London – Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Straßburg die Kampagne für den EU-Austritt Großbritanniens indirekt als „unverantwortlich“ kritisierte, traf Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) in London auf den bekanntesten EU-Skeptiker und das Gesicht der Brexits: Boris Johnson. Der britische Außenminister mit den markanten blonden Haaren klingt zur Überraschung von Experten stets, als gleiche der bevorstehende Abschied von dem Staatenbund einem Spaziergang. Gestern verteidigte er zudem abermals die Entscheidung. Sie sei die Lösung für ein Problem, das seit sehr langer Zeit die Beziehungen Großbritanniens mit der EU belaste. „Wir waren die Spielverderber“, sagte er. „Es ist das einzig verantwortungsvolle, die Sache ein für alle Mal in Ordnung zu bringen“, so der britische Chefdiplomat mit Blick auf Steinmeiers Worte.

Gleichzeitig betonten Gabriel und Johnson auf einer Pressekonferenz mehrfach, wie „besonders und tief“ die Freundschaft zwischen Deutschland und dem Königreich sei und wie man diese auch nach dem Brexit weiter ausbauen wolle. Sie wirkten, als verstünden sie sich. Vielleicht liegt es daran, dass beide gerne die eine oder andere Anekdote erzählen. Vielleicht auch daran, dass sie mit ihren Meinungen in der Regel nicht zurückhalten. Doch die Worte Gabriels von vergangenem Jahr schienen vergessen. „Ich glaube, die Briten werden Johnson eines Tages verfluchen“, meinte der damalige Vizekanzler nach dem EU-Referendum über den ehemaligen Bürgermeister Londons. Heute sind beide die Chefdiplomaten ihrer Länder.

Doch auch wenn sich Gabriel optimistisch gab angesichts der anstehenden Verhandlungen, meinte er, dass man sich zu Beginn keine Illusionen machen dürfe. Es sei wie bei jeder Scheidung. „Es wird erst richtig schwer werden, bevor es dann wieder leichter wird.“ Dabei komme es darauf an, dass die Interessen der 27 verbleibenden Mitgliedstaaten nicht beschädigt werden, aber auch darauf, „cool zu bleiben“. „Wir als Europäer haben eine Menge zu bieten.“ Und doch bräuchten sich beide Seiten. Noch vor wenigen Wochen hatte Johnson auf der Insel und in Brüssel für Aufsehen gesorgt, als er sagte, es wäre „in Ordnung“, wenn Großbritannien nach den auf zwei Jahre befristeten Verhandlungen ohne Abkommen dastünde. „Ich will nicht pessimistisch sein“, sagte er gestern. „Ich denke, wir werden einen Deal bekommen.“ Doch selbst wenn nicht, werde Großbritannien „mehr als überleben“. Trotz freundschaftlichem Schulterschluss für die Kameras: Die Positionen seien „sehr weit auseinander“, sagte Gabriel. Anders als die Briten das fordern, könnten aus deutscher Sicht etwa Verhandlungen zu Fragen über das zukünftige Verhältnis zwischen Großbritannien und EU erst beginnen, „wenn die Austrittsbedingungen einigermaßen klar sind“. Und damit die Rechte der europäischen Bürger auf der Insel oder finanzielle Verantwortlichkeiten.

Es war Gabriels erster Besuch in London als Außenminister und doch war sein wichtigstes Treffen keineswegs jenes mit Johnson – sondern die Begegnung mit Jane Isabel Handley, einer Engländerin, die er zum letzten Mal als 14-jähriger Teenager auf der Insel gesehen hat: Jane war seine Partnerin beim Schüleraustausch und nur eine hartnäckige Suchaktion machte es möglich, dass der Außenminister sie erstmals nach 42 Jahren wiedertraf – eine „bewegende Begegnung“, wie er meinte. „Es war damals meine erste Reise außerhalb Deutschlands und die hinterließ einen tiefen Eindruck.“ Gleichzeitig versprach er, die Mittel für den Jugendaustausch mit Großbritannien zu erhöhen.