In Deutschland gibt es vier Großstädte, die Unternehmensgründer wie ein Magnet anziehen. Berlin, München, Hamburg und Köln gelten als blühende Landschaften für Menschen mit einer innovativen Geschäftsidee. Der Trend setzt sich in Baden-Württemberg fort, auch hier siedelt sich die Szene bevorzugt im Ballungsgebiet an.

Mittelstands- und Familienunternehmen als Sprungbrett

In Stuttgart und Mannheim liegt eine kräftige Wirtschaft vor Ort, Karlsruhe besticht als Technologie-Hochburg. Doch nur, weil Start-ups in den Großstädten aus dem Boden sprießen, heißt das nicht, dass der Standort gleichzeitig für Erfolg steht. Das ist die Meinung von Philipp Kessler, der das Start-up Netzwerk Bodensee leitet. Er sieht die Wirtschaft am See – geprägt von Mittelstands- und Familienunternehmen – als Sprungbrett für Gründer, die sich fernab vom brutalen Wettbewerb der Großstädte entwickeln wollen.

Philipp Kessler von Startup Netzwerk Bodensee: „Wir haben starke Mittelständler, die nach digitalen Geschäftsmodellen suchen, um konkurrenzfähig zu bleiben."
Philipp Kessler von Startup Netzwerk Bodensee: „Wir haben starke Mittelständler, die nach digitalen Geschäftsmodellen suchen, um konkurrenzfähig zu bleiben." | Bild: Startup Netzwerk Bodensee

Philipp Kessler muss es wissen, er gründete 2009 sein erstes Start-up in Berlin. Seit 2013 bringt er mit seinem Team frischen Unternehmergeist in die Gründerszene rund um den Bodensee. Er organisiert jeden Monat ein Treffen, damit sich Talente, Gründer und Förderer kennenlernen können. Das Internet-Portal des Netzwerkes ist einen Mix aus Magazin, Jobbörse und Event-Kalender. Das Ziel: Rund um Konstanz, Friedrichshafen, St. Gallen und Ravensburg soll ein Gründer-Ökosystem wachsen.

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Den Nährboden liefern dafür die städtischen Bildungs- und Forschungsmöglichkeiten. In Friedrichshafen hat die Zeppelin Universität bereits über 130 Pioniere, Gründer und erfolgreiche Start-ups vorangebracht. „Durch eine solche Hilfe ist die Qualität der Start-ups in den letzten Jahren massiv gestiegen“, sagt Kessler.

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Und wer sind in der Region die Abnehmer für innovative Geschäftsideen? „Wir haben starke Mittelständler, die nach digitalen Geschäftsmodellen suchen, um konkurrenzfähig zu bleiben“, definiert Kessler die Zielgruppe. Sein Bodensee-Netzwerk suchte bereits für Rolls-Royce Powersystems und Rhomberg Bau einen Kontakt zur Gründer-Szene.

Konstanz ist die gründungsfreundlichste Stadt

Doch wie sieht es eigentlich mit der kommunalen Unterstützung aus? Das fragte sich Kessler nach seinem Umzug von der Hauptstadt an den See ebenfalls. „Am Anfang war ich erschrocken, wie wenig eine Studenten-Hochburg wie Konstanz für potenzielle Gründer tut.“ Fünf Jahre später darf sich Konstanz als gründungsfreundlichste Stadt in Baden-Württemberg bezeichnen – das Wirtschaftsministerium vergab im Februar den Titel für das Konzept zum geplanten Innovations­areal (Kina).

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut forderte in der Preisverleihung genau das, was Philipp Kessler mit seinem Netzwerk erreichen möchte: Eine Gründungsdynamik, die sich auch in der Fläche des Landes entfalten kann. Die Ministerin betonte: „Nicht alle Gründungen finden in Ballungszentren statt.“

Kostenlose Gründer-Sprechstunde in Hilzingen

Ganz eindrucksvoll wird das in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Singen deutlich, das als kleines Mekka für Existenzgründer gilt. Seit vier Jahren beheimatet Hilzingen ein Gründungsberatungszentrum, das vom Ministerium für Wirtschaft in Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Stiftung gefördert wird. Unternehmensberater Winfried Küppers lädt hier kostenlos zur Sprechstunde ins Rathaus ein – mit durchaus beachtlichem Erfolg. Im vergangenen Jahr haben sich in Hilzingen 140 Gründer detailliert beraten lassen, auch weit über die Hegau-Region hinaus.

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg listet die Neugründungen im Jahr 2018 in den Landkreisen Konstanz, Waldshut, Schwarzwald-Baar und dem Bodenseekreis auf. Betriebsgründungen mit Substanz bedeutet, dass aufgrund der voraussichtlichen Beschäftigtenzahl oder der Rechtsform eine größere wirtschaftliche Substanz vermutet wird.
Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg listet die Neugründungen im Jahr 2018 in den Landkreisen Konstanz, Waldshut, Schwarzwald-Baar und dem Bodenseekreis auf. Betriebsgründungen mit Substanz bedeutet, dass aufgrund der voraussichtlichen Beschäftigtenzahl oder der Rechtsform eine größere wirtschaftliche Substanz vermutet wird. | Bild: Bernhardt, Alexander Redaktionsgrafik

Akademiker gründen nicht aus Not

Küppers schätzt die Erfolgschancen der Ideen aus dem ländlichen Raum als hoch ein. Ein Grund liegt in der niedrigen Arbeitslosenquote. „Wir haben viele Akademiker, die nicht aus Not gründen müssen oder wollen“, sagt Küppers. Wer hier eine Idee habe, der brauche von ihm keinen Business-Plan. Er frage direkt an, wie er mit einem ausgefeilten Produkt in das Regal eines Supermarktes komme. Eine gute Idee bekomme dazu von örtlichen Medien und der Kommune eine intensivere Aufmerksamkeit.

Gründer sollen Stärken der regionalen Wirtschaft nutzen

Die 2018 gegründete Firma Xantus dient für ihn als Vorbild: Der von Xantus konzipierte Schnelltest auf K.-o.-Tropfen schaffte es mithilfe des Zentrums in den Online-Shop des Drogeriemarktes dm. „Nur in der Großstadt zu sitzen, hat nichts damit zu tun, ob du erfolgreich bist“, sagt der Berater.

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Er rät Existenzgründern, die in der Nähe zu Groß- oder Mittelstädten keinen direkten Vorteil von der Wirtschaft vor Ort haben, die Stärken der Region zu nutzen. Das wären beispielsweise Lösungen für mittelständische Unternehmen, die in guter finanzieller Lage ihre Augen nach innovativen und für sie hilfreichen Angeboten offen halten.

Regelmäßig rufen Unternehmer bei Küppers an, um das Portfolio des Gründerzentrums abzufragen. Die Nachfrage zeigt, dass der Erfindergeist fernab von den Magnet-Städten wahrgenommen wird. Damit das weiterhin gelingt, meint Küppers: „Genau dafür muss sich die Gründer-Szene auf dem Land vernetzen. Egal ob im Hegau oder rund um den Bodensee.“

Fünf Tipps für Jungunternehmer

Jens Freiter ist einer der Gründer der Holidaycheck AG.
Jens Freiter ist einer der Gründer der Holidaycheck AG. | Bild: Hanser, Oliver

Aus der Idee einiger Konstanzer Studenten entstand das weltweit tätige Unternehmen Holidaycheck. Jens Freiter ist einer der Gründer und Steinbeis-Berater – seine fünf wichtigsten Gründer-Tipps:

  • Seid mutig: Die meisten Start-ups scheitern daran, dass sie gar nicht erst gegründet werden.
  • Seid sparsam: Haltet die Kosten niedrig. Nicht alles muss gleich perfekt sein.
  • Seid schnell und flexibel: Produziert nichts, weil ihr es cool findet, sondern nur etwas, das die Leute wirklich wollen oder brauchen.
  • Seid interessiert: Holt euch Meinungen von Fachleuten und Beratern ein. Sie können oftmals zum Nachdenken anregen und euch weiterbringen.
  • Seid Netzwerker: Ohne Netzwerk gelingt kein Start-up-Vorhaben, denn es lebt von neuen Kontakten, Ideen, Geschäftspartnern und Kunden.