Eine Allianz aus Umweltorganisationen wie dem WWF, der Sozialdemokratischen und der Grünen Partei fordert in der Schweiz in einem offenen Brief an Verkehrsministerin Leuthard ein Umdenken in der Verkehrspolitik: die Verlagerung diesmal nicht von der Straße, sondern aus der Luft auf die Schiene. Schweizer sind offenbar doppelt so viel mit dem Flugzeug unterwegs wie die europäischen Nachbarn. Dabei haben 80 Prozent der Flüge einen Zielflughafen in Europa. Um die am Pariser Umweltgipfel vereinbarten Klimaziele zu erreichen, böten sich – so die Allianz – für Strecken bis zu 1500 Kilometern Nachtzüge als klimafreundliche Alternative zum Flugzeug an.

Zudem stellt die Allianz verschiedene Forderungen auf: eine Flugticket-Abgabe in der Schweiz zusätzlich zum Flugpreis, eine Kerosinsteuer – also die Besteuerung von Flugbenzin – und weitere Maßnahmen zur Verlagerung des Verkehrs auf den nachhaltigeren Schienenverkehr. Dazu muss man wissen, dass die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) schon seit einiger Zeit keine Nachtzüge mit Liege- oder Schlafwagen mehr betreiben. Das trifft auch auf Deutschland zu: Die Deutsche Bahn (DB) hat Ende 2016 ihre Ciry Night Line eingestellt. Sie war gegenüber dem Flugzeug nicht mehr konkurrenzfähig. Und niemand in der Regierung, im Verkehrsministerium, im Parlament hat das offenbar groß aufgeregt, geschweige alarmiert. Dabei hat auch Deutschland die Pariser Klimaziele unterschrieben.

In die Bresche gesprungen sind die offenbar weniger kurzsichtigen Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Sie bedienen mit dem NightJet von Wien, Graz und Innsbruck aus Nachtlinien nach Mailand, über München, Zürich und Basel nach Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Weitere Verbindungen sollen im kommenden Jahr folgen. Schon in den ersten sechs Monaten nach dem Start im Dezember 2016 benutzten 800 000 Fahrgäste den NightJet trotz im Vergleich zum Flugzeug höheren Preisen. Warum überlässt man diesen Markt ohne Not ausländischen Anbietern, während man in- und ausländische Fluggesellschaften, nicht zuletzt die Billigflieger Easy Jet oder Ryanair mit ihren Dumpingpreisen gewähren lässt?

Autofahrer bezahlen mehr als die Hälfte des Benzinpreises an der Zapfsäule als Steuern an den Staat, Zugbetreiber Kilometergeld an den Bund als Eigentümer der Schienenwege und sonstigen Infrastruktur. Warum zahlen ausgerechnet Fluglinien in dieser neoliberalen Scheinwelt keine Kerosinsteuer? Es gibt keinen Grund. Dem Staat sollte verboten sein, die viel zu große Flugindustrie, die den mörderischen Preiskampf mit Lohnsenkungen und zum Teil gesetzwidrigem Sozialabbau auf Kosten der Beschäftigten ausficht, Privilegien einzuräumen und die Bahn im Regen stehen zu lassen. Stattdessen sollte er, also die große Koalition, endlich einmal wirkliche und nachhaltige Politik machen, indem sie die Beschäftigten der Airlines vor ihren Bossen schützt und den Verkehr mit neuen Ideen und Investitionen auf die Schiene verlegt, wo dies möglich ist.