Herr Siebenkotten, die Mieten in den Städten steigen seit Jahren. Wann ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Das weiß ich auch nicht. Wenn nicht wirklich etwas getan wird, ist damit zu rechnen, dass es so weitergeht. Und das würde soziale Verwerfungen nach sich ziehen und den sozialen Frieden gefährden.

Das heißt, Sie rechnen in der Zukunft mit Hausbesetzungen und gewaltsamen Demonstrationen?

Das ist denkbar. Wenn ein Drittel der Bevölkerung nicht mehr in der Lage ist, zu bezahlbaren Konditionen eine Wohnung zu mieten, dann stimmt etwas nicht. Dann wird es nicht mehr dabei bleiben, dass nette Menschen friedlich auf die Straße ziehen.

Warum sind die Mieten in den letzten Jahren so stark gestiegen?

Über viele Jahre ist – wenn überhaupt – vor allem für wohlhabende Mieter gebaut worden. Der Bereich des bezahlbaren Wohnens ist vernachlässigt worden, weil private Investoren dort nur niedrigere Rendite erwartet haben.

Auf dem Land sind die Mieten teilweise sogar gesunken. Sollten also mehr Leute aus den Städten zurück aufs Land ziehen?

Prinzipiell ja. Aber die meisten Arbeitsplätze sind nun mal in der Stadt. Wenn jemand in München eine Arbeit findet, kann man ihm keine Wohnung in Hoyerswerda anbieten. Zudem fehlt es auf dem Land oft an der Infrastruktur wie Schulen, der Verkehrsverbindung und der Versorgung mit Ärzten. Auch wegen des kulturellen Angebots arbeiten hoch qualifizierte Arbeitnehmer lieber in den großen Städten. Deswegen siedeln sich Unternehmen wiederum lieber in Ballungsräumen an als auf dem Land.

Heutzutage gibt es viele Single-Haushalte, während früher oft drei Generationen unter einem Dach gewohnt haben. Spielt dieser gesellschaftliche Wandel auch eine Rolle beim Anstieg der Mieten?

In Berlin sind mittlerweile fast 60 Prozent aller Haushalte Ein-Personen-Haushalte. Und überall da, wo ein Mensch eine Wohnung für sich alleine benötigt, steigt der Wohnraumbedarf pro Person, was die Knappheit erhöht. Damit muss man kreativ umgehen. Zum Beispiel wäre es hilfreich, wenn alleinstehende Witwer und Witwen nach dem Tod ihres Ehepartners in eine kleine Wohnung ziehen würden. Aber wenn die kleinere Wohnung genauso teuer ist oder sogar noch teurer als die alte, besteht dafür natürlich kein Anreiz.

Das könnte Sie auch interessieren

Verschärft der Zuzug von Flüchtlingen die Wohnungsknappheit?

Die Wohnungsknappheit gab es schon vor der Flüchtlingskrise, aber diese hat das Problem noch angeheizt. Aber die Antwort darauf kann nicht heißen, dass wir keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen. Wir müssen sowohl für den einen als auch für den anderen Wohnraum schaffen.

Der Konstanzer Ökonom Friedrich Breyer hat kürzlich vorgeschlagen, den sozialen Wohnungsbau zurückzufahren und dafür das Wohngeld zu erhöhen, um den Marktmechanismus auf dem Wohnungsmarkt aufrechtzuerhalten. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Wir brauchen eine Mischung aus Wohngeld und sozialem Wohnungsbau. Nur einseitig auf das Wohngeld zu setzen, würde die Mieten weiter steigen lassen, weil Vermieter die Steigerung einpreisen und die Mieten erhöhen würden.

Aber führt der soziale Wohnungsbau nicht dazu, dass nach einiger Zeit auch Mieter, die dank einer Gehaltssteigerung sich eigentlich eine normale Wohnung leisten könnten, die Wohnungen für Bedürftige blockieren?

Das mag sein. Aber der soziale Aufstieg führt auch zu einer Durchmischung der Wohnbevölkerung. Ich möchte keine Verhältnisse wie in Frankreich, wo die Reichen in der Stadt wohnen und die Armen in ghettoartigen Banlieues am Stadtrand.

Die Mietpreisbremse, von der Sie sich viel erhofft hatten, ist unter dem Strich ein Flop, oder?

Die Mietpreisbremse funktioniert leider selten. Es gibt einfach zu viele Ausnahmetatbestände. So greift die Mietpreisbremse nicht bei einer schon überteuerten Vormiete, bei Neubauten, nach Modernisierungen und in der Praxis auch kaum bei möblierten Wohnungen. Es war ein Fehler, die Mietpreisbremse nicht sortenrein umgesetzt zu haben.

Warum schaffen wir sie dann nicht einfach als Beitrag zum Bürokratieabbau wieder ganz ab?

Das nutzt niemandem. Sie hilft zumindest einigen wenigen Mietern. Deswegen würde ich weiter an der Mietpreisbremse festhalten. Sie muss aber entscheidend nachgebessert werden.

Wenn Sie heute zwischen 30 und 40 Jahre alt wären, würden Sie eher mieten oder bauen?

Das kommt drauf an. In einem Ballungsraum würde ich eher mieten. Das Mieten ist auch eine Antwort auf die Flexibilität, die die Gesellschaft von Arbeitnehmern verlangt. Auf dem Land könnte ich mir vorstellen, zu bauen.