Mittlerweile scheint sich der totale Realitätsverlust in Brüssel breit zu machen. Anders lässt sich der Plan von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, den Euro in der gesamten EU einführen, also auch in den ärmeren osteuropäischen Ländern, nicht erklären. Obendrein soll die EU weiter wachsen: Finanzminister Wolfgang Schäuble findet die Idee gut und unterstützt die Pläne von Juncker – knüpft eine Erweiterung der Eurozone jedoch an die Erfüllung bestimmter Kriterien“. Obacht: Hat man nicht bereits "bestimmte Kriterien" festgeschrieben und wurden diese nicht von oberster Stelle rigoros gebrochen? Waren diese Kriterien nicht Grundlage für die Währungsunion? Maastrichter Kriterien? Lissabonner Vertrag? No Bail Out Klausel etc.? Allesamt wurden diese verletzt und gebrochen. Warum sollte es dieses Mal funktionieren?

Offensichtlich haben die politischen Eliten den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt. Weder die Euro-, Griechenland-, Banken- und Finanzkrise, der Aufstieg der populistischen und separatistischen Kräfte noch der Brexit haben zu einem erforderlichen Umdenken geführt. Ein Blick auf die ökonomischen Fakten in der Eurozone spricht eine deutliche Sprache. Einerseits sind die Zinsen weiterhin bei null und werden dort auch noch sehr lange bleiben. Andererseits steigen die Preise. Gegenwärtig haben wir eine Inflationsrate bei 1,8 Prozent. Der IWF fordert, dass sich deutsche Sparer für längere Zeit trotz Nullzinsen mit stärker steigenden Preisen abfinden sollen. Wir fragen uns jedoch, warum wir das tun sollen? Mittlerweile hat die EZB von dem Volumen der Bilanzsumme selbst die US-Notenbank Fed überholt und es wird fleißig weitergedruckt – momentan 60 Milliarden Euro pro Monat.

Niemals in der Geschichte der Menschheit wurde eine Krise nachhaltig mit der Notenbankpresse gelöst. Hätten wir beispielsweise einen Zinssatz von fünf Prozent, dann wäre Schäubles „Schwarze Null“ passé und Frankreich, Spanien, Italien, Portugal und Griechenland wären de facto bankrott. Ein weiteres Indiz für die schlechte wirtschaftliche Performance zahlreicher EU-Länder, verrät uns ein Blick auf die Target2-Verbindlichkeiten. Diese haben unbeachtet einen neuen Rekordstand erreicht. Spitzenreiter ist die Bundesbank mit 852 Milliarden Euro. Auch hierfür haften im Übrigen wir Bürger! Fakt ist: in Deutschland geht es kontinuierlich auf- und in Spanien und Italien weiterhin abwärts.

Der Euro viel zu schwach für uns und viel zu stark für den Süden Europas. Im Zins- und Währungskorsett des Euros werden die Länder Südeuropas keinesfalls mehr auf die Beine kommen. Sollten zukünftig auch noch Länder – mit im Verhältnis zu Deutschland äußerst schwachen Volkswirtschaften – wie Bulgarien und Rumänien in die Eurozone kommen, dann hilft ein Blick nach Griechenland um zu erkennen, was diesen Ländern in der Eurozone blühen wird. Die Lage in Europa ist keinesfalls so rosig wie es uns Herr Junker darstellt. Es ist Zeit umzudenken und nicht noch mehr vom Gleichen zu fordern, von dem heute hinlänglich bekannt ist, dass es nicht funktioniert. Entweder hält die Realität Einzug bei der EU oder ansonsten knallt‘s.

Marc Friedrich ist Ökonom und Bestsellerautor. Gemeinsam mit Matthias Weik schrieb er die Bücher "Der größte Raubzug der Geschichte" (2013), "Der Crash ist die Lösung" (2014) und „Kapitalfehler“ (2016).