Die Kaumuskeln im Kiefer bewegen sich gelangweilt, einzelne Halme hängen aus dem Maul. Winny steht in einer strohbedeckten Box im Radolfzeller Hinterland, schwenkt den Kopf mit der gestriegelten Mähne hin und her. 650 Kilogramm wiegt das Schweizer Warmblut. Zehn Kilogramm Heu isst das Pferd jeden Tag. Das trockene Gras besitzt derzeit in der Landwirtschaft den Wert von Gold. Der Dürresommer ließ das Mähgut zur Mangelware werden, die Preise sind explodiert. Das trifft Winnys Besitzerin Danièle Vogg mit ihrem Gut Weiherhof, das trifft jeden Pferdebesitzer.

Winny bekommt von Reitlehrerin Kerstin Schlächt die Mahlzeit gereicht: Im Pferdestall auf dem Gut Weiherhof ist genügend Heu und Stroh vorhanden.
Winny bekommt von Reitlehrerin Kerstin Schlächt die Mahlzeit gereicht: Im Pferdestall auf dem Gut Weiherhof ist genügend Heu und Stroh vorhanden. | Bild: Kares, Julian

Die Pferdebesitzer hüten ihre Quelle

So auch Evelyn Gross von Rehlingen, ihr Gestüt liegt eine halbe Stunde entfernt in einem ländlichen Ortsteil von Überlingen. Sie sagt: „100 Kilogramm Heu liegen derzeit bei 35 bis 40 Euro. Jeder Händler hat seine Preise angehoben. Das ist exorbitant.“ Sie musste um jedes Kilogramm der wertvollen Nahrung kämpfen, die Suche gleicht noch immer einer Schnitzeljagd. Jeder Hof mit Pferden versuche seine eigene Bezugsquelle zu schützen. Sie selbst tut das, gibt sie unumwunden zu. Ein befreundeter Landwirt hilft aus. Billiger ist das nicht, aber ihre 20 Pferde bekommen zumindest genügend in den Magen – für sie das Wichtigste.

Ställe müssen Preise anheben

Die Gestütsleiterin ist sich sicher, dass regionale Pferdehöfe derzeit finanziell nur mithalten können, wenn die eigenen Stallpreise angehoben werden. „Wer eine reine Pferdepension hat, der kann eigentlich nur mehr Geld verlangen.“ Das trifft dann wiederum Menschen, die eine Reitbeteiligung haben oder ihr Tier in einem Stall unterstellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei Danièle Vogg in Radolfzell ist die Gemütslage etwas entspannter, wenn sie über das Futter für ihre 24 Pferde spricht. Das hat einen guten Grund, es gibt einen Unterschied zum Überlinger Gestüt. Ihr Gut Weiherhof hat den Vorteil, eigene Weideflächen zu besitzen.

Ernte fällt der Hitze zum Opfer

Die Dürre im Sommer hat jedoch auch bei ihnen zugeschlagen: Der erste Schnitt im Juli fiel mit 48 Tonnen schlecht aus, die zweite Ernte im August der Hitze zum Opfer. Normalerweise, meint Danièle Vogg, bringen die Ernten rund 100 Tonnen ein. Sie musste nachkaufen, war früh dran, kam deshalb noch günstig weg. „Ich habe außerdem direkt vom Feld gekauft, der Händler musste nichts lagern. Andere Höfe können das nicht.“

Ein Stroh- und Heulager neben dem Pferdestall auf dem Gut Weiherhof in Radolzell.
Ein Stroh- und Heulager neben dem Pferdestall auf dem Gut Weiherhof in Radolzell. | Bild: Kares, Julian

Ihr Großhändler sitzt in Hilzingen, eine Gemeinde im Landkreis Konstanz. Rudolf Auer ist auf Raufutter – Stroh, Spreu, Heu – spezialisiert. Er gibt Auskunft über seinen Preis. 100 Kilogramm Heu kosten bei ihm derzeit 34 Euro, doppelt so viel wie im Jahr davor. Der Preis für Stroh hat sich ebenfalls verdoppelt: 100 Kilogramm liegen derzeit bei 19 Euro. „Wir hatten bei der Ernte Einbußen von 30 Prozent“, erklärt der Landwirt seine Lage. Die Nachfrage von Reitställen aus Süddeutschland sei hoch. Seine Stammkunden genießen bei ihm Priorität. „Einem Reitstall, der neu zu uns kommt, dem sagen wir ab. Selbst wenn mehr Geld geboten wird.“

Schweizer zahlen zwei Euro mehr

Die Überlinger Gestütsleiterin, Evelyn Gross von Rehlingen, bringt ein solches Verhalten in Bedrängnis. Sie wirft den Händlern vor, die Schweizer Höfe zu bevorzugen. „Seit Jahren gilt: Wenn ich Geld mit Futtermittel machen will, dann verkaufe ich in die Schweiz.“

Das könnte Sie auch interessieren

Rudolf Auer nehmen tatsächlich zumeist die Eidgenossen die Ware ab. 90 Prozent liefert er an die Nachbarn, der Rest landet in den Höfen der Region. Mit Geldmacherei hat das nichts zu tun, meint Auer. Er schlägt für 100 Kilogramm rund zwei Euro auf, wenn eine Ladung über die Grenze gefahren wird – das wären 36 statt 34 Euro für 100 Kilogramm Heu.

Für Pferde gibt es wenig Alternativen zum Heu

Die Nachfrage in der Schweiz sei jedes Jahr hoch, da es dort wenig Weideflächen gebe. Der heiße Sommer hat die Lage auch dort verschärft – für Bauern im Südwesten nicht nur jetzt ein gutes Geschäft. Viele nutzen ihr Land, um Futter für den Verkauf zu ernten. Zurzeit könnte das ein Vorteil für die Pferdebesitzer der Region sein. Höfe im Norden Deutschlands sollen für einen Rundballen bis zu 100 Euro zahlen.

Zurück im Stall des Schweizer Warmbluts Winny: Reitlehrerin Kerstin Schlächt schiebt die zweite Mahlzeit des Tages in die Box. Für Pferde gebe es kaum Alternativen zum Heu, erklärt sie. Die Tiere hätten eine sensible Verdauung. Sie ist froh, dass kein Tier auf dem Gut Weiherhof Abstriche machen muss. „Jedes Pferd bekommt genug Heu.“ Und so kaut Winny neben ihr weiter gelangweilt auf den teuren Halmen.

Warum Halm nicht gleich Halm ist

Auf den Feldern der Landwirte sieht man nach dem Mähen große Heu- oder Strohballen herumliegen – beide Naturprodukten unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Richard Riester von der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume klärt auf:

  • Heu, Öhmd und Grummet: Heu ist der getrocknete Aufwuchs von Wiesen und enthält Gräser und Kräuter, beispielsweise Klee. Das getrocknete Gras hat eine graue bis grüne Farbe und muss trocken gelagert werden. Die Heubereitung ist aufwendig, da dafür stabile Hochsommerphasen benötigt werden. Von Ende Mai bis Anfang September können zwei bis drei Schnitte getrocknet werden. Der erste Schnitt nennt sich Heu, die folgenden Öhmd oder Grummet. Es wird heute zum größten Teil als 200 bis 350 Kilogramm schwere Quader- oder Rundballen gepresst und dient der Fütterung. Milchkühe benötigen junges nährstoffreiches Heu, Pferde dagegen älteres rohfaserreiches Heu. Das Mähgut kann auch gehäckselt werden und in Silagen luftdicht verpackt werden. Der Gärungsprozess macht das Futter länger haltbar.
  • Futter, Brennmaterial und Rohstoff: Als Stroh bezeichnet man die ausgedroschenen und trockenen Halme und Blätter von Getreide, Ölpflanzen, Faserpflanzen und Hülsenfrüchten. Stroh hat eine helle, gelbliche Farbe. Ein Teil des Strohs wird zur Humusbildung direkt vom Mähdrescher zerkleinert und verbleibt auf dem Feld. Der überwiegende Teil wird Tage nach der Getreideernte ebenfalls zu Quader- oder Rundballen gepresst und dient größtenteils als Einstreu für Rinder, Pferde und Schweine. Als Mist gelangt es wieder auf die landwirtschaftlichen Flächen. Ein weiterer Teil wird an Pferde und Rinder als rohfaserreiches und diätetisches Futtermittel verfüttert. Daneben dient Stroh auch als Brennmaterial und als industrieller und handwerklicher Rohstoff. (juk)