Weil sie zu wenig Futter haben, bringen immer mehr Bauern ihre Tiere zu Schlachthöfen. "Gemessen an der Jahreszeit kommt viel zu viel Vieh zum Schlachten", sagte ein Sprecher des Fleischverarbeiters Ulmer-Fleisch unserer Zeitung. Seit rund 14 Tagen habe man es mit "sehr hohen Viehanlieferungen" zu tun, sagte der Sprecher. Derzeit werde rund 20 Prozent mehr als normal geschlachtet. Teilweise müsse das Fleisch danach tiefgefroren werden, um es einzulagern. Das sei "absolut unüblich".

Das von Ulmer-Fleisch betriebene Schlachthaus, gehört mit rund 2500 Rindern pro Woche neben den Fleischverarbeitern in Crailsheim (Vion) und Birkenfeld bei Pforzheim (Müller-Gruppe) zu den drei größten Schlachtbetrieben in Baden-Württemberg.

Einzige Frage: "Wann kannst du die Tiere abholen?"

Noch ungewöhnlicher ist die Lage im Norden. In Norddeutschland habe man im Juli eine Zunahme der Kuhschlachtungen um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum registriert, heißt es vom Agrarinformationsdienst AMI. Auf einen Schlag meldeten Tierhalter 20 oder 30 Rinder zum Verkauf an und fragten nicht einmal nach dem Preis, sondern nur: "Wann kannst du kommen?", zitiert die AMI einen Viehhändler.

Der Grund für die außergewöhnliche Situation liegt in der aktuellen Dürreperiode. Weil es in weiten Teilen des Landes seit Wochen nicht geregnet hat und fast kein Gras gemäht werden konnte, wird bei vielen Bauern das Futter knapp. Daher werden insbesondere schwache und ältere Tiere vermehrt ausgestallt. Im Moment würden insbesondere die Rinder- und Kuhbestände "deutlich ausgedünnt", sagte Richard Riester, Agrarmarktexperte bei der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) in Schwäbisch Gmünd. Auch Kälber seien betroffen, da auch die Mäster deutlich schwieriger an Futter kämen als in normalen Jahren.

Nie da gewesener Preisverfall

Insbesondere aus den extrem hart getroffenen Dürregebieten im Norden und Osten Deutschlands kämen seit Wochen "lastwagenweise" Tiere in die süddeutschen Schlachtbetriebe, heißt es aus der Branche – ein Trend, der sich noch ausweiten könnte, denn Futter ist europaweit nur noch sehr schwer oder zu sehr hohen Preisen verfügbar. In Skandinavien, das ebenfalls unter starkem Wassermangel leidet, ist der Ansturm auf die Schlachtereien offenbar so groß, dass manche Betriebe Schlachttermine erst wieder in einem halben Jahr vergäben, wie es aus der Branche heißt.

Das alles hat Auswirkungen auf die Preise. Insbesondere bei Rindern, aber auch bei Kälbern, sind die Schlachtpreise im Sinkflug. Bei der AMI spricht man gar von einem "nie da gewesenen Preisverfall". Im Moment sei man mit Blick auf die Fleischpreise "erst am Beginn der Rutschbahn", sagte auch LEL-Fachmann Riester.

Kommt jetzt das "Supergünstig-Angebot" für Fleisch?

Unklar ist, in wie weit Fleisch an der Ladentheke nun billiger wird. Der massive Preisrutsch müsste normalerweise auf die Endkunden durchschlagen, sagte Mechthild Cloppenburg von der AMI. Unsicher sei allerdings, inwieweit der Handel den Preisverfall an die Verbraucher weitergebe. "Supergünstig-Angebote", etwa bei Hackfleisch, seien in den kommenden Wochen durchaus möglich.

Derzeit spricht wenig dafür, dass sich die Lage schnell ändert. Anders als Schweinefleisch, das insbesondere in den Sommermonaten beim Kunden gefragt ist, steigt der Rindfleischkonsum für gewöhnlich erst mit Beginn der kälteren Jahreszeit. Dann beginnen auch die Lebensmittel-Einzelhändler verstärkt mit Werbung für klassische Wintergerichte wie Rinds-Rouladen oder Sauerbraten.

Milchpreise könnten durch die Decke gehen

Und noch eine weitere Auswirkung hat die Dürre auf den Lebensmittelmarkt: Die hohen Schlachtzahlen werden sich in den kommenden Monaten nach Ansicht von Experten auch auf die Milchpreise durchschlagen. Der Grund: Die derzeit geschlachteten Kühe fehlen in den kommenden Monaten als Milchlieferanten. Und das wird nach Expertenmeinung die Milchpreise im kommenden Jahr in die Höhe treiben. Aktuell bekommen Bauern in Süddeutschland meist gut 30 Cent pro Liter. "Für ihre Milch werden die Bauern in Zukunft wieder mehr Geld bekommen", sagt LEL-Fachmann Riester.