Die deutsche Autoindustrie wird durch eigenes Verschulden derzeit arg gebeutelt. Die Abgasmanipulationen können sie vor allem in den USA weiterhin teuer zu stehen kommen (während deutsche Besitzer von Dieselautos wohl leer ausgehen). Da ist es gut, wenn man ein dickes Bankkonto hat. Trotz des anhaltenden Dieselskandals machen die Konzerne weiterhin Rekordgewinne. Und haben zudem starke Großaktionäre im Rücken. Bei BMW sind es die Familien Quandt und Klatten, bei VW ist es das Land Niedersachsen – da könnte der Steuerzahler gut und gerne gleich zweimal zur Kasse gebeten werden.

Nur Daimler hatte einen solchen Großaktionär bisher nicht. Der größte war mit 6,8 Prozent Anteilen bislang der Staatsfonds von Kuwait. Ende Februar nun ist ein gewisser Li Shufu mit seinem chinesischen Autokonzern Geely bei Daimler eingestiegen und mit einem Anteil von 9,69 Prozent, die rund 7,3 Milliarden Euro wert sind, gleich zum wichtigsten Einzelaktionär geworden. Damit liegen nun über 16 Prozent der Daimler–Anteile in Staaten, für die die Bezeichnung "gelenkte Demokratie" ein reiner Euphemismus wäre. Aber das kümmert Wirtschaft und Politik schon lange nicht mehr. Gewinnmaximierung durch freie Kapitalzirkulation heißt die Devise.

Der Ingenieur Li ist eine Aufsteiger: Er hat als Touristenfotograf begonnen, später Bauteile für und auch ganze Kühlschränke produziert. Danach kamen Motorräder. Jetzt also Autos. Li ist immer mit der Entwicklung Chinas gegangen. Die Marke Geely hatte 2016 am chinesischen Markt allerdings erst einen Marktanteil von 3,1 Prozent. Daher wundert es ein wenig, woher Li das viele Geld für seine Zukäufe hatte: 2010 kaufte er Ford für 1,8 Milliarden Dollar den Autobauer Volvo ab, 2013 für vergleichsweise geringe 11 Millionen Pfund die Londoner Taxis, die seit Kurzem von Geely gebaut werden. 2017 übernahm er 51 Prozent der britischen Sportautomarke Lotus und 49,9 Prozent am malaysischen Autohersteller Proton.

Experten raunen vom ganz großen Coup – für Daimler und für die Chinesen. Li Shufu sei ein Stratege, der weit über das mit herkömmlichen Motoren betriebene Auto hinausdenke. Er plane, zusammen mit Mercedes einen Weltkonzern für Mobilität aufzubauen. Hersteller wie BMW oder VW könnten es – auf sich alleine gestellt – da viel schwerer haben. Li wolle den Großkonzernen aus dem Silicon Valley wie Google, Apple oder Amazon, die bereits jetzt schon nicht nur alles Mögliche verkauften, sondern mit Macht auf den Markt der globalen Mobilität drängten, ein technologisches und industrielles Schwergewicht entgegensetzen. Daimler und der chinesische Geely–Konzern als Gegenspieler der US-Autokonzerne, die nicht mehr Ford oder General Motors heißen würden? Ziemlich viel Zukunftsmusik. Eher müsste man sich wohl um Produktions- und damit Arbeitsplatzauslagerung nach China sorgen, nachdem Daimler kürzlich bekanntgegeben hat, dort knapp zwei Milliarden Euro in eine neue Produktionsstätte zu investieren.