Wovon Umweltfreunde mit Blick aufs Auto träumen, ist bei Fahrrädern längst Realität: Das Geschäft rund um den Drahtesel verschiebt sich mit rasender Geschwindigkeit in Richtung E-Mobilität. Während bundesweit erst rund 0,2 Prozent der Autos vollelektrisch ihre Runden drehen, ist bereits rund ein Viertel aller Fahrräder hierzulande mit Stromantrieb unterwegs.

Und das, obwohl die Technologie erst seit knapp einem Jahrzehnt zur Verfügung steht und es bis vor Kurzem keine staatliche Förderung gab. Zweistellige Zuwachsraten bei den Verkäufen waren in den vergangenen Jahren bei E-Fahrrädern dennoch eher die Regel als die Ausnahme. Entsprechend attraktiv ist das Geschäft auch für Firmen geworden, die eigentlich mit Velos nie etwas zu tun hatten.

Unter dem Namen Sachs baut ZF seit 2018 E-Antriebe für Räder. Er ist leicht und viel Leistung – der ZF-E-Antrieb.
Unter dem Namen Sachs baut ZF seit 2018 E-Antriebe für Räder. Er ist leicht und viel Leistung – der ZF-E-Antrieb. | Bild: Rosenberger

„Seit einiger Zeit werden die Karten unter den Anbietern neu gemischt“, sagt Gunner Fehlau, Gründer des Branchenportals Pressedienst-Fahrrad. Speziell im Bereich der Antriebe beträten immer mehr Unternehmen den Markt.

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Das trifft insbesondere für Automobilzulieferer zu. „Ziemlich interessant“ sei das einst als margenschwach und viel zu kleinteilig belächelte Drahtesel-Geschäft geworden, sagt Fehlau. Das Paradebeispiel dafür ist der Gerlinger Bosch-Konzern. Der weltgrößte Autozulieferer hat sich im letzten Jahrzehnt auch zu einem der Leitanbieter für E-Fahrradantriebe gemausert. Allein zwischen 2010 und 2015 verkaufte der Stiftungskonzern mehr als eine Million Fahrradantriebe. Mit einem Marktanteil von geschätzt bis zu 50 Prozent beherrscht das Unternehmen mit seiner in Reutlinger Firmensparte E-Bike-Systems den europäischen Markt.

Der bayrische Autozulieferer Brose hat sich mit seinen Fahrradantrieben zum echten Bosch-Konkurrenten gemausert.
Der bayrische Autozulieferer Brose hat sich mit seinen Fahrradantrieben zum echten Bosch-Konkurrenten gemausert. | Bild: Brose

Der Erfolg hat Nachahmer angelockt. Mittlerweile tummeln sich eine ganze Reihe namhafter Zulieferriesen oder Mittelständler im Fahrradgeschäft. Der baeyrische Brose-Konzern beispielsweise hat sich seit 2014 zu einem ernst zu nehmenden Rivalen der Schwaben entwickelt. Mit rund 30 Fahrradherstellern, die bei dem Mechatronikunternehmen unter Vertrag sind, reicht man zwar noch längst nicht an Boschs mehr als doppelt so großen Kundenstamm heran, aber: „Es geht nach vorne“, wie Brose-Vertriebschef Horst Schuster jüngst dem „Handelsblatt“ sagte.

Asiatische Firmen global mit vorne

Grund dafür ist der aufgrund seiner Zahnriementechnik sehr zuverlässige und „geschmeidige“ (Fehlau) Brose-E-Antrieb. Dazu kommt, dass die Bayern jüngst den Sprung zum Systemanbieter geschafft haben und nun neben dem E-Motor auch die Akkus und die Leistungselektronik mitliefern. „Das wollen die Kunden“, sagt Fachmann Fehlau.

Antriebstechnologie für Zweiräder kommt auch vom Rietheimer Autozulieferer Marquardt. Das Familienunternehmen ist einer der Frühstarter unter den Zulieferern im Fahrrad-Bereich
Antriebstechnologie für Zweiräder kommt auch vom Rietheimer Autozulieferer Marquardt. Das Familienunternehmen ist einer der Frühstarter unter den Zulieferern im Fahrrad-Bereich | Bild: Marquardt

Marquardt aus Rietheim-Weilheim bei Tuttlingen verfolgt eine ähnliche Strategie. Allerdings ist das Familienunternehmen in dem Geschäft noch deutlich kleiner als Bosch und Brose. Mit einem hauseigenen Systembaukasten schaffen es die Rietheimer allerdings, gleich mehrere Einsatzbereiche der E-Mobilität abzudecken – vom Mountainbike bis zum E-Scooter.

Die Liste der Mitbewerber ist lang. Im Jahr 2017, kurz nach Marquardt, stieg auch Deutschlands zweitgrößter Automobilzulieferer Continental ein und hat sich heute, nach einigen Rückschlägen, mit einem eigenen Antriebskonzept etabliert. Dazu kommt der Stuttgarter Kolbenbauer Mahle, der den Technologiewandel im angestammten Geschäft derzeit mit voller Wucht zu spüren bekommt und daher auch auf E-Bikes setzt.

Auch der Kolbenbauer Mahle aus Stuttgart ist durch einen Zukauf ins Fahrradgeschäft eingestiegen.
Auch der Kolbenbauer Mahle aus Stuttgart ist durch einen Zukauf ins Fahrradgeschäft eingestiegen. | Bild: Mahle

In einem Konsortium mit dem Bremsenhersteller Magura und der Unternehmenstochter Brake-Force-One baut auch der Friedrichshafener ZF-Konzern seit 2018 einen als besonders leicht und leistungsstark geltenden E-Antrieb, der unter dem Namen Sachs vermarktet wird. Außerdem tummeln sich Rheinmetall und der österreichische Magna-Konzern, der als einer der Pioniere des Drahtesel-Stromantriebs gilt, im E-Bike-Universum.

Japan-Firmen sind international sehr stark

International gesehen sind es aber – neben Bosch – vor allem asiatische Firmen, die dominierend sind. An Shimano, Yamaha und insbesondere Panasonic, der durch seine Kompetenz im Akkubau besticht, kommen wenige Fahrradhersteller vorbei, wenn es um Antriebe geht, heißt es aus der Branche.

Die Konkurrenz macht das Geschäft härter. „Jetzt noch einzusteigen, ist eine Wette auf die Zukunft“, sagt Fahrrad-Experte Fehlau. Sich durch Innovation zu differenzieren, werde immer wichtiger. Dafür ist aber offenbar gesorgt: Vom Fahrrad-Branchenverband ZIV heißt es: „Je mehr Firmen sich mit dem Thema Elektro-Fahrräder beschäftigen, desto mehr clevere Lösungen werden die Kunden künftig sehen.“

Immer weniger radeln mit Muskeln

Die Eurobike in Friedrichshafen ist die Weltleitmesse fürs Fahrrad. Wie ist die Stimmung in der Branche in Zeiten der E-Mobilität?

  • Boom: Derzeit gibt es wenige Branchen, die so optimistisch in die Zukunft blicken wie die Fahrradindustrie. Im ersten Halbjahr 2019 wurden 3,2 Prozent mehr Fahrräder und E-Bikes verkauft als im Vergleichszeitraum 2018. Und der Boom von Elektrofahrrädern hebt gerade erst richtig ab. Um 12 Prozent nahmen die Verkäufe der Stromer zu. Aufs ganze Jahr gesehen sollen noch einmal etwas mehr Räder und Komponenten verkauft werden als 2018, das schon als „sensationelles“ Verkaufsjahr galt. Rund vier Millionen Stück. Für 2019 spricht der Zweirad-Industrieverband (ZIV) von einem „sehr guten Jahr“.
  • Rückgang: Blickt man in die einzelnen Segmente, trübt sich das Bild allerdings. Dem steilen Anstieg der E-Bike-Verkäufe steht ein Rückgang der Verkäufe normaler Fahrräder gegenüber. Im ersten Halbjahr griffen 0,5 Prozent weniger Kunden zum nicht-elektrisierten Drahtesel als im Vorjahreszeitraum. Zwar rechnet der ZIV mittelfristig mit einer Stabilisierung der Verkäufe, ob in zehn Jahren das normale Fahrrad nur noch eine Randerscheinung sein wird, kann selbst David Eisenberger, ZIV-Kommunikationschef, nicht recht einschätzen. Klar ist: Immer mehr Fahrradtypen – etwa Mountainbikes und Rennräder – bekommen Elektrounterstützung. Noch sind knapp 75 Prozent des deutschen Fahrradbestandes nicht elektrisiert – Tendenz: sinkend. (wro)