Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heuberg kann auf eine über 150-jährige Geschichte zurückblicken. Doch bis vor kurzem stand noch nie eine Frau an der Spitze der traditionsreichen Kammer. Zuletzt hatte Dieter Teufel das Präsidentenamt zwei Jahrzehnte inne.

Doch als der Tuttlinger Steuerberater seinen Rückzug verkündete, nutzte die Kammer die Chance, um sich nicht nur an der Spitze zu verjüngen, sondern auch erstmals eine weibliche Präsidentin zu wählen. Seit April bekleidet die Unternehmerin Birgit Hakenjos-Boyd das Ehrenamt – und das obwohl sie sich erst gegen die Kandidatur gesträubt hatte, wie sie im Gespräch mit dem SÜDKURIER verrät.

Sie habe sich dann aber doch überzeugen lassen, zur Präsidentenwahl anzutreten – und dies trotz des hohen Zeitaufwands bisher nicht bereut.

Für Birgit Hakenjos-Boyd, Geschäftsführerin des Familienunternehmens Hakos in Villingen-Schwenningen, das sich auf die Herstellung von Präzisionswerkzeugen spezialisiert hat, spielt es keine Rolle, dass sie nun die erste Frau an der Kammerspitze ist.

„Ich arbeite seit vielen Jahren in einer Männerdomäne und sehe die Geschlechter gar nicht mehr“, sagt sie. Trotzdem habe sie gespürt, dass die Wahl einer Frau über die Region hinaus für Aufsehen gesorgt habe. „Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal alle Ausbildungsplätze besetzt bekommen.

Das hängt wahrscheinlich mit dem Medienrummel um meine Person zusammen. Das ist ein schöner Nebeneffekt meiner Präsidentschaft“, sagt Hakenjos-Boyd. In ihrer fünfjährigen Amtszeit will sie sich vor allem um drei Schwerpunkte kümmern: Den Fachkräftemangel, die Infrastruktur in der Region und die Unternehmensförderung. Wie sie sich das im einzelnen vorstellt, erklärt sie im Gespräch mit unserer Zeitung:

  • Ländlicher Raum: Den oft verwendeten Begriff ländlicher Raum hält sie für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg für unpassend. „Wir haben im Kammerbezirk eine extrem hohe Industriedichte mit vielen mittelständischen familiengeführten Unternehmen“, sagt sie. Gleichwohl sieht sie noch Verbesserungspotenzial – gerade um junge Leute in der Region zu halten oder aus anderen Regionen abzuwerben. „Mein Wunsch ist es, mehr Lifestyle in die Region zu bringen. Bei jungen Menschen stark im Trend sind Läden und Restaurants, die gesundes Essen wie Smoothies oder vegane Produkte anbieten“, sagt sie.
  • Fachkräftemangel: Um den zunehmenden Fachkräftemangel zu bekämpfen, will Hakenjos-Boyd unter anderem Schulabbrecher nachqualifizieren. „Man kann jeden qualifizieren, auch Jugendliche ohne Schulabschluss.“ Zudem setzt sie auf die Erfahrung der älteren Arbeitnehmer. „Wir müssen die älteren Mitarbeiter länger im Betrieb halten." Auch mit Ende 50 müsse man noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Schließlich will sie auch versuchen, Studienabbrecher von einer Ausbildung in der Industrie oder im Handel zu überzeugen. Nicht zuletzt müssten auch Frauen noch stärker gefördert werden. „Viele Frauen trauen sich – gerade im technischen Bereich – zu wenig zu." Das sei ein Potenzial, was nicht genutzt werde.
  • Digitalisierung: Die Unternehmen in der Region hätten mittlerweile alle die Herausforderungen der Digitalisierung angenommen. „Es gibt kaum ein Unternehmen in unserer Region, das nicht dabei ist, sich zu digitalisieren“, sagt Hakenjos-Boyd. Allerdings hake es bei der flächendeckenden Versorgung mit schnellen Internetverbindungen noch. „Wir müssen beim Breitbandausbau Gas geben. Denn die digitale Infrastruktur ist ein Grundbaustein für die moderne Wirtschaft“, sagt sie. Und auch bei der Ausbildung von Fachkräften sei noch Luft nach oben. „Ich plädiere dafür, an den Schulen schon früh Informatik zu unterrichten“, sagt Hakenjos-Boyd. Allerdings gibt sie zu bedenken, dass es bei der Digitalisierung nicht nur Gewinner geben werde. "Es wird darum gehen, so wenige Verlierer wie möglich zu haben", sagt sie.
  • Flüchtlinge: Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt mache langsame Fortschritte. So haben im Jahr 2017 im Kammerbezirk 44 Flüchtlinge eine Ausbildung begonnen. Im Vorjahr seien es nur vier Flüchtlinge gewesen. Grundsätzlich befürworte Hakenjos-Boyd noch mehr Impulse für den deutschen Arbeitsmarkt aus dem Ausland. „Ich bin für ein Einwanderungsgesetz. Deutschland soll noch mehr ein Zuwanderungsland werden. Wir brauchen Fachkräfte und Arbeitskräfte von überall her“, sagt sie.
  • Autoindustrie: Für die vielen Autozulieferer in der Region sei der technologische Wandel Chance und Herausforderung zugleich. Es gebe keinen Grund, angesichts neuer Konkurrenten wie Tesla oder Google in Panik zu verfallen. „Ich glaube nicht, dass der Wandel in der Autoindustrie disruptiv ablaufen wird. So lange die Welt noch Benziner braucht, werden wir klassische Autos in alle Welt verkaufen können. Und wir können auch exzellente Elektroautos bauen“, sagt Hakenjos-Boyd.