Seit Jahren stockt der Neubau sogenannter Pumpspeicherkraftwerke (PSK) in Deutschland. Mit der Ankündigung des Energieriesen EnBW, ein umstrittenes Projekt im Südschwarzwald abzublasen, verschärft sich die Entwicklung weiter.

Das Milliardenprojekt werde nicht weiter verfolgt, teilte die EnBW am Mittwoch mit. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass weitere kosten- und zeitintensive Planungsarbeiten nötig wären und ein Zeitpunkt für die Umsetzung ungewiss sei. Eine EnBW-Sprecherin sagte unserer Zeitung, die Ergebnissituation bei Pumpspeichern sei seit 2010 rückläufig. Bereits im Jahr 2014 hatte sich der EnBW-Projektpartner RWE aus dem damals größten PSK-Projekt Europas zurückgezogen.

Das Ortsschild von Atdorf, eines Ortsteils von Herrischried im Südschwarzwald.
Das Ortsschild von Atdorf, eines Ortsteils von Herrischried im Südschwarzwald. | Bild: dpa

Baden-Württembergs Regierungsparteien bedauerten die Entscheidung. Er habe sich gewünscht, dass die Planung erfolgreich beenden worden wären, sagte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). „Wir brauchen jeden Speicher, den wir realisieren können“, teilte CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart mit. Benötigt würden Rahmenbedingungen, die das Speichern von Energie wieder attraktiv machten. Dagegen sagte Alexander Guhl, Bürgermeister der an den geplanten Kraftwerksstandort angrenzenden Gemeinde Bad Säckingen, die Beerdigung des Projekts sei „ein guter Tag“. Es sei „kein zukunftsorientiertes Vorhaben“ gewesen. Zweifel an der energiepolitischen Notwendigkeit hätten laut Guhl nie ausgeräumt werden können.
 

Speicher und Energieanlagen

  • Der Bedarf
    In Zeiten der Energiewende kommt Energiespeichern neue Bedeutung zu. Die stark schwankende Erzeugung von Wind- und Solarkraftwerken muss zusehends durch Speicher abgepuffert werden. Ist nämlich zu viel oder zu wenig Energie vorhanden, sinkt die Netzspannung also beispielsweise ab, kommt es zum Blackout – einem großflächigen Stromausfall. Je nach Prognose sind in den kommenden Jahren bis zu 50 000 Megawatt Speicherleistung nötig – was einer Vervielfachung der aktuellen Kapazitäten entspricht.
  • Saisonale Speicher
    Zu ihnen zählen Pumpspeicherkraftwerke, die das Rückgrat im Energiespeichersystem darstellen. Anlagen mit einer Kapazität von sieben Gigawatt sind installiert – „zu wenig“, sagen Fachleute. Allein Baden-Württemberg hätte Potenzial für 200 neue Standorte mit 116 Gigawatt Kapazität. Zu den Großspeichern kann man auch das Tausende Kilometer lange Gasnetz in Deutschland zählen. Über spezielle Verfahren (Power to Gas) kann mit überschüssigem Windstrom aus Wasser Wasserstoff oder Methan erzeugt werden, das ins Erdgasnetz gedrückt wird und später wieder verstromt werden kann.
  • Kurzzeitspeicher
    Dazu zählen etwa alte Batterien von E-Autos, die künftig zu großen Paketen verbunden und als Puffer fürs Energiesystem eingesetzt werden könnten. Ihr Potenzial wird als eher gering eingeschätzt. (wro)


Energiefachleute sehen das anders. „Langfristig braucht Deutschland viele neue Speicherkraftwerke, um eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten“, sagt Ulrich Fahl, Experte am Institut für Energiewirtschaft der Uni Stuttgart. Der Bedarf entstehe, weil zunehmende Mengen an Wind- und Solarstrom nur unregelmäßig zur Verfügung stünden. Um die schwankende Energieeinspeisung abzupuffern, seien große Speicherkraftwerke nötig. Der Energiebranchenverband BDEW hält insbesondere die PSK „für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende als unverzichtbar“. Gebaut werden die Kraftwerke indes fast nirgends mehr. Von aktuell 54 deutschen Kraftwerks-Projekten sind nur sieben Pumpspeicherwerke. Stand jetzt gehen davon nur drei auch sicher ans Netz. Für das EnBW-Projekt in Forbach steht beispielsweise aktuell kein Datum für die Inbetriebnahme fest, obwohl man offiziell an den Bauplänen festhält.

Protestparolen gegen das geplante Pumpspeicherkraftwerk in Atdorf wurden im Jahr 2011 in Herrischried auf eingepackten Strohballen geschrieben. a
Protestparolen gegen das geplante Pumpspeicherkraftwerk in Atdorf wurden im Jahr 2011 in Herrischried auf eingepackten Strohballen geschrieben. a | Bild: Rolf Haid/dpa



Pumpspeicherkraftwerke bestehen aus zwei auf verschiedenen Höhen liegenden Speicherseen. Nachts, wenn die Stromnachfrage gering und die Energiepreise niedrig sind, wird Wasser in den oberen Speichersee gepumpt. Wenn die Stromnachfrage – und damit der Preis – mittags ansteigt, wird das Wasser durch Druckleitungen über einen Generator abgelassen und so Strom erzeugt. Dieser konnte früher gewinnbringend vermarktet werden. Die Energiewende hat die Vorzeichen geändert. Insbesondere Solaranlagen drücken die Strompreise am Nachmittag, also just dann, wenn Pumpspeicherwerke ihren Gewinn einfahren sollen. Ein noch wichtigerer Faktor, der Neuinvestitionen weitgehend zum Erliegen gebracht hat, hängt allerdings mit der Besteuerung zusammen. Strom aus den Stausee-Kraftwerken wird gleich doppelt verteuert. Beim Befüllen der Speicherbecken und beim Ablassen des Wassers fallen Netzentgelte an. „Ein Fehlanreiz, der überall in Deutschland den Bau großer Speicherprojekte verhindert“, wie Thorsten Höck, Geschäftsführer des Südwest-Energieverbands VfEW, sagt. Anstatt die Kraftwerke so „aus dem Markt zu drängen“, müsse die Politik Anreize schaffen, damit wieder in Speicher investiert werde.