Herr Fiebig, EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat das Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten als „fair und ausbalanciert“ bezeichnet. Warum laufen dann viele Bauern dagegen Sturm?

Da werden schlicht zwei Systeme zusammengespannt, die verschiedener nicht sein könnten. Auf der einen Seite eine Landwirtschaft, die von riesigen Betriebsgrößen, Monokulturen sowie niedrigen Produktionskosten und –standards gekennzeichnet ist und andererseits unsere sehr kleinteilige, bäuerliche Landwirtschaft, insbesondere in Süddeutschland. Die Gefahr, dass unsere Bauern unter die Räder kommen, ist real.

Geht das etwas konkreter?

Es ist die schiere Dimension, die nachdenklich macht. Jährlich sollen etwa künftig rund 100.000 Tonnen südamerikanisches Rindfleisch zollfrei in die EU eingeführt werden können. Das ist in etwa die Größe unseres gesamten Viehbestandes in Baden-Württemberg. Das wird erheblichen Druck auf unsere Erzeuger, insbesondere die Viehalter, ausüben. Aber auch die meisten anderen Erzeugergruppen, werden die neue Konkurrenz zu spüren bekommen. Viele Betriebe werden vor der Wahl stehen, zu wachsen oder zu weichen.

Soja-Ernte in Brasilien. Welche Waren kommen aus Südamerika nach Deutschland?
Soja-Ernte in Brasilien. Welche Waren kommen aus Südamerika nach Deutschland? | Bild: AFP

Mehr Konkurrenz bedeutet niedrigere Preise. Bedeutet das Abkommen nicht auch günstigere Lebensmittel in Deutschland?

Tatsächlich ist nicht auszuschließen, dass die Preise ins Rutschen kommen. Aus billig könnte noch billiger werden. Insbesondere die Fleischpreise, aber auch Produkte auf Getreidebasis könnten unter Druck geraten. Für viele Erzeuger ist das eine Katastrophe. Ob der Kunde damit besser fährt, als mit heimischen Waren, bezweifle ich.

Benjamin Fiebig ist Hauptgeschäftsführer des BLHV in Freiburg. Das Handelsabkommen mit Südamerika hat große Schwächen, sagt er.
Benjamin Fiebig ist Hauptgeschäftsführer des BLHV in Freiburg. Das Handelsabkommen mit Südamerika hat große Schwächen, sagt er. | Bild: BLHV

Warum?

Nehmen Sie das Beispiel Brasilien. Allein in der Amtszeit von Präsident Jair Bolsonaro sind dort etwa 150 Pflanzenschutzmittel neu im Markt zugelassen worden, von denen bei uns die allermeisten keine Chance gehabt hätten. Will der deutsche Verbraucher solche Waren wirklich? Die Standards, zu denen dies und jenseits des Atlantiks produziert wird, sind eben extrem unterschiedlich, auch mit Blick auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und die Nachhaltigkeit. Dort wird Regenwald für neue Weiden abgeholzt, hier dürfen Bauern nicht einmal mehr Wiesen in Ackerland umwandeln. Hier freut man sich über Dinkel und Emmer, dort bestimmen gentechnisch veränderte Sorten den Ackerbau. Kurz: Von einer extensiven, nachhaltigen und regionalen Landwirtschaft, auf die sich Europa zubewegt, ist man in Südamerika meilenweit entfernt.

Zeichnen Sie nicht ein zu negatives Bild, immerhin gilt die deutsche Landwirtschaft als sehr wettbewerbsfähig. Die Milchbauern erhalten zum Beispiel zollfreien Zugang zu einem riesigen Markt.

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Die Landwirtschaft in der EU ist an sich schon sehr heterogen und leistungsfähig sind eben nicht alle. Schon ohne das Abkommen, merken wir, dass sich der Obstanbau beispielsweise zusehends nach Osteuropa verlagert, wo der Apfel einfach billiger produziert werden kann. Generell werden Großbetriebe von dem Abkommen durchaus profitieren können. Für unsere kleinen Erzeuger im Südwesten wird das schwer.

Warum ist es so weit gekommen. Die Agrarlobby, gilt doch als durchaus stark?

Die Landwirtschaft ist bei den ganzen Verhandlungen schlicht gegenüber den klassischen Exportbranchen wie dem Fahrzeug- und Maschinenbau sowie der chemischen Industrie unter die Räder geraten. Das große Geld wird dort verdient.

Was wollen Sie jetzt tun?

Es muss jetzt alle Energie darauf verwendet werden, in den anstehenden Ratifizierungsverhandlungen in den Staaten, kritische Punkte nachzubessern. Auch das Eu-Parlament, das bei dem Abkommen auch mitzureden hat, muss sein Gewicht in die Waagschale werfen.