Wie wäre es mit einer Wohnung von Aldi? Was zunächst nach einem Scherz klingt, ist in manchen Städten bereits Realität. Händeringend wird in Stadtzentren nach freien Flächen zum Wohnungsbau gesucht. Dabei wurde bislang ein großes Potenzial übersehen: Die Flachdächer der Supermärkte.

Die großen Handelsketten sind unter die Bauherren gegangen und bieten Wohnungen auf den Dächern ihrer Filialen an. In Tübingen-Derendingen hat Aldi Süd neben der eigenen Filiale 43 Wohnungen errichtet, die seit knapp zwei Jahren bezugsfertig sind. In Esslingen bietet Netto Mietwohnungen an. "Der Trend zum Neubau gemischter Handelsimmobilien ist noch jung", sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Handelsinstitut EHI. Zukünftig wollen Lebensmittelhändler keine großen Filialen mit Parkplätzen mehr in den Innenstädten errichten, sondern auf Kombinationen von Verkaufsflächen mit Wohnungen und sogar Kitas setzen.

Großes Potenzial für den Wohnungsbau

Generell bieten Supermärkte laut Berechnungen der Technischen Universität Darmstadt in ganz Deutschland ein riesiges Potenzial für den Wohnungsbau. Betrachtet man nur die Zentren der 70 größten Städte, ergibt das 11 000 Supermärkte. Davon sind 3 700 Filialen zum Wohnungsbau geeignet. Daraus ergibt sich laut TU Darmstadt ein Potenzial für bis zu eine Million Wohnungen. Genau diese eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland schon jetzt.

In Berlin will der Discounter Aldi Nord an mindestens 30 Standorten sogenannte gemischt genutzte Immobilien umsetzen. Insgesamt sollen so laut Unternehmensangaben 2 000 Wohnungen in Kombination mit Aldi-Nord Märkten entstehen. Lidl und Aldi Süd arbeiten an ähnlichen Wohnbauprojekten.

Ursprünglich wollte Aldi Nord seine alten Filialen nur vergrößern. Die Stadt Berlin verlangt für die Genehmigung jedoch den Bau neuer Wohnräume. Da sich die Grundstücke ohnehin seit Jahren in Unternehmensbesitz befinden, baut Aldi Nord einfach neue Wohnungen auf seine vorhandenen Filialen. "Handelsketten dürften mit gemischt genutzten Immobilien leichter Baugenehmigungen in Städten erhalten", erklärt Experte Marco Atzberger.

Lidl setzte Anfang April in Frankfurt-Niederrad den Spatenstich für seine erste "Metropolfiliale": "Die neue Metropolfiliale ist eine Blaupause, wie wir uns Einzelhandel in dicht besiedelten innerstädtischen Gebieten vorstellen", erklärt Alexander Thurn, Geschäftsleiter Immobilien bei Lidl Deutschland. Bräuchten übliche Filialen mit vorgelagerten Parkplätzen eine Fläche von mindestens 6 000 Quadratmetern, komme dieser spezielle Bautyp mit der Hälfte aus. Die neue Metropolfiliale soll ein völlig neues Einkaufserlebnis bieten und kombiniert auf mehreren Etagen Parkmöglichkeiten, neugestaltete Einkaufsflächen, Wohnraum und Büroräume.