Frau Buch, müssen wir uns Sorgen machen, dass in naher Zukunft noch einmal eine Finanzkrise über uns hineinbricht?

Das Finanzsystem ist in den vergangenen Jahren deutlich stabiler geworden. Wir haben sehr viel getan, um die Risikotragfähigkeit der Banken zu erhöhen. Und wir haben Aufsichtsgremien geschaffen, die sich mit Fragen der Finanzstabilität beschäftigen. Das ist ein neues und wichtiges Politikfeld. Insofern müssen wir uns keine akuten Sorgen machen, dass es wieder zu einer Finanzkrise kommt. Aber wir wissen auch, dass Finanzkrisen in der Geschichte immer wieder aufgetreten sind. Krisen können nicht vollständig verhindert werden, aber sie sollten zukünftig weniger wahrscheinlich und weniger gravierend sein. Deshalb ist es unsere gesellschaftliche Aufgabe, alles dafür zu tun, dass das Finanzsystem nachhaltig stabil bleibt. Denn es ist wie immer im Leben: Verblasst die Erinnerung an die Krise erst einmal, kümmert man sich weniger um mögliche Systemrisiken und deren Ursachen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich die Lehren aus der Finanzkrise immer wieder bewusst zu machen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Lehren aus der Finanzkrise?

Wir brauchen mehr Eigenkapital im Finanzsystem. Denn ein System mit mehr haftendem Kapital ist widerstandsfähiger und kann mit Schocks und Risiken besser umgehen. Das gilt nicht nur für einzelne Banken, sondern für das gesamte Finanzsystem. So sollten Banken in guten wirtschaftlichen Zeiten, in denen die Kreditvergabe sehr hoch ist, zusätzliches Eigenkapital aufbauen. Das stabilisiert die Banken in schlechten Zeiten bei Kreditausfällen. So kann eine Negativspirale an den Märkten verhindert werden.

Aus welchem Bereich drohen uns aktuell Risiken? Könnte der Immobilienmarkt wieder eine Finanzkrise auslösen?

Krisen können ganz unterschiedliche Auslöser haben. Wir brauchen insgesamt eine größere Fähigkeit des Finanzsystems, Risiken verschiedenster Art abzupuffern. Immobilienblasen sind tatsächlich oft Auslöser von schwerwiegenden Finanz- und Wirtschaftskrisen mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Aber auch andere Entwicklungen wie eine zu hohe Verschuldung von sich entwickelnden Volkswirtschaften könnten zu einer Gefahr werden.

In vielen deutschen Großstädten wie München, Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart steigen die Immobilienpreise in die Höhe. Droht uns dort vielleicht eine Immobilienblase?

Wir beobachten den Immobilienmarkt sehr genau. Es gibt Regionen, in denen Immobilien in Teilen überbewertet sind. Allerdings ist die Kreditfinanzierung bisher nicht besonders stark gestiegen. Dennoch halte ich es für wichtig, dass wir zukünftig bessere Möglichkeiten haben, bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Und wir brauchen bessere Daten, um Fehlentwicklungen bei der Vergabe von Immobilienkrediten frühzeitig erkennen zu können.

Kann zu viel Regulierung des Finanzystems unter Umständen das Wirtschaftswachstum bremsen?

Ziel einer guten Regulierung ist es, die richtige Balance zwischen Stabilität und Wachstum zu finden. Wir wollen das Finanzsystem stabiler machen, aber nicht lähmen. Denn Innovationen und die Suche nach besseren Lösungen sind die Basis für Wirtschaftswachstum.

Kann die Schuldenkrise in südeuropäischen Ländern wie Griechenland, Portugal oder Spanien das Finanzsystem ins Ungleichgewicht bringen?

Wir haben weltweit nach wie vor eine hohe private und öffentliche Verschuldung, nicht nur in Südeuropa. Wir müssen unser Finanzierungssystem – nicht nur das Bankensystem – insgesamt auf eine solidere Basis stellen und Anreize zu einer übermäßigen Verschuldung abbauen.

Im Juni stimmen die Briten über den Austritt aus der EU ab. Welche Folgen hätte eine Abspaltung Großbritanniens von der Europäischen Union?

Wenn die Briten aus der EU austräten, hätte dies sicher negative Folgen. Die genauen gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen kann aber niemand abschätzen. Von einem positiven Votum würde ein Vertrauenssignal für Europa ausgehen.

Werden wir in zehn Jahren in Deutschland noch mit Scheinen und Münzen zahlen?

Ja, davon gehe ich aus. Bargeld wird nach wie vor sehr stark nachgefragt. Es ist nicht Aufgabe der Notenbanken zu entscheiden, mit welchem Zahlungsmittel gezahlt werden soll. Das entscheidet der Bürger und Verbraucher.

Fragen: Thomas Domjahn

Zur Person

Claudia Buch wurde 1966 in Paderborn geboren. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftswissenschaften in Bonn, Wisconsin und Kiel. Dort promovierte und habilitierte sie bei Horst Siebert, der in den 80er Jahren an der Universität Konstanz gelehrt hatte. Im Anschluss arbeitete Buch als Professorin an der Universität Tübingen. Ab 2012 war sie für zwei Jahre eine der so genannten Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Zeitgleich amtierte sie ein Jahr lang als Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Beide Ämter gab sie auf, als sie 2014 von der Bundesregierung zur Vizepräsidentin der Bundesbank berufen wurde. Das Interview entstand am Rande eines Vortrags mit dem Titel "Reform des Finanzsektors: wo stehen wir?", den Claudia Buch an der Universität Konstanz hielt. (td)