Den Fachhochschulen in Baden-Württemberg drohen die Maschinenbau-Studenten auszugehen. "Wenn die Entwicklung bei den Bewerberzahlen so weitergeht, wird es kritisch", sagte Klaus Schreiner, Dekan der Maschinenbau-Fakultät an der Fachhochschule Konstanz (HTWG). Man könne dann in absehbarer Zeit nicht mehr alle Erstsemester-Studienplätze besetzen. Eine entsprechende Entwicklung gebe es "überall an den Fachhochschulen in Baden-Württemberg".

Am Montag treffen sich in Konstanz die Dekane von insgesamt 13 Hochschulstandorten in Baden-Württemberg, um über das kritische Zukunftsthema zu diskutieren und über Lösungsansätze zu beraten.

Industrielles Rückgrat der Wirtschaft 

Mit knapp 315 000 Arbeitsplätzen ist der Maschinenbau das industrielle Rückgrat der Wirtschaft im Südwesten. Hunderte, meist mittelständisch geprägte, Unternehmen sorgen für eine stabile Beschäftigung auch auf dem flachen Land. Fachkräfte zu finden, wird aber immer schwieriger.

Seit Jahren gehe das Interesse der Schüler an einem Maschinenbaustudium "drastisch nach unten", sagte HTWG-Dekan Schreiner. An der Konstanzer Fachhochschule hätten sich in Spitzenzeiten auf die jährlich 80 Studienplätze bis zu 700 Jugendliche beworben. Heute seien es gerade noch gut Zweihundert.

Weil sich die meisten Jugendlichen an mehreren Hochschulen gleichzeitig bewerben, um einen Studienplatz zu ergattern, ist pro Studiengang eine deutlich höhere Zahl an Bewerbungen nötig, um am Ende alle Studienplätze besetzen zu können. Bei den aktuellen Bewerberzahlen sei eine kritische Schwelle erreicht, damit das gelinge, sagte Schreiner.

Paul Martin Schäfer vom Württembergischen Ingenieursverein (VDI) bestätigt die Einschätzung des Fachhochschul-Professors. Rückläufige Bewerberzahlen gebe es an mehreren Hochschulstandorten in Baden-Württemberg. Zum Wintersemester 2016/17 – neuere Daten liegen nicht vor – studierten nach Zahlen des Statistischen Landesamts in Stuttgart 16 868 junge Männer und Frauen an einer Fachhochschule Maschinenbau. Weitere 33 637 waren an Universitäten, 3677 an Dualen Hochschulen eingeschrieben. Über die Zahl der Studienbewerber gibt es keine exakten Zahlen.

Rätseln über die Ursachen

Über die Ursachen der Entwicklung herrscht weitgehend Unklarheit. Möglicherweise suchten sich die Jung-Studierenden derzeit leichtere Studiengänge als den Maschinenbau aus, sagte Schreiner. Hintergrund könnte der boomende Arbeitsmarkt sein, der derzeit gute Jobperspektiven auch in anderen Bereichen biete. Gerade die auf High-Tech spezialisierte Industrie im Südwesten brauche aber viele "hochwertig ausgebildete Ingenieure", sagte Schreiner. Möglich ist auch, dass der klassische Maschinenbau noch zu wenig mit Zukunftstechnologien wie der Digitalisierung in Zusammenhang gebracht würde und sich die Bewerber daher für Alternativen entschieden.

Der VDI macht die Fachhochschulen selbst für einen Teil des Problems verantwortlich. Die Konkurrenz unter den Bildungseinrichtungen sei in den vergangenen Jahren deutlich härter geworden, sagte VDI-Geschäftsführer Schäfer. Durch die Einführung hoch spezialisierter Studiengänge im Ingenieursbereich, etwa für Solar- oder Maschinenbaumarketing-Spezialisten, hätten sie versucht, sich von anderen Hochschulen abzugrenzen, um so Studenten anzulocken. Der ungewollte Nebeneffekt: Weil Studierende in die neuen Studiengänge wechselten, sei der klassische Maschinenbau automatisch geschwächt worden, sagt Schäfer. Dieser sei aber immer noch sehr wichtig, um den Bedarf der Industrie in der Breite abzudecken. Auch der Südwest-Maschinenbauverband VDMA sieht diese "zunehmende Spezialisierung der Studiengänge" als eine der Ursachen, wie VDMA-Geschäftsführer Dietrich Birk sagt. Demografische Effekte könnten das Phänomen zusätzlich verstärken.

Umstritten ist auch, ob der VW-Abgasskandal den Maschinenbau unattraktiver macht. Nach einem Bericht der "Stuttgarter Nachrichten" ist die Zahl der Maschinenbau-Studenten, die sich für eine Spezialisierung auf Diesel- oder Benzinmotoren entscheiden, seit Beginn das VW-Abgasskandals stark zurückgegangen – allein an der Uni Stuttgart um rund 50 Prozent seit Herbst 2015. Anders an Fachhochschulen: "Mit dem Abgasskandal hat der Bewerberrückgang bei uns nichts zu tun", sagt Dekan Schreiner. Für Fahrzeugtechnik-Studiengänge würden sich noch genug Abiturienten interessieren.

Wie studiert man richtig?

  • Die Studienwahl: Fachleute wie Paul Martin Schäfer vom Württembergischen Ingenieursverein (VDI) raten Schülern, die technisch interessiert sind, zu einem möglichst breit aufgestelltem Studium an Fachhochschulen, Universitäten oder Dualen Hochschulen. Dazu zählt beispielsweise der allgemeine Maschinenbau oder die Verfahrenstechnik. Von zu spezialisierten Studiengängen rät der Experte Erstsemestern ab. Die Konzentration auf einen bestimmten Technologie-Bereich sollte während des Studiums oder durch einen anschließenden Master erfolgen.
  • Das Einstiegsgehalt: Nach Aussagen von HTWG-Dekan Klaus Schreiner können Maschinenbau-Absolventen an Fachhochschulen mit hohen Einstiegsgehältern von 45 000 Euro und mehr rechnen. Auch Nicht-Abiturienten werden seit Jahren zu Maschinenbau-Ingenieuren weitergebildet. (wro)