Herr Baudis, viele Menschen in Deutschland haben Angst vor der digitalen Zukunft. Welche Vorteile hat eigentlich ein ganz normaler Mensch von der Digitalisierung?

Es gibt viele praktische Vorteile im Alltag. Wenn ich heute eine Reise buche, geht das in zehn Minuten am Smartphone. Noch vor einer Generation habe ich dafür unter Umständen eine ganze Woche gebraucht. In der Zukunft kann die Zahl der Unfalltoten durch autonomes Fahren reduziert werden. In Haushalten können Roboter uns lästige Arbeiten wie spülen, bügeln oder Staub saugen abnehmen. In der medizinischen Beratung hilft eine Zweitmeinung durch künstliche Intelligenz. Ich würde der künstlichen Intelligenz in der Radiologie mehr vertrauen als einem überlasteten und übermüdeten Arzt. Dank der Digitalisierung werden wir Erkrankungen früher erkennen, was unsere Lebenserwartung erhöhen wird. Wir müssen aber dafür sorgen, dass die gesamte Gesellschaft von der Digitalisierung profitiert. Der Schlüssel dafür ist digitale Bildung in Schulen und Universitäten sowie Weiterbildungen in Unternehmen. Denn wenn Jobs durch die Digitalisierung wegfallen und wir darauf nicht vorbereitet sind, entsteht sozialer Zündstoff.

Frankreich hat einen Digitalisierungsminister, Deutschland einen Heimatminister. Sind wir hinreichend auf die Digitalisierung vorbereitet?

Vor drei Jahren standen wir auf einem Abstiegsplatz. Nun stehen wir im unteren Mittelfeld. Momentan spielen zwei Mannschaften auf dem Platz. Die USA sind der Innovationstreiber, Asien ist der Massenmarkt. Wir sitzen auf der Ersatzbank und müssen uns erst qualifizieren, um in diesem Spiel überhaupt mitspielen zu dürfen.

Wo müssen wir uns in Deutschland verbessern?

Wir brauchen mehr Risikokapital für Gründer. Das hängt auch an unserer konservativen Mentalität, aber die Politik könnte zumindest Gründerfonds ins Leben rufen, um Start-ups zu fördern. Zweitens brauchen wir das Schulfach Digitalisierung. Das heißt nicht, dass Kinder mit zwölf Jahren zwingend ein Smartphone besitzen müssen. Aber sie müssen lernen, mit digitalen Technologien umzugehen. Alles Auswendiglernen in der Schule ist dagegen absolut überflüssig. Man kann sich alle Daten aus der Cloud ziehen. Die Unterteilung des Schulsystems in Hauptschule, Realschule und Gymnasium halte ich für veraltet, denn damit hängt man einen Teil der Gesellschaft ab. Drittens müssen die Universitäten ihre Absolventen stärker dabei unterstützen, nach dem Abschluss ein eigenes Unternehmen zu gründen, anstatt zu einem Großkonzern zu gehen.

Was halten Sie von der These, dass die Deutschen ihre industrielle Hardware- und Ingenieurs-Kompetenz in der zweiten Halbzeit der Digitalisierung viel besser ausspielen können als in der Vergangenheit, wo der Endnutzer im Fokus stand?

Das ist Schönrederei. Es geht um digitale Geschäftsmodelle. Dinge zusammenschrauben kann jeder in der Welt, die Asiaten sogar günstiger als wir. Wir können uns auf unserer Hardware- und Feinmechanik-Kompetenz nicht ausruhen. Sie ist so wenig Wert, dass sie einfach von großen Digitalunternehmen aufgekauft werden kann. Wenn die deutsche Automobilindustrie weitermacht wie bisher, ist sie in zehn Jahren weg vom Fenster.

Aber die Autokonzerne sprechen gerade viel über Digitalisierung. Ist das nur Rhetorik?

Die Batterien für Elektroautos werden in Asien hergestellt. Das heißt, das zentrale Antriebselement des Autos der Zukunft liegt nicht mehr in unserer Hand. Das haben wir verschlafen. Auch beim autonomen Fahren sind Firmen wie Google uns meilenweit überlegen. Das autonom fahrende Auto der Google-Tochter Waymo muss alle 9000 Kilometer gewartet werden. Das von Mercedes-Benz alle 3,7 Kilometer. Diese Zahlen sagen schon alles und sprechen für sich. Die Zukunftsthemen der Mobilität liegen nicht mehr in Europa. Die Hütte brennt.

Der Vorstandschef des Daimler-Konzerns, Dieter Zetsche, trägt zumindest keine Krawatte mehr. Ist das nicht ein erster Schritt um lockerer zu werden und Hierarchien abzubauen?

Diese Tanker sind so groß, dass sie die Geschwindigkeit der Digitalisierung nicht aufnehmen können. Viele Technologien wie die künstliche Intelligenz sind kurz vor dem Abheben. Da reicht es nicht, einfach rote Schuhe anzuziehen. Sonst ist man irgendwann ein Kodak und niemand interessiert sich mehr für analoge Fotokameras. Oder man ist Microsoft und niemand interessiert sich mehr für PCs.

Durch welche Struktur kann man als Organisation an Fahrt Gewinn?

Einen großen hierarchischen Konzern kriegt man nicht schnell gedreht. Deshalb bietet sich eine Holding-Struktur an, in der verschiedene Teams unabhängig voneinander an unterschiedlichen Zukunftsthemen arbeiten. Man braucht mehrere Schnellbote statt einen großen Tanker.

Gibt es denn im digitalen Zeitalter gar nichts mehr, was wir Deutschen noch gut können?

Doch. Wir haben immer noch viel technologisches Teilwissen. Viele digitale Technologien sind in Europa erfunden worden, aber dann in den USA kommerziell weiterentwickelt worden. Aber wenn das so weitergeht, droht uns der Ausverkauf.

Warum ist künstliche Intelligenz gerade in aller Munde?

In den letzten fünf Jahren ist die Rechengeschwindigkeit extrem gestiegen. Zum Zweiten haben wir vor allem durch Milliarden Endgeräte wie Smartphone, Sensoren und Wearables viel mehr Daten zur Verfügung als früher. Dadurch kann die künstliche Intelligenz viel schneller lernen.

Wo sehen sie die wichtigsten Anwendungsbereiche von künstlicher Intelligenz?

Viele Unternehmen wie Amazon kennen ihre Kunden dank der künstlichen Intelligenz fast besser als sie sich selber und können viel schneller als früher auf ihre Bedürfnisse eingehen. Auch in der Landwirtschaft, im Finanzwesen und in der Medizin gibt es viele Anwendungsmöglichkeiten. Die künstliche Intelligenz ist dem Menschen nicht nur beim Schachspielen, sondern zum Beispiel auch in der Wertpapieranalyse überlegen.

Wo sehen Sie die Gefahren der Digitalisierung?

Die größte Gefahr ist, sich nicht auszukennen, denn dann wird man abgehängt. Nicht mitmachen zu wollen, ist die falsche Einstellung. Wer auf den Fußballplatz geht und einen Sitzstreik macht, bekommt drei Punkte abgezogen und vom DFB eine Strafe. Man muss einfach mitspielen wollen. Unser Arbeitsmarkt wird sich dynamisch verändern. Darauf muss man flexibel reagieren und sich immer wieder fortbilden.

Brauchen wir für die abgehängten Digitalisierungsverlierer ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Nein. Menschen brauchen eine Aufgabe. Sonst wenden sie sich radikalen Parteien zu. Ein modernes Hartz IV ist keine hinreichende Antwort auf die Digitalisierung.