Herr Feld, die Wirtschaft im Südwesten wächst deutlich schwächer als der Rest der Republik. Müssen wir uns Sorgen um den Industriestandort Baden-Württemberg machen?

Vor allem die Autoindustrie, der Maschinenbau und die Chemiebranche stehen derzeit vor großen Problemen. Diese Sektoren haben mit einer sinkenden Nachfrage aufgrund des Handelsstreits und zugleich mit strukturellen Veränderungen wegen des technologischen Wandels zu kämpfen. Da Baden-Württemberg das Kraftzentrum der deutschen Industrie ist, trifft uns im Südwesten die industrielle Krise stärker als den Rest der Republik. Vor allem der Wandel zur Elektromobilität stellt Baden-Württemberg vor große Herausforderungen. Er sorgt für kürzere Wertschöpfungsketten und weniger Gewinne für die gesamte Autobranche. Ein mittelständischer Autozulieferer, der nur auf den Verbrennungsmotor setzt, wird große Probleme haben.

Müssen wir unser exportabhängiges und industrielastiges Wirtschaftsmodell überdenken?

Deutschland hat in diesem Sinne kein Wirtschaftsmodell. Die Entscheidungen treffen immer die einzelnen Unternehmen in Abhängigkeit von ihren Gewinnerwartungen. Der Staat kann nicht festsetzen, in welche Richtung die technologische Reise geht. Das ist Aufgabe des Marktes.

Wie können wir also unserer Wirtschaft mehr Schwung verleihen?

Wir haben in manchen Bereichen der Bevölkerung zu große Widerstände gegen Infrastrukturprojekte. Unternehmen, die neue Fabrikhallen bauen wollen, stoßen aber ebenso oft auf große Probleme. Wir Deutschen haben manchmal zu viele Ängste, zum Beispiel im Bereich Gentechnik. Ein Unternehmen wie BASF tätigt deshalb wichtige Investitionen lieber in den USA als am Stammsitz in Ludwigshafen.

Würde vielleicht ein staatliches Konjunkturprogramm helfen?

Ich bin bei Konjunkturprogrammen immer skeptisch. Nach der Finanzkrise war es richtig, ein Konjunkturprogramm zu starten. Aber in dieser Situation sind wir heute nicht. Wir sind gesamtwirtschaftlich in einer Vollauslastung der Kapazitäten. Von daher wäre ein Konjunkturprogramm eine Verschwendung von Steuergeldern.

Lars Peter Feld, Leiter des Walter Eucken Instituts, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen.
Lars Peter Feld, Leiter des Walter Eucken Instituts, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen. | Bild: Patrick Seeger

Ist die Vollauslastung der Kapazitäten eine Garantie dafür, dass Arbeitslosigkeit niedrig bleibt?

Die strukturellen Veränderungen, beispielsweise in der Autoindustrie und bei den Zulieferern, werden nach unserer Prognose 2020 nur zu einem leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit von 5,0 auf 5,1 Prozent führen. Von daher ist kein signifikanter Anstieg der Arbeitslosigkeit zu erwarten.

Aber der Fachkräftemangel bleibt bestehen?

Ja, der Fachkräftemangel wird sich sogar weiter verschärfen, weil ab diesem Jahr die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und dadurch eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt reißen. Die Unternehmen werden verstärkt – auch durch höhere Löhne – um talentierte Nachwuchskräfte kämpfen müssen. Gut qualifizierte Arbeitskräfte werden davon profitieren.

Wird die Arbeitslosigkeit langfristig durch die Digitalisierung wieder ansteigen, wenn intelligente Roboter unsere Tätigkeiten übernehmen?

Das muss man abwarten. Horrorszenarien einer Massenarbeitslosigkeit wie sie zum Beispiel der Philosoph Richard David Precht aufstellt, halte ich für unseriös. Die Automatisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten in der Summe mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet.

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Was halten Sie vom Kompromiss zur Grundrente?

Ich halte die Grundrente für ein verkorkstes Ding. Sie verletzt die Prinzipien der Rentensystems. Es wäre deutlich besser und praktikabler gewesen, denjenigen, die unter die Grundsicherung fallen, einen Freibetrag für ihre erworbenen Rentenansprüche zuzugestehen. Dann hätte diese von Altersarmut gefährdete Gruppe etwa 850 Euro Grundsicherung und zusätzlich noch 150 bis 250 Euro aus eigenen Rentenansprüchen bekommen und jeder Rentner hätte zumindest ein Einkommen von 1000 Euro zum Leben.

Wann können Sparer endlich wieder mit Zinsen für ihr Erspartes rechnen?

In der jetzigen Situation, in der sich die Konjunktur in Europa abschwächt, ist eine Zinserhöhung nicht zu erwarten. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, wird die Niedrigzinspolitik von ihrem Vorgänger Mario Draghi in diesem Jahr fortsetzen. Mit einer Zinserhöhung ist frühestens 2021 zu rechen und das auch nur dann, wenn die Konjunktur wieder anzieht und die Inflation steigt.

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Wie geht es in diesem Jahr mit dem von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelsstreit weiter? Wird sich der Konflikt entspannen oder verschärfen?

Der Handelsstreit zwischen den USA und Europa ist nicht so scharf. Trump hat sich – auch aus geopolitischen Gründen – vor allem auf China eingeschossen. Aber selbst das schadet indirekt der europäischen Wirtschaft. Ich glaube gleichwohl nicht, dass der Handelsstreit eskaliert. Trump will keinen Handelskrieg, sondern einen Deal mit seinen Handelspartnern, der für die USA vorteilhaft ist – nicht zuletzt in einem Wahljahr.

Gehen Sie von einer Wiederwahl Trumps bei den Präsidentschaftswahlen im November aus?

Ja. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump wiedergewählt wird, ist – je nach Gegenkandidat auf Seiten der Demokraten mehr oder weniger deutlich – größer als 50 Prozent.

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