Herr Kaeser, Sie sind auf Twitter aktiv. Twittern sie selbst?

Die Tweets, auf die die meisten Leute reagieren, mache ich meistens selbst. Das liegt nicht daran, dass ich das besonders gut kann, sondern, dass die Dinge manchmal so kommen. Aber wir haben im Unternehmen natürlich Kolleginnen und Kollegen, die sich darum kümmern. Ich muss zunächst ein Unternehmen an der Spitze vertreten, mit 380 000 Kollegen. Ich werde dafür bezahlt, das Beste fürs Unternehmen zu tun. Daher sollte man sich sorgfältig überlegen, wofür man die Zeit sonst noch so verwendet.

Mit einem Tweet haben Sie für besonders viel Aufmerksamkeit gesorgt: „Lieber ,Kopftuchmädel‘ als ,Bund Deutscher Mädel‘“. AfD-Politikerin Alice Weidel hatte gesagt: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“

Ich war in Frankfurt in der Flughafen-Lounge. Im Fernsehen sah ich diese schrille Person mit einem Gesichtsausdruck und einer Formulierung, die mich echt hat schaudern lassen. Wenn die Welt diese Bilder sieht! Das ist nicht gut für unser Land. Ich nahm mein Handy raus und dachte, wenn schon, dann muss man das auf den Punkt bringen. Wenn man das politisch korrekt formuliert, dann liest das ja kein Mensch.

Der Tweet hat auch aus dem Grund so viele Reaktionen erhalten, weil es ungewöhnlich ist, dass sich ein Mann aus der Wirtschaft so klar positioniert.

Die Kolleginnen und Kollegen unserer Presseabteilung waren total fertig. (lacht) Aber es gab auch eine ungewöhnlich große Zahl Menschen, die mir in ungewöhnlich deutlicher Weise geschrieben haben: Wir wissen ja, dass du gut bewacht bist, aber deine Kinder werden wir uns mal vornehmen. Berührt hat mich aber, dass mir Menschen Briefe geschrieben und gesagt haben: Du hast meine Großmutter beleidigt, die war im Bund Deutscher Mädel. Die war eine einfache Frau, die hat mich großgezogen. Ich habe mich entschuldigt für den Fall, dass ich Menschen zu nahe getreten bin. Aber ich habe auch geschrieben: Wenn jeder gezwungen wurde, in den Bund Deutscher Mädel zu gehen, wenn jeder gezwungen wurde, in die Hitlerjugend zu gehen, wenn jeder gezwungen wurde, in die NSDAP zu gehen, wenn also alle Opfer waren – wer war denn dann Täter?

Ihr Vertrag an der Siemens-Spitze läuft in zwei Jahren aus. Sie können sich Haltung also leisten. Hätte sich ein jüngerer Joe Kaeser das auch getraut?

Das ist eine gute Frage. Man will mit Ja antworten. Aber es ist schon so, dass man zwischen Werten und Interessen abwägen muss. Ich glaube, wenn man sich aktiv einbringen will, sollte man schon mal etwas Ordentliches gearbeitet und geleistet haben. Zum Beispiel ein großes Unternehmen wie Siemens aus dem Schlingerkurs von 2013 herauszubringen.

Sie leben noch heute in Ihrem Heimatort. Was bedeutet für Sie der Begriff, der inzwischen wieder in aller Munde ist: Heimat?

Heimat muss ja nichts Geografisches sein. Ich halte das für einen Wertebegriff. Und der ist wichtiger denn je. Wir leben in einer Welt, die immer anonymisierter ist. Das hat damit zu tun, dass die Globalisierung immer schneller vonstattengeht. Das hat damit zu tun, dass wir alle etwas forcieren, was eine der größten Geiseln der Menschheit ist, nämlich die Urbanisierung. Das führt zu einer kompletten Destabilisierung der sozialen Ordnung: Die Menschen sind alleine, der Zusammenhalt der Nachbarschaft verschwindet. Und je stärker das verloren geht, umso schwieriger ist es, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Deshalb ist der Begriff Heimat als eine soziale Ordnung unheimlich wichtig.

Sie gehen mit der Kanzlerin auf Reisen, gehen zu den Saudis, zu Wladimir Putin – und wenn Sie dann zu Hause sind, gehen Sie in den Feuerwehrverein. Wie ist das?

Das nennt man Erdung. Die Welt besteht aus mehr als nur großer Wirtschaft und großer Politik.

Heimat kann aber auch ausgrenzen. Wo verläuft für Sie die Grenze?

Man muss sehr deutlich unterscheiden zwischen Nationalismus und Patriotismus. Ich bin schon stolz, ein Deutscher zu sein. Ich bin stolz, Teil eines Landes zu sein, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg wie kein anderes Land entwickelt hat. Das Wirtschaftswunder ist ja nicht vom Himmel gefallen. Aber wenn Stolz zu Abgrenzung führt, dann sind wir auf dem Weg zum Nationalismus, zum Protektionismus – und damit habe ich ein Problem.

Sie haben direkt nach dem Studium bei Siemens angefangen und sind bis heute dabei. Wäre das heute noch möglich? Würde jemand wie Sie eingestellt?

Das wäre unwahrscheinlich. Heute liegen die Dinge ganz anders als früher. Damals war man froh, wenn die Vorstellungsgespräche vorbei waren und man die Arbeitsstelle bekommen hat. Heutzutage läuft das anders: Die Bewerber interviewen mich. Sie fragen: Warum sollen wir zu Siemens kommen? Da brauchst du dann nicht mit Altersvorsorge zu kommen oder damit, dass die Gasturbine 62,8 Prozent Wirkungsgrad hat. Die Leute wollen wissen: Machst du etwas, das mir wichtig ist – für die Umwelt, für die Gesellschaft? Die wollen hören: Wir besiegen den Krebs. Wir sparen durch unsere Entwicklungen jedes Jahr 580 000 Tonnen CO2 ein. Und unsere Firma wird 2030 CO2-neutral arbeiten. „Purpose“ nennt man das im Englischen. Wörtlich heißt das Zweck, gemeint ist die Bestimmung: Welchen Wert hast du in der Gesellschaft? In der jüngeren Generation vollzieht sich derzeit ein Wertewandel. Und ich hoffe sehr, dass dieser Wertewandel hilft, die natürliche Spaltung der Gesellschaft zu reduzieren.

Überhöhen Sie Siemens damit nicht? Immerhin sind auch Sie Teil des Kapitalismus.

Natürlich hat man auch eine Verantwortung gegenüber den Aktionären. Siemens gehört mir ja nicht. Wir sind auch kein Volkseigener Betrieb. Selbstbewusst kann man nur sein, wenn auch die Leistung stimmt. Wir müssen das Unternehmen für die nächste Generation aufstellen. Ich will nicht als der erinnert werden, der den Aktienkurs am stärksten in die Höhe getrieben hat. Ich will nicht als der erinnert werden, der auch noch die letzte Mark rausgeholt hat. Ich möchte erinnert werden als derjenige, der sein Bestes gegeben hat, um das Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Sie haben einmal gesagt, dass Deutschland nicht nur Waren, sondern auch Werte exportiert. Wie passt das mit Ihrem Pragmatismus zusammen?

Ein Unternehmen lässt sich nicht mit Werten alleine führen. Wir sind eine Aktiengesellschaft mit Gewinnerzielungsabsicht. Wenn Leute Geld investieren, kann ich denen nicht die ganze Zeit etwas von kranken Kindern im Jemen erzählen. Sonst sagen die irgendwann: Geh doch zum Roten Kreuz.

Fragen: Sarah Schierack
und Gregor-Peter Schmitz