Die Zurückhaltung des vergangenen Jahres ist einer aktuellen Prognose der Beratungsfirma EY zufolge vorbei. Neue Bereiche wie Infrastruktur, Einzelhandel, Lebensmittel und Pharma wecken das Interesse der Chinesen. Ein Beispiel dafür sind auch die Berichte über eine mögliche Übernahme der Modehauskette C&A. C&A ist ein Unternehmen, das nicht in die bislang bekannte Strategie chinesischer Investoren passt. Viel besser passen dazu die Übernahmen des Roboterherstellers Kuka, des Spezialmaschinenbauers KraussMaffei, sowie der letztlich gescheiterte Kauf des Chipherstellers Aixtron. Bei all diesen Firmen handelt es sich um Technologieführer, wie Thomas Heck von der Beratungsgesellschaft PWC sagt. „Die Chinesen erhoffen sich von ihren Übernahmen in der Regel einen Zugang zu neuen Märkten, Kontakte zu neuen Kunden und natürlich auch Zugang zu modernen Technologien.“ Nun kommt ein neuer Punkt hinzu.

 

Politische Führung in Peking nimmt Einfluss

„Für die chinesischen Investmentfonds geht es darum, sich breiter aufzustellen“, sagt Daniel Koller, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Ginkgo Tree. Ein Grund liegt in einem veränderten politischen und wirtschaftlichen Umfeld. Wo die Chinesen ihr Geld investieren, wird maßgeblich von der politischen Führung in Peking bestimmt. Diese hat Felder definiert, in denen das Land bis 2025 deutlich vorankommen will. Dazu gehören IT und Robotik, das gesamte Spektrum des Transportwesens sowie Energieerzeugung und Landwirtschaft. Danach richten sich die chinesischen Unternehmen, die expandieren wollen: „Wer der Politik folgt, hat bessere Chancen, dass seine Übernahme genehmigt wird“, sagt PWC-Berater Heck. Im vergangenen Jahr war allerdings unklar, in welche Richtung sich Chinas Partei- und Staatsführung bewegen wird, was unmittelbar auch auf die Auslandsinvestitionen durchschlug. Kauften chinesische Investoren nach einer Auswertung von EY 2016 insgesamt 68 deutsche Firmen, so waren es 2017 nur 54 Unternehmen. „2016 war das bisherige Rekordjahr“, sagt Ginkgo-Tree-Berater Koller. Alexander Kron von EY nennt einen weiteren Grund für den Rückgang: „Die chinesischen Aufsichtsbehörden haben strengere Kontrollen für Übernahmen im Ausland eingeführt und Auflagen verabschiedet, um den Kapitalfluss ins Ausland zu kontrollieren.“ Auch auf europäischer Seite wurden die regulatorischen Hürden für eine Übernahme größer. „Daran sind einige Deals gescheitert“, erklärt Kron. Hinderlich war auch, dass europäische Verkäufer zunehmend schon bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags eine hohe Summe als Sicherheit verlangen.

Auf dieses veränderte Umfeld reagieren die Investoren laut Kron, indem sie Übernahmekandidaten viel genauer prüfen als früher. Sie versuchen, für die Europäer empfindliche Bereiche zu vermeiden. Sie versuchen aber auch, die Schranken der eigenen Politik zu umgehen. Hinter den meisten größeren Transaktionen des vergangenen Jahres standen in Hongkong ansässige Finanzinvestoren, die nicht von den Kapitalkontrollen betroffen sind, wie China-Expertin Yi Sun von EY erklärt. Insgesamt beobachten die Berater, dass sich das Investmentverhalten der Chinesen immer mehr dem Verhalten anderer großer ausländischer Investoren wie den USA, Großbritannien oder der Schweiz angleicht. Für das kommende Jahr erwarten die Experten, dass die chinesische Kauflaune wieder anzieht. „Die politische Lage in China ist geklärt, deshalb werden auch die Investoren wieder mutiger“, sagt PWC-Berater Heck mit Blick auf den Parteitag in Peking vergangenen Oktober. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den nächsten Monaten einige größere Übernahmen sehen werden.“ Auch EY-Berater Kron glaubt, dass es wieder mehr Deals „im hohen dreistelligen Millionenbereich“ geben wird.