Das Haus, Baujahr 1964/65. Die Einrichtung – mal abgesehen von der neuen Leder-Couchgarnitur – auch. Es ist gemütlich bei Beate Sander, doch mit den vier Wänden einer Börsenmillionärin assoziiert kaum einer ihre Reihenhaushälfte im Ulmer Stadtteil Böfingen. Mit dieser Bescheidenheit ist die Bestsellerautorin in guter Gesellschaft: Auch Börsenguru Warren Buffett soll am Rande von Omaha im US-Bundesstaat Nebraska noch in einem Haus leben, das er 1958 für 31 500 Dollar gekauft haben soll. Millionäre können so bescheiden sein. Allerdings ist Beate Sander keine Einkommens-, sondern Aktien-Millionärin.

Erst mit über 60 Jahren an die Börse

Weiter gemeinsam haben die beiden, dass auch Beate Sander nur Aktien kauft, die sie möglichst für immer behalten will. Ansonsten sind die Lebenswelten des wohl erfolgreichsten Großinvestors des 20. Jahrhunderts und der 81-jährigen Sander grundverschieden. Die pensionierte Lehrerin, die bis zu ihrem 65. Geburtstag Vollzeit an der Realschule in Neu-Ulm unterrichtete, startete erst spät in ihrem Leben mit dem Aktienhandel und zwar im Vorfeld der sogenannten Volksaktie der Telekom, die 1996 in den Handel kam. Sander rief eine Börsen-AG an der Schule ins Leben, schrieb erste Lehrpläne und Schulbücher zu dem Thema und stieg selber – das 60. Lebensjahr war überschritten – in den Handel ein.

An der Börse – hier ein Blick in die Börse Frankfurt – hat Beate Sander aus einem Startkapital von 30 000 Euro inzwischen eine Millionensumme erwirtschaftet.
An der Börse – hier ein Blick in die Börse Frankfurt – hat Beate Sander aus einem Startkapital von 30 000 Euro inzwischen eine Millionensumme erwirtschaftet. | Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Aus ihrem Startkapital von 30 000 Euro ist inzwischen eine Millionensumme geworden, deren Höhe auch nach den Kursrückgängen siebenstellig bleibt. Ihr selbst erfundenes Erfolgsgeheimnis nennt sie „Hoch/Tief-Mutstrategie“: Nach jedem Crash wurde ein neues Allzeithoch erzielt. Bei fallenden Kursen gelte es, gute Papiere mit Potenzial zu kaufen und mit Teilverkäufen auf Jahreshochniveau zu finanzieren.

Ihre Erfolgsrezepte

„Aktien langfristig und vielfältig anlegen“, rät Sander. Ihr Depot deckt unterschiedliche Branchen, Aktienindizes und Länder ab. Ihr Credo: „Breit gestreut, nie bereut.“ Über 1000 bis 1500 Euro gibt sie immer für einen Titel aus. Im Durchschnitt schaffte sie jährlich über 15 Prozent Buchgewinn – und zwar nach Steuern und Transaktionsgebühren. „Um an der Börse Erfolg zu haben, muss man diszipliniert, geduldig und zuverlässig sein, darf nicht dem Herdentrieb verfallen und bei einem Crash alles verkaufen“, sagt sie. Davon profitierten nur die Banken. Auf Sicht von 14 Jahren habe so nie ein Verlustrisiko bestanden.

„Erst gestern habe ich zehn von meinen 200 Sartorius-Aktien verkauft. Mit 2800 Prozent Gewinn“, erzählt sie. Ihre Geduld zahlte sich aus: 2006 kaufte sie die Papiere des Pharma- und Laborzulieferers für 5,80 Euro je Aktie. Nun verkaufte sie ein paar Stück für über 145,50 Euro – steuerfrei, weil Altbestand.

Einstige Leistungssportlerin

Sander, die schlanke Frau mit kurzen grauen Haaren, liest viel. Im kleinen Esszimmer nahe der Massivholz-Eckbank liegen auf einer Anrichte neben Bierkrügen mit Zinndeckeln unter anderem Bücher von Tesla-Chef Elon Musk, „Die Essays von Warren Buffet“ und ein Werk von Richard Thaler, dem Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften. Wäre nicht der Leistungssport gewesen, sagt die Witwe und Mutter von zwei Kindern, hätte sie vielleicht noch früher die Lust am Aktienhandel entdeckt. Doch Einsätze in der Tischtennis-Bundesliga und später das Training für Tennis-Titel haben Zeit gekostet.

Beate Sander in ihrem Reihenhaus vor einem Regal mit Pokalen. Als Tischtennis-Sportlerin hat die Ulmerin auch in der Bundesliga gespielt.
Beate Sander in ihrem Reihenhaus vor einem Regal mit Pokalen. Als Tischtennis-Sportlerin hat die Ulmerin auch in der Bundesliga gespielt. | Bild: Alexander Kaya

Mit 81 Jahren gönnt sich die Ulmerin keine Ruhepausen. Sie steht jeden Tag um vier Uhr auf, schreibt ihre Texte als wöchentliche Börsen-Kolumnistin für eine Zeitung und dann an ihren Büchern. Ihr Schreibtisch stammt noch vom Einzug Mitte der 1960er Jahre. Nur der PC ist ziemlich neu. Trotz ihrer 81 Jahre ist der Onlinehandel mit Wertpapieren für sie selbstverständlich.Um sieben Uhr ist Zeit für Sport im Fitnessstudio oder zu Hause. Dann wird bis 22 Uhr weitergeschrieben, recherchiert oder gehandelt. Über 50 Bücher hat Sander im Laufe der Jahre geschrieben: Der absolute Besteller ist „Der Aktien- und Börsenführerschein: Aktien statt Sparbuch – die Lizenz zum Geldanlegen“. Er landet auf der Amazon-Bestsellerliste regelmäßig nach Neuauflagen auf Platz eins in der Börsenratgeber-Sparte. Das nächste Buch ist fast fertig: Es dreht sich um den demografischen und globalen Wandel.

An Konsum nur wenig interessiert

„Ich könnte auch ständig Kreuzfahrten machen oder mir Schmuck kaufen“, sagt Sander. „Doch das bedeutet mir nichts. Konsum und Mode interessieren mich wenig.“ Selbst ihr altes Ehebett aus den 60ern hat Sander noch. Ganz pragmatisch aber nur ihre Hälfte, die sie noch braucht.

Sie will ihr Wissen weitergeben

Statt Geld für Reisen oder Möbel auszugeben, unterstützt sie lieber ihre Kinder und fünf Enkel. Es macht ihr Spaß, wenn sie ihr Wissen und ihre Strategien in Kursen für Einsteiger und Fortgeschrittene an der Ulmer Volkshochschule weitergeben kann. Sander will mit dem Vorurteil aufräumen, Aktien seien nur etwas für Reiche, für Experten und für Spekulanten: „Weg mit dem Sparbuch, der schleichenden Kapitalvernichtung in den Zeiten der Nullzinsen.“