Der Bildungsbericht 2018 liegt vor. Auf über 370 Seiten wird vieles angesprochen, was bereits bekannt ist und hinlänglich in den Medien diskutiert wurde: Das gesamtgesellschaftliche Bildungsniveau steigt zwar kontinuierlich an, allerdings beeinflusst die Herkunftsfamilie immer noch sehr stark den Bildungserfolg. Während 79 Prozent aller Kinder aus Akademikerfamilien studieren, sind es nur 24 Prozent aus allen anderen Familien.

Durchschnitt bei lebenslangem Lernen

Im Bildungsbericht wird zudem dokumentiert, dass Deutschland beim lebenslangen Lernen Durchschnitt ist. Die Lebens- und Arbeitswelt wird sich durch die Digitalisierung ändern. Kein Mensch kann wissen, in welche Richtungen sich die Berufsbilder verändern werden. Die Menschen sollten aber in die Lage versetzt werden, dass sie sich diesen verändernden Rahmenbedingungen rasch und aus eigener Kraft anpassen können. Während in den nordischen Ländern und in den Niederlanden nach Daten der OECD nahezu zwei Drittel der Menschen im Alter von 25 bis 64 Jahren an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, beträgt dieser Wert in Deutschland lediglich 53 Prozent. Dieser Wert entspricht exakt dem Durchschnitt aller EU-Länder.

Weniger Weiterbildung in kleinen Firmen

Der Bildungsbericht legt ferner dar, dass in Betrieben mit mehr als 250 Mitarbeitern immerhin 97 Prozent aller Unternehmen Weiterbildungsmaßnahmen anbieten, in kleinen Firmen mit maximal neun Mitarbeitern sind dies lediglich 47 Prozent. Von Weiterbildung sind zudem die Menschen ausgeschlossen, die nicht auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. Dies ist in den nordischen Ländern und den Niederlanden nicht der Fall, dort strebt die aktive Arbeitsmarktpolitik danach, das Humankapital auch der Arbeitslosen zu steigern. Wie man die Zahlen auch dreht und wendet, es drängt sich auch in der deutschen Bildungspolitik der Eindruck eines Matthäus-Prinzips auf: Wer hat, dem wird gegeben.

In höchstem Maße fahrlässig

Eine solche Bildungspolitik kann nicht nur als ungerecht bezeichnet werden, sie ist zudem in höchstem Maße fahrlässig. Wir können zwar hoffen, dass weiter hochqualifizierte Menschen aus anderen (europäischen) Ländern das Bildungsniveau auf dem deutschen Arbeitsmarkt anheben werden. Aber die Politik geht mit dem größten Rohstoff unserer Wirtschaft, dem Humankapital der in Deutschland lebenden Menschen, besorgniserregend sorglos um.

Warum wird das erste Studium nicht, wie in Nordeuropa, unabhängig von den Möglichkeiten der Familie für alle finanziell gefördert? Warum zerbrechen wir uns die Köpfe über ein widersinniges Grundeinkommen und fordern nicht vielmehr von der Arbeitsagentur finanzierte Bildungsauszeiten für alle?

Warum überlassen wir die Fortbildungsmaßnahmen den Betrieben und privaten Bildungsinstitutionen? Die föderale Zerfaserung der Bildungspolitik in Deutschland ist wahrlich nicht der einzige Grund für die allenfalls durchschnittliche Leistung. Aber der bunte Flickenteppich unterschiedlichster bildungspolitischer Programme hierzulande erleichtert nicht gerade eine zukunftsorientierte Bildungspolitik, die das Humankapital mehrt und die Menschen so in die Lage versetzt, die Digitalisierung aktiv zu gestalten.

Sven Jochem lehrt Politikwissenschaften an der Universität Konstanz und forscht über Demokratietheorien, wohlfahrtsstaatliche Reformen und soziale Gerechtigkeit.