Herr Töpfer, das Potenzial zur landwirtschaftlichen Nutzung der Böden ist in Afrika um ein vielfaches höher als in Europa. Warum schaffen es die Kleinbauern dort trotzdem nicht, sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren?

Die Böden in Afrika und weltweit stehen unter einem enormen Stress – durch Umweltbedingungen, den Klimawandel, chemische Kontaminationen und den dramatischen Verlust von Artenvielfalt. Durch Wasser- und Winderosion werden Böden in Milliarden Kubikmetern abgetragen. All diese Belastungen werden nur in sehr geringem Maße von den Bauern selbst verursacht, die diese Böden bewirtschaften. Sie sind das Resultat von Faktoren, die diese Bauern nicht beeinflussen können.

Auch das trägt mit dazu bei, dass weltweit hunderttausende Kleinbauern um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Mit welchen Maßnahmen ließe sich dies ändern?

Ich glaube, das ist ein ganzes Paket an Maßnahmen, das dringlich umgesetzt werden muss. Es beginnt damit, dass Strukturen aufgebaut werden, damit das, was Kleinbauern anbauen und ernten, nicht durch mangelnde Infrastruktur gar nicht bis zum Verbraucher kommt. Zudem muss die zunehmende Bedrohung von Kleinbauern durch Investitionen kapitalintensiver Konzerne oder durch Interessen von außerhalb etwa durch "Land Grabbing" [Anm. d. Red.: Aneignung von Land durch reiche oder mächtige Akteure] konsequent abgebaut werden. Weitere Punkte sind Bildung und Ausbildung der Kleinbauern und ihrer Kinder, die in Städte abwandern, in denen es keine Arbeitsplätze gibt.

Welche Probleme sehen Sie in der Konkurrenzsituation zwischen Kleinbauern und Großkonzernen, die in Afrika tätig sind?

Es gibt immer mehr Beispiele dafür, dass der Zugang zu Saatgut durch Patente großer Konzerne beschränkt wird. Die Genvielfalt, die von den Menschen in diesen Regionen erhalten wurde, also die Kenntnisse über deren Bedeutung zum Beispiel für Medizin und natürlichen Pflanzenschutz, werden diesen Menschen und den indigenen Bevölkerungsschichten durch Patentschutz als intellektuelles Recht an der natürlichen Vielfalt genommen. Denn diese Kenntnisse sind frei zugänglich. Man spricht von Biopiraterie. Im Gegensatz dazu werden im nördlichen Teil der Welt für Forschungsergebnisse Patente erteilt. Dieses geistige Eigentum wird geschützt. Es gibt aber auch hier nicht nur die eine Ursache. Es ist aber meist so, dass letztlich Kleinbauern und die indigene Bevölkerung Leidtragende dieser Entwicklung sind.

Die EU exportiert massenhaft billiges Fleisch nach Afrika. Wie bewerten Sie diese Entwicklung und wie sollte man ihr begegnen?

Es stimmt, dass Überschussproduktion, stark subventioniert, in die ganze Welt und damit auch nach Afrika exportiert wird. Dass Deutschland hierbei auch eine ganz wichtige, nicht erfreuliche Rolle spielt, ist unstrittig. Wir mästen in Deutschland deutlich mehr Tiere, als wir auf unseren Märkten verbrauchen. Und deren Fleisch und deren Produkte werden dann exportiert. Wie wir mit Exporten von überschüssigen Lebensmitteln oder gerade dafür produzierten Lebensmitteln umgehen, bedroht die Existenz der Landwirtschaft und vor allem der Kleinbauern im ländlichen Raum in vielen Ländern.

Klaus Töpfer (CDU), ehemaliger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP).
Klaus Töpfer (CDU), ehemaliger Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). | Bild: dpa

Seit 1990 ist die Zahl der an Hunger leidenden Menschen um 216 Millionen auf nun 795 Millionen Menschen zurückgegangen. Sind wir also auf dem richtigen Weg?

Ohne jeden Zweifel sind wir bei der Bekämpfung von Hunger ein gutes Stück vorangekommen, vor allem in China. Wir haben zwar das Millenniumsziel der UN, die Zahl der hungernden Menschen auf der Welt bis 2015 zu halbieren, nicht erreicht. Aber es hat durchaus einen positiven Entwicklungsprozess gegeben. Dabei darf die Frage nicht unterdrückt werden: Welche indirekten Kosten hat dieser Entwicklungsprozess mit sich gebracht? Zum Beispiel in der Stabilität der Natur oder in der sozialen Sicherung von Menschen. Ich glaube, eine Welt ohne Hunger in einer intakten Umwelt und mit sozialer Stabilität ist keine Vision, sondern eine ganz reale Möglichkeit. Diese Möglichkeit muss konsequent für eine friedliche Welt erarbeitet werden.

Die Weltbevölkerung wächst weiter stark an. Reichen die derzeitigen Bemühungen den weltweiten Hunger zu stoppen aus oder ergeben sich daraus eher neue Probleme, auf die es zu reagieren gilt?

Die Zukunft der Welt ist eine Zukunft mit deutlich mehr Menschen – bis 2050 werden es rund neun Milliarden Menschen sein. Als ich geboren wurde, 1938, waren es nur 2,7 Milliarden Menschen. Die Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, müssen diese Herausforderung bewältigen. Ein "weiter so" reicht dezidiert nicht. Es muss sich grundsätzlich etwas ändern. Auch bei uns muss sich dafür das Bewusstsein sprunghaft ändern. Das gilt in besonderem Maße auch und gerade für die europäische Agrarpolitik.

Wie meinen Sie das?

Flächenbezogene Subventionierung kommt vornehmlich großen Betrieben zugute und geht damit in die falsche Richtung. Der bäuerliche, nachhaltig wirtschaftende Familienbetrieb muss Mittelpunkt der Agrarpolitik sein – im Handeln, nicht im Reden. Alle agrarpolitischen Maßnahmen gehören vorbehaltlos auf den Prüfstand mit dieser Zielsetzung. Nur so kann eine Zukunft mit neun Milliarden Menschen in der Ernährungssicherung wetterfest gemacht werden. Ein Afrika, das seine Menschen dauerhaft nicht ernähren kann, weil etwa Klimawandel oder andere soziale und umweltbezogene Einflüsse sowie unzureichende und falsche Investitionen wirken, wird ein instabiler Kontinent sein – mit allen negativen Auswirkungen gerade auf Europa.

 

Zur Person

Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (78) war bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi. Die UNEP setzt sich für Umweltschonung und nachhaltige Entwicklung ein. Bis 2015 war Töpfer zudem Exekutivdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Der gelernte Volkswirt und Experte für Umweltpolitik leitete im März 2011 die Ethikkommission der Bundesregierung zum Atomausstieg Deutschlands in Folge der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Klaus Töpfer kommt am Donnerstag, 30. März, zu den Murger Zukunftsgesprächen in die Murgtalhalle. Beginn 20 Uhr, Eintritt kostenlos.

 

Was kann Europa, was kann Deutschland tun, um den Welthunger zu mindern?

Nehmen sie nur die absolut unglaubliche Verhaltensweise, dass wir jedes Jahr bis zu zehn Millionen Tonnen Lebensmittel in die Abfalltonne schmeißen. Es ist eindeutig möglich, auch neun oder neuneinhalb Milliarden Menschen mit guten, nährstoffreichen Lebensmitteln zu versorgen. Wir müssen sicherstellen, dass die jetzt schon geernteten Mengen sinnvoll zum Verbraucher kommen. Aber wir müssen auch auf die Entwicklung unserer Nahrungsgewohnheiten achten. Wir verbrauchen in den hochentwickelten Ländern für die Nahrungsproduktion zu viel Fläche, Wasser, Biomasse und Energie. Wir essen zu viel Fleisch und zu viel verarbeitete Lebensmittel. Daher ist es höchst erfreulich zu sehen, wie in Deutschland der Zuspruch für ökologisch erzeugte Produkte steigt, und auch die Rücksichtnahme auf die landwirtschaftliche Produktion wieder Fuß gefasst hat. Dieser Prozess wird dann weiter massiv beschleunigt, wenn endlich ehrliche Preise für unsere Nahrungsmittel gezahlt werden. Preise, die auch die ökologischen und sozialen Kosten in vollem Maße berücksichtigen.

Werden die Deutschen Ihrer Verantwortung in der Welt gerecht?

Indem wir anderen helfen, helfen wir wiederum uns selbst und tragen dazu bei, dass eine friedliche Welt möglich ist. Diese Verantwortung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass diese Probleme anderer durch unser Handeln mit verursacht wurden. Der Klimawandel wird ja nicht von Menschen in Ländern wie Afrika verursacht, sondern er kommt von unseren Emissionen. Die Afrikaner verbrauchen deutlich unter einer Tonne CO2 pro Kopf und Jahr. Bei uns sind es zwischen zehn und elf Tonnen. Dass wir durch unseren Lebensstil die Entwicklungsmöglichkeiten anderer sehr negativ beeinflussen, und so auf Kosten anderer leben, habe ich als eine "ökologische Aggression" bezeichnet. Es ist eine Wohlstandslüge. Diese Aggression muss durch überzeugende Entwicklungspartnerschaften beendet werden.


Die Rechte der Kleinbauern

Aus Sicht vieler Bauernverbände reicht die derzeitige Rechtslage nicht aus, um Kleinbauern vor Bedrohungen ihrer Lebensgrundlage zu schützen. Der Zugang zu Land, Wasser, Saatgut oder Vieh werde durch Konzerne oder Machteliten vor Ort erschwert. Auf einem Kongress Anfang März haben sich Kleinbauern aus der ganzen Welt in Schwäbisch Hall getroffen, um eine UN-Erklärung zu verfassen, die die Rechte der Kleinbauern stärken soll. Dazu haben Bauern auf dem Kongress "Global Peasants Rights" aus ihrem Alltag berichtet und aufgezeigt, wie ihre Rechte verletzt werden. Die dabei entstandene Erklärung richtet sich an die UN-Arbeitsgruppe und die Ländervertretungen im UN-Menschenrechtsrat. Die vollständige Erklärung der Kleinbauern ist unter www.global-peasants-rights.com verfügbar.