Ein paar Tage in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen. Gespräche mit Unternehmensvorständen und Politikern. Und natürlich die Rede von US-Präsident Donald Trump. So hatte sich Wolf-Henning Scheider, bis gestern Chef des Automobilzulieferers Mahle, wohl seinen Aufenthalt beim Davoser Weltwirtschaftsforum vor einigen Tagen vorgestellt. "Ausreichend Zeit", so heißt es aus dem Mahle-Umfeld, habe der 55-Jährige für seinen Schweizaufenthalt fernab des Stuttgarter Konzernsitzes eingeplant. Genau wie im Jahr zuvor, als sich der Mahle-Chef ebenfalls in Davos von der globalen Wirtschaftselite inspirieren ließ.

Bei einsetzendem Tauwetter erwischte ihn dieses Mal das Tagesgeschäft dann aber doch kalt. Nach Recherchen unserer Zeitung wurde während des Davoser Gipfels nämlich bekannt, dass Scheider als Nachfolger von Stefan Sommer an die Spitze der Friedrichshafener ZF aufrücken soll. Eigentlich hätte die Personalie erst Tage später verkündet werden sollen. Nach Tagen des Schweigens bestätigte ZF die Neuverpflichtung gestern.

Ab 1. Februar werde der studierte Betriebswirtschaftler nun ZF Friedrichshafen leiten, teilte das Unternehmen mit. Scheider stehe "mit seinen fachlichen wie auch menschlichen Fähigkeiten" für Kontinuität, sagte ZF-Aufsichtsratschef Franz-Josef Paefgen. „Andererseits steht der Vordenker Scheider für einen moderierten Wandel". Er werde ZF "mit Fingerspitzengefühl und im steten Austausch mit allen Anspruchsgruppen durch den herausfordernden Transformationsprozess steuern, den die gesamte Automobilindustrie aktuell durchläuft.“

Die Vorschusslorbeeren für Scheider mag ein anderer als Tadel verstehen – Scheiders Vorgänger Stefan Sommer. Nach einem erbitterten Streit mit dem ZF-Eigner Zeppelin-Stiftung war Sommer Anfang Dezember 2017 bei ZF zurückgetreten. Insbesondere mit dem Friedrichshafener Oberbürgermeister Andreas Brand, der auch der starke Mann hinter der Zeppelin-Stiftung ist, hatte er sich wegen des Kurses des 36-Milliarden-Euro-Unternehmens überworfen. Man freue sich jetzt "sehr auf die Zusammenarbeit" mit Scheider, ließ OB Brand am Mittwoch denn auch flugs verlauten. Mit Scheider – dem bisherigen Vorsitzenden der Mahle-Geschäftsführung – übernimmt ein Top-Manager die Sommer-Nachfolge, der von langjährigen Branchenbeobachtern als "kompetent, strukturiert", gleichzeitig im Auftreten als "ruhig und entschieden" beschrieben wird.

Seine Karriere begann der gebürtige Saarbrücker bei Bosch, wo er 2010 in die Geschäftsführung aufstieg und drei Jahre später die Koordinierung der umsatzstärksten Bosch-Sparte – die Kfz-Technik – übernahm. Dort verantwortete er mit knapp 42 Milliarden Euro im Jahr 2015 einen Umsatz, der deutlich über dem heutigen Erlösen des ZF-Konzerns liegt. Sein Abgang als mächtiger Sparten-Chef bei Bosch im Frühsommer 2015 zum sehr viel kleineren Stuttgarter Kolbenspezialisten Mahle wurde daher von manchen Beobachtern als Abstieg gewertet. Er solle "zu stark mit den Hufen gescharrt" haben und deswegen bei Bosch-Chef Volkmar Denner angeeckt sein, sagte man dem ambitionierten Manager damals nach. Scheider selbst begründete den Schritt damals mit der Chance, "die Gesamtverantwortung für ein Unternehmen" übernehmen zu können. Sein Abgang bei Bosch jedenfalls wurde damals als Aderlass beschrieben.

Tatsächlich ist Scheider für ZF aus mehreren Gründen eine gute Wahl. Anders als der extrovertierte Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, der dem Vernehmen nach auch bis zuletzt für den ZF-Top-Job im Gespräch war, hat Scheider seine gesamte Karriere bei Stiftungsunternehmen zugebracht. Sowohl hinter dem Stuttgarter Bosch-Konzern, in dessen Diensten Scheider 28 Jahre stand, als auch hinter Mahle und ZF steht eine Stiftung. Die nötige Sensibilität im Umgang mit deren Interessen dürfte Scheider anders als Stefan Sommer – seinem Vorgänger bei ZF -, ins Blut übergegangen sein.

Stiftungserfahrung war dem Vernehmen nach insbesondere für den starken Mann bei ZF, den Friedrichshafener OB Brand, ein wichtiges Kriterium bei der Bewerberauswahl. Eine Stiftungskonstruktion stehe für einen "langfristigen Blick" auf die Dinge. Dieser müsse immer geschärft sein, damit "man mit dem Unternehmen nicht in die Situation kommt, die im Fall einer Krise die Nachhaltigkeit in Frage stellt", sagte Scheider einmal dem Branchenblatt Automobilproduktion. Brand, dem Sommers Einkaufstouren im Firmenreich zuletzt viel zu risikoreich erschienen, hätte es wohl ähnlich ausgedrückt.

Scheider setzt auf Altes und Neues

Der Duisburger Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer attestiert Scheider in seiner Zeit als Mahle-Chef "an Format gewonnen" zu haben. Die vor nicht allzulanger Zeit nahezu vollständige Abhängigkeit des Mahle-Konzerns, vor dessen Stuttgarter Zentrale immer noch ein mächtiger Kolbenmotor prangt, vom Verbrennungsmotor habe er reduziert und in Forschung und smarte Technologie investiert. Althergebrachtes optimieren und zudem beim Thema Elektromobilität Gas geben lautete das Motto seiner "dualen Strategie" bei Mahle. Mittlerweile gilt das Unternehmen als Spezialist für Leistungselektronik und das Thermomanagement von E-Autoakkus und ist damit in Richtung Zukunft weitergekommen.

"Was die strategische Ausrichtung von Mahle angeht hat Scheider einen guten Job gemacht", sagt Dudenhöffer. "Er hat das Zeug dazu, Stefan Sommers Strategie fortzuführen".

Durch den Kauf des US-Konkurrenten TRW hatte Sommer ZF's traditionelle Ausrichtung auf Getriebe deutlich verwässert und die Kompetenzen des 138 000-Mitarbeiter-Unternehmens in Sensortechnik, Komfort, Sicherheit und autonomem Fahren vorangetrieben. Zudem hatte er bei der Antriebstechnik das Thema E-Mobilität forciert und ZF für Kooperationen und Start-up-Firmen geöffnet. Allerdings versäumte er, den stark kommunal ausgerichteten ZF-Eigner Zeppelin-Stiftung in all das einzubinden. Die kommunalen Eigner von ZF müssten sich viel stärker globalen Trends im Zuliefergeschäft öffnen, sagt dazu Dudenhöffer. Damit ZF erfolgreich bleibe, müssten sie "die Welt stärker in den Blick nehmen". Kein Zweifel: An dieser Aufgabe wird sich auch Scheider messen lassen müssen.

Und er muss die ZFler mitnehmen. Ein Händchen dafür soll er haben. Bei der Mahle-Belegschaft jedenfalls wurde die Nachricht seines Weggangs "mit blankem Entsetzen" aufgenommen, wie es vom Betriebsrat hieß. Beim Kolbenbauer Mahle, den künftig der 48-jährige Wirtschaftsingenieur Jörg Stratmann leiten soll, bescheinigt man dem 55-jährigen Scheider für "frischen Wind" gesorgt zu haben. In einen "CEO-Blog" hielt er die Werker beispielsweise auf dem Laufenden. Jeder Arbeitnehmer konnte hier Kritik loswerden. Scheider antwortete direkt und zuverlässig, heißt es. Der Kontrast zum Scheider-Vorgänger Heinz Junker, der aufgrund seiner Unnahbarkeit im Unternehmen auch heute nur "der Professor" genannt wird, könnte nicht größer sein.

Unklar ist bislang wie es gelang, Scheider, dessen Vertrag bei Mahle nach SÜDKURIER-Informationen noch bis ins Jahr 2020 lief, an den Bodensee zu locken. Dass er wie sein Vorgänger Sommer gerne in alten Porsches Alpenpässe hochjagt, mag eine – wenngleich untergeordnete – Rolle gespielt haben.

Wohl weit wichtiger: Gerüchten zufolge soll Scheider bei seinem Vorgänger und heutigen Mahle-Aufsichtsratschef Junker nach einem heftigen Gewinneinbruch im Jahr 2016 in Ungnade gefallen sein. Bei einem Umsatz von 12,3 Milliarden Euro standen bei Mahle am Jahresende unter dem Strich nur 63 Millionen Euro Gewinn. Zu wenig für einen gelernten Kaufmann, wie es Junker offenbar schien. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass sich das Mahle-Urgestein Junker und der ZF-Aufsichtsratschef Franz-Josef Paefgen seit Jahren kennen. Unter anderem treffen sie sich regelmäßig bei Mahle-Aufsichtsratssitzungen.

Junker habe seinen Wunsch nach Ablösung von Scheider an der Mahle-Spitze mit einem Gefallen für Paefgen verbinden können, sagt eine informierte Person aus den ZF-Umfeld. Und so habe man eines mit dem anderen verbunden. Insofern sei Scheider von Mahle "weggelobt bis weggeschickt" worden. Für ZF könnte das nicht die schlechteste Entscheidung gewesen sein.

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