die Treue der Kunden

Doch auch Jutta Theurich traut sich gar nicht durchzurechnen, wie lange der Familienbetrieb, in dem neben ihrem Mann Gerd auch ihr Sohn Marc Theurich mitarbeitet, die aktuelle Situation finanziell durchhalten kann. Dann hilft sie einem Mitglied des Gewerbevereins dabei, einen Aushang für den Laden zu kopieren. Darauf steht, warum das Geschäft derzeit geschlossen hat und dass unter der angegebenen Telefonnummer aber gern trotzdem weiterhin Bestellungen aufgegeben werden können.

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„Es liegt jetzt auch bei den Kunden, den Händlern vor Ort in dieser schwierigen Situation die Treue zu halten und nicht bei den großen Shops im Internet zu bestellen“, sagt Jutta Theurich. Denn umfangreiche staatliche Hilfen seien zwar versprochen worden. „Noch weiß aber keiner genau, wie diese aussehen, wer davon wirklich profitiert und vor allem, ob dieses Geld reichen wird, damit die Läden nach der Corona-Krise wirklich wieder aufmachen können.“

„Es ist eine besondere Zeit“

„Nach derzeitigem Kenntnisstand bleibt dieses Geschäft geöffnet. Es ist eine besondere Zeit! Umso schöner, wenn ich Sie hier begrüßen kann!“ Trotz der offenen Türe und dem freundlichen Begrüßungsschild steht Christiane Ebert alleine in ihrem Teeladen „Herby & Spicy“. „Da mein Tee, meine Heilkräuter und meine Gewürze zu den Lebensmitteln zählen, bin ich von den aktuellen Schließregeln nicht betroffen“, sagt die Inhaberin.

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Ihre Kunden finden den Weg dennoch nur noch selten in ihr Geschäft in der Winzergasse in Meersburg. „Sie sind verängstigt und verunsichert. Und Urlauber sowie Tagestouristen sind ohnehin keine mehr unterwegs und die machen bei uns ja einen guten Teil der Kundschaft aus“, schildert Ebert die Situation. Am 29. März hätte der Meersburger Gewerbeverein mit einem Frühjahrsmarkt die Saison offiziell eröffnet. „Das fällt nun genauso flach wie das Geschäft mit den Osterurlaubern“ sagt Ebert.

Ihren Laden gibt es erst seit einem Jahr, einen Rückgang bei den Kunden oder gar eine komplette Schließung, „das habe ich überhaupt nicht einkalkuliert“. Eigentlich wollte sie in diesem Sommer eine Mitarbeiterin einstellen, jetzt ist sie froh, dass sie noch nur für sich alleine verantwortlich ist.

Eine Fähre von Konstanz steuert Meersburg an. In dem Ort, in dem sich bei schönem Wetter sonst die Urlauber drängen, sind viele Geschäfte geschlossen.
Eine Fähre von Konstanz steuert Meersburg an. In dem Ort, in dem sich bei schönem Wetter sonst die Urlauber drängen, sind viele Geschäfte geschlossen. | Bild: Achim Mende

Die Zeit allein zwischen Teedosen und Tassen verbringt sie derzeit vor allem damit, Lieferungen zu stornieren und Waren zurückzuschicken, um zumindest diese Ausgaben möglichst herunterzufahren. „Das funktioniert in der Regel ganz gut, man trifft da auf großes Verständnis“, sagt Ebert.

Ohne staatliche Hilfen wird aber auch sie die Ausfälle nicht verkraften können. „Ich hoffe, die Gelder können schnell und vor allem unbürokratisch beantragt werden“, betont sie. Dann zieht sie ihre schwarze Schürze glatt und setzt ein freundliches Lächeln auf. Eine Kundin hat den Laden betreten.

Diese Hilfen gibt es für Kleinbetriebe

Auf dem Weg die Steigstraße hinunter Richtung See, in der sich bei schönem Wetter sonst die Urlauber drängen, sind die Rollläden vieler Geschäfte geschlossen. Cafés und Eisdielen haben die Stühle hochgestellt, überall weisen Schilder auf die Zwangsschließungen hin.

Auch bei „Zierat“, einem Laden, der normalerweise Mode, Wohnzubehör und Blumen verkauft sowie ein kleines Café beherbergt, sind die Lichter aus. Aber drinnen am Schaufenster huscht ein Schatten vorbei. Inhaberin Angela Messerle ist kurz vorbeigekommen, um ihre Pflanzen zu gießen. „Die ganzen Frühlingsblumen habe ich vor der Schließung an die Nachbarschaft verschenkt“, sagt Messerle, als sie die Tür aufschließt. Dann entschuldigt sie sich für ihre Freizeitkleidung – gemütliche Hose und Sweatshirt. „Aber ich habe ja nicht mit Kundschaft gerechnet“, sagt sie und zwinkert mit dem Auge.

Angela Messerle hat das Ostergeschäft abgeschrieben.
Angela Messerle hat das Ostergeschäft abgeschrieben. | Bild: Sandra Markert

Neben den leeren, kleinen Cafétischen stapeln sich Berge von Kartons. „Das hat die Spedition heute Morgen gebracht. Das ist die letzte Lieferung, die ich leider nicht mehr rechtzeitig stornieren konnte“, erläutert Messerle. Lust, die Pakete aufzumachen, hat sie keine. Sie weiß auch so, dass der Inhalt derzeit nicht mehr ist als gebundenes Geld, das sie anderweitig gebrauchen könnte.

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Beispielsweise, um ihre zehn Mitarbeiter zu bezahlen, die sie in Meersburg und in Langenargen beschäftigt. „Ich habe zwar Kurzarbeit angemeldet und auch schon mit meiner Bank telefoniert. Aber so recht weiterhelfen kann einem da derzeit keiner“, sagt Messerle. Einziger Lichtblick in den letzten Tagen war ihr Vermieter. „Der hat mir von sich aus angeboten, dass ich erstmal nur noch die halbe Miete zahlen muss. Das ist wirklich sehr, sehr anständig.“

Dann schaut sie etwas traurig auf die ganzen Hasen, Hühner und Eier, die in den Regalen vergebens auf ihren Verkauf warten. „Die werde ich wohl für nächstes Jahr wieder einpacken müssen“, sagt Messerle. „Das Einzige, worauf wir jetzt noch hoffen können, ist eine Sommersaison, in der zumindest deutsche Urlauber zu uns kommen.“ Denn mit den Scharen an ausländischen Gästen, die Meersburg im Sommer normalerweise in einen quirligen Touristenort verwandeln, rechnet hier schon keiner mehr so recht.