Herr Münzer, die Anzeichen für eine Krise in der Wirtschaft mehren sich. Wie ist die Stimmung der Firmen in Baden-Württemberg?

Die Lage in Baden-Württembergs Industrie ist äußerst durchwachsen. Zwar gibt es immer noch Firmen, denen es gut geht. Seit einem halben Jahr häufen sich jedoch die schlechten Nachrichten. Viele Unternehmen liegen hinter ihren Prognosen zurück und auch deutlich hinter den Werten von 2018. Schichten werden gestrichen, Arbeitszeitkonten geleert und es gibt Fälle von Kurzarbeit. Das ist der normale Konjunkturzyklus, den es aber schon lange nicht mehr gegeben hat.

Ist die Lage mit dem harschen Abschwung in Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 vergleichbar?

2009 erschütterte die Lehman-Pleite die Weltwirtschaft wie ein Donnerschlag. Heute sind es viele Einzelfaktoren, die zur Verunsicherung beitragen. Der Handelsstreit zwischen China und den USA, der Brexit und allgemein die Renationalisierung der Politik. Anders als damals sieht man vielleicht ein Tal vor sich, aber keinen Abgrund.

Wichtige Kennziffern des Standorts Baden-Württemberg
Wichtige Kennziffern des Standorts Baden-Württemberg | Bild: Bernhardt, Alexander

Welche Branchen trifft es?

Unternehmen, die ihre Produkte der Automobilindustrie zuliefern, sind besonders betroffen. Aber wir merken die Abkühlung auch im Maschinenbau, in dem im Südwesten gut 300.000 Menschen arbeiten. China hat in den vergangenen Monaten seine Rolle als globaler Nachfragetreiber eingebüßt. Eine von den Autoherstellern verpatzte Umstellung beim WLTP-Prüfverfahren hat seit Herbst 2018 zu Nachfragerückgängen in den Zulieferketten geführt. Auch der Strukturwandel zur Elektromobilität macht sich im Stimmungsbild bemerkbar, wenn auch in Zahlen noch nicht so stark. Das Thema wird uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten beschäftigen.

Wie fern ist eine
Rezession?

Eine Rezession ist noch nie rechtzeitig angesagt worden. Im Moment ist aufgrund der politischen Probleme vieles möglich, aber ich sehe noch keinen Grund zur Panik. Das war im Jahr 2009 anders.

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Ist der Standort noch attraktiv?

In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für die Industrie eindeutig verschlechtert. Das fängt bei der Steuerbelastung an. Nach Belgien ist Deutschland steuerlich betrachtet das zweitteuerste Land Europas und belegt einen traurigen Spitzenplatz in der Welt. Das wiegt umso schwerer, da wir für die vielen Steuern wenig Infrastruktur zurückbekommen. Es fehlen Straßen, Schienenwege und – natürlich – digitale Infrastruktur. Während Südkorea 5G flächendeckend einführt, sitzt man im Schwarzwald im Funkloch. Das passt nicht zu einem Land unserer Wirtschaftskraft. Die zunehmende Bürokratie – Stichwort DSGVO –, die hohen Energiekosten und der Fachkräftemangel drücken auf die Wettbewerbsfähigkeit.

Produktionsjobs entstehen schon seit Jahren eher im Aus- als im Inland. Kann dieser Trend noch umgekehrt werden?

Die Industrie hat in den letzten Jahren viele neue Arbeitsplätze im Inland geschaffen – aber eben nicht so viele wie im Ausland. Beim Aufbau von Werken im Ausland spielten nach 1989 vor allem die niedrigen Produktionskosten und die Erschließung neuer Märkte eine Rolle. Heute ist der Fachkräftemangel ein weiterer Motor für die Globalisierung. In Osteuropa oder auf dem Balkan finden wir noch die Köpfe und Hände, die die Unternehmen brauchen. Ein wichtiger Grund ist auch, dass manche Firmen vor dem hochregulierten Arbeitsmarkt Reißaus nehmen.

Klassischer Industriejob: Ein Mann besfestigt mit einem Schraubenschlüssel eine Mutter.
Klassischer Industriejob: Ein Mann besfestigt mit einem Schraubenschlüssel eine Mutter. | Bild: DPA

Sie scherzen. Seit den Agenda-Reformen ist der Arbeitsmarkt doch alles andere als hochreguliert. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas und der Mindestlohn wurde erst mit Verspätung eingeführt.

Seit der Ära Schröder hat sich vieles verschlechtert. Tarifliche und arbeitsrechtliche Regelungen sind in der Summe wieder zu einer grenzwertigen Belastung geworden. Im Bereich der Metall- und Elektroindustrie, und vor allem für die spreche ich hier, ist auch durch den problematischen 2018er-Tarifabschluss vieles zu teuer und vor allem zu bürokratisch geworden. Die Folge ist eine beschleunigte Erosion der Tarifverträge. Das Phänomen sehen wir eigentlich schon seit 30 Jahren, es fehlen aber noch immer die richtigen Rezepte.

Was heißt das?

In unserem Verband, der mehr als 1000 Firmen und 225 000 Beschäftigte umfasst, sind keine zehn Prozent der Betriebe mehr im Tarif oder knapp dreißig Prozent der Arbeitsplätze. Der Tarif gilt vor allem bei den Großen, weniger im Mittelstand. Absetzungsbewegungen gibt es weiterhin vor allem bei kleineren Betrieben. Aber auch bei großen Mittelständlern herrscht Unmut.

Bild: WVIB

Warum ist das so?

Für manche Unternehmen ist der Tarifabschluss zu starr und zu teuer. Automobilzulieferer müssen ihre Komponenten jedes Jahr drei Prozent billiger anbieten, das ist branchenüblich. „Wenn – wie in den Jahren 2018 und 2019 – durch den Tarifabschluss eine wirtschaftliche Effektiv-Belastung von vier Prozent jährlich hinzukommt, ist die Frage, wie die Unternehmen diesen Preisverfall und Kostendruck kompensieren sollen. Das ist eine Kostenpeitsche, die im Boom erträglich ist, aber schwerlich im Abschwung. Übrigens: Der Durchschnittslohn in der Metall- und Elektroindustrie im Südwesten liegt aktuell bei 63 000 Euro im Jahr. Das ist so hoch wie der Spitzensteuersatz bei Singles.

In unserem Nachbarland der Schweiz, würde sich für 63 000 Euro im Jahr niemand im Schichtbetrieb nachts in eine Fabrik stellen. Dennoch ist das Land hoch wettbewerbsfähig…

Gehen Sie mal in ein einfaches Schweizer Restaurant, dann sehen Sie, dass die Gehaltsproportionen stimmen. Schweizer Firmen profitieren von einer hohen Flexibilität, die die Konkurrenz jenseits der Grenze nicht hat. Flexibel ist in Deutschland mittlerweile nur noch der Arbeitnehmer. Eltern- und Pflegezeiten, Brückenteilzeit, Auszeiten für Qualifizierung oder die jüngst eingeführte tarifliche Wahlmöglichkeit zwischen Geld und freien Tagen. Das alles konterkariert die Flexibilität des Unternehmens. Es ist doch ganz einfach. Wenn Aufträge da sind, muss gearbeitet werden, und mehr Freizeit ist möglich, wenn das Geschäft abnimmt. Diese einfache Logik wird zusehends verunmöglicht. Als Folge sinkt die Wettbewerbsfähigkeit. Oder Betriebe treten eben aus dem Tarif aus.

Sie wollen jetzt aber nicht den Flächentarifvertrag abschaffen?

Tarifautonomie und Tarifverträge sind eine gewaltige Errungenschaft, davon bin ich seit vielen Jahren überzeugt. Die Regelungen haben sich aber im Lauf der Jahrzehnte von Mindest- zu Höchststandards gewandelt. Die Tarifpartner müssen eine Reformdiskussion führen. Tarifverträge müssen einfacher werden. Und es braucht mehr betriebliche, aber auch regionale Flexibilität. Sonst wird die Tarifflucht zunehmen.

Studien zeigen, dass Branchen mit guten Tarifverträgen deutlich weniger Probleme haben, Fachkräfte zu gewinnen, als andere. Ist das kein Argument?

Dass Geld und Arbeitsbedingungen nur im Tarifbereich stimmen, ist doch nicht wahr. Das Bild hat sich nur verfestigt, weil Teile der Politik diesen Eindruck bewusst vermitteln. Wenn Arbeitsminister Hubertus Heil alle nicht-tarifgebundenen Unternehmen pauschal des Lohndumpings bezichtigt, dann tut uns das körperlich weh. Die neunzig Prozent der Mitgliedunternehmen im WVIB, die nicht mehr tarifgebunden sind, sind wirklich keine frühkapitalistischen Ausbeuter. Viele lehnen sich in ihren Konditionen an tarifliche Regeln an, meiden den Tarif aber, weil er so starr und komplex ist.

Nicht nur die IG-Metall, auch das Arbeitsministerium von Hubertus Heil macht in Sachen Tarifbindung, Tariftreue und Arbeitnehmerrechten Druck. Wer piesackt die Firmen am meisten?

Bundesregierung und Gewerkschaften arbeiten gerade an der falschen Baustelle. De facto versucht die Politik momentan, die Firmen durch Anreize in die Tarifbindung zu locken. Das ist aber nicht ihr Job, sondern Sache der Tarifpartner. In Summe ergibt sich derzeit eine Doppelbelastung aus tarifvertraglichen und gesetzlichen Regelungen, bei der wir langsam aufpassen müssen. Geht das in dem Tempo weiter, bezahlen wir das irgendwann mit dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wir sägen an dem Ast auf dem wir sitzen, und zwar mit beiden Händen und einer scharfen Säge.

Zur Person

Christoph Münzer stand schon immer an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Politik. Nach einem Studium der Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre, einem Auslandsaufenthalt und einer Promotion landete der 1962 in Gengenbach geborene Schwarzwälder 1996 als Redenschreiber im Vorzimmer des einflussreichen Südwestmetall-Chefs Dieter Hundt. Als dieser ein Jahr später zum BDA-Chef aufstieg, nahm er Münzer mit. Seit 2005 ist Münzer nun Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen (WVIB). (wro)