Lange gab es Milch nur in Glasflaschen, dann wurde sie in Plastikschläuchen verkauft, später im Tetrapack – und nun stehen in den Kühlregalen plötzlich wieder Glasflaschen. So wirbt beispielsweise der Discounter Netto in Baden-Württemberg damit, Milch wieder in Mehrwegflaschen anzubieten.

Der Trend zu Glas 

Der Kooperationspartner Schwarzwaldmilch aus Freiburg berichtet, dass die Nachfrage nach Glasgebinden im Vergleich zu den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. „Bei Sahne setzen wir bereits 70 Prozent der Produkte in Glasgebinden um, bei Frischmilch fast 30 Prozent“, sagt Caroline von Ehrenstein, Leiterin Kommunikation bei Schwarzwaldmilch.

Und der Trend zu Glas als Verpackung ist nicht nur bei Milch zu beobachten: So hat der Getränkehersteller Coca-Cola gerade die Mehrwegabfüllung im Mannheimer Werk für 30 Millionen Euro ausgebaut. Nach vielen Jahren konsequenten Umstiegs auf leichte PET-Plastikflaschen setzt die deutsche Vertriebsgesellschaft nun also wieder verstärkt auf Glas. Auch bei der Hassia Mineralquelle, dem zweitgrößten Marken-Mineralbrunnenbetrieb in Deutschland, wird in eine neue Mehrwegglas-Abfüllanlage investiert und die Produktpalette im Bereich Mehrwegglas ausgeweitet.

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„Wir erleben derzeit die Renaissance der Glasflasche“, bestätigt auch Dirk Reinsberg, der Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Getränkefachgroßhandels. „Es ist wahrnehmbar, dass mit Einsetzen der Plastikdiskussion hierzulande auch der Absatz von Glasflaschen stetig zunimmt.“

Lange Lieferzeiten und steigende Glaspreise

So komme es derzeit zu langen Lieferzeiten bei Neuglas. Und zu steigenden Glaspreisen. Die Württembergische Weingärtner-Genossenschaft WZG kündigte deshalb bereits an, die Weinpreise erhöhen zu müssen.

Bei Mineralwasser ist der Mehrweg-Anteil bei den Glasflaschen im ersten Halbjahr 2019 um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. „Die Verpackungsarten PET Einweg und PET Mehrweg mussten gleichzeitig deutliche Mengenverluste hinnehmen“, sagt Dirk Reinsberg.

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Getränkehändler Hans-Peter Kastner aus Stuttgart freut sich über solche Zahlen. Er verkauft seit dem Sommer dieses Jahres in seinem Familienbetrieb keine Getränke mehr in Einwegflaschen. Damit hat er 50 Prozent seines gesamten Umsatzes aufs Spiel gesetzt. Aus Umweltschutzgründen, wie er sagt, aber auch, weil die kleinen Getränkehändler finanziell die Verlierer bei den Einwegflaschen sind. „Gekauft werden sie größtenteils in den Discountern und wir müssen sie dann zurücknehmen“, sagt Hans-Peter Kastner.

Vor einigen Monaten hat er mal gezählt: Über 10.400 Einwegflaschen und Dosen kamen in drei Monaten zusammen, die meisten davon wurden im Einzelhandel gekauft. Zwar bekommen die Getränkehändler über das Pfand irgendwann Geld zurück. Pro Flasche oder Dose bleiben aber fünf Cent an ihm hängen, hat Hans-Peter Kastner ausgerechnet.

Fragwürdige Umweltbilanz

Denn das Zählen, Lagern und Entsorgen von Mehrweg bedeutet viel Arbeit. Weshalb die meisten Discounter ihre Getränke bislang auch nur in Einwegflaschen anbieten. So sind sie gesetzlich auch nur dazu verpflichtet, Einweg wieder zurückzunehmen. „Und ein Mehrweg-Wasser für 15 Cent pro 1,5 Liter-Flasche ist kostentechnisch einfach nicht möglich“, sagt Getränkehändler Hans-Peter Kastner.

Damit die Renaissance der Glasflasche der Umwelt aber tatsächlich nutzt, müsste sie möglichst flächendeckend geschehen. Denn Mehrweg hat vor allem dann ökologische Vorteile gegenüber Verpackungen wie dem Tetrapack, wenn die Transportwege möglichst kurz sind – also viele regionale Hersteller mitmachen und viele Händler das Mehrwegglas zurücknehmen. Und genau daran hapert es derzeit noch. So hat das Institut für Energie und Umweltforschung in Heidelberg für Frischmilch kürzlich Folgendes berechnet: In der Mehrwegflasche muss diese im Schnitt 1231 Kilometer transportiert werden – 779 Kilometer mehr als ein Milchkarton.