Herr Rauch, im Südwesten herrscht in vielen Landkreisen fast Vollbeschäftigung. Ist also derzeit alles im Butter auf dem Arbeitsmarkt?

Es ist vieles im Butter, aber nicht alles. Derzeit sehe ich vor allem zwei Herausforderungen. Zum einen haben wir in Baden-Württemberg über 50 000 Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Zum anderen finden viele Betriebe nicht mehr genügend Fachkräfte.

Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit gibt es ja schon lange. Wie wollen Sie dieses Problem angehen?

Wir haben seit 2016 bereits mehr als zehn Prozent der Langzeitarbeitslosen in Beschäftigung gebracht. Aber man wird nicht darum kommen, darüber hinaus für einen Teil der Langzeitarbeitslosen staatliche Beschäftigung zu schaffen.

Befürworten Sie also das Konzept eines solidarischen Grundeinkommens, das der Berliner Bürgermeister Michael Müller ins Spiel gebracht hat? Seiner Idee nach sollen ja Arbeitslose vom Staat geförderte Jobs übernehmen und dafür mehr Arbeitslosengeld erhalten.

Nein, ich habe schon mit dem Begriff „solidarisch“ ein Problem. Arbeit ist für mich kein solidarischer Akt, sondern eine Austauschbeziehung. Seinem Konzept nach sollen kommunale Aufgaben wie Hausmeistertätigkeiten in Schulen und die Betreuung von Kindern und alten Menschen von Langzeitarbeitslosen übernommen werden sollen. Aber für solche Tätigkeiten ist ein Großteil der Langzeitarbeitslosen schlicht und ergreifend nicht geeignet.

In welchem Bereich kann denn der Staat Stellen schaffen?

Der Staat kann keine Stellen schaffen, sondern nur anreizen. Ich denke da zum Beispiel an Lohnzuschüsse im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Reinigungsgewerbe oder im Lager- und Logistikbereich.

Aber muss man nicht jenseits aller sozialromantischen Rhetorik so ehrlich sein sich einzugestehen, dass ein Teil der Langzeitarbeitslosen realistischerweise nicht für eine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt in Frage kommt?

Das ist eine Frage der Definition. Man könnte auch einen Teil der Langzeitarbeitslosen aus der Arbeitslosenstatistik rausnehmen und sie als erwerbsunfähig definieren, so wie es einige skandinavische Länder und die Niederlande tun. Bei uns sind sie in der Statistik drin, und dadurch entsteht für uns die Herausforderung, ihnen soziale Teilhabe durch Arbeit zu ermöglichen.

Wo steht Baden-Württemberg bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit im Vergleich zum Bund?

Bei uns ist die Langzeitarbeitslosigkeit niedriger als im Bund. Zudem ist die Dauer der Arbeitslosigkeit im Durchschnitt kürzer als im Bund. Drittens haben wir mehr Langzeitarbeitslose mit Migrationshintergrund als viele Bundesländer in Norddeutschland.

Wie sie bereits am Anfang gesagt haben, klagen viele Unternehmen über einen Fachkräftemangel. Wie stark nehmen Sie das Problem wahr?

Wir haben keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Man muss nach Regionen, Branchen, Betriebsgröße und Tätigkeiten differenzieren. Den größten Bedarf sehe ich bei kleinen handwerklichen Betrieben auf dem Land.

Wie lässt sich der Fachkräftemangel bekämpfen?

Ein wichtiger Hebel ist die Erhöhung der Arbeitszeit von gut qualifizierten Frauen. Zudem müssen wir gering qualifizierte Beschäftigte zum Facharbeiter hochqualifizieren. Drittens brauchen wir künftig mehr Zuwanderung von Fachkräften.

Inwiefern können Flüchtlinge beim Bekämpfen des Fachkräftemangels helfen?

Da brauchen wir viel Geduld. Aktuell können Flüchtlinge zwar einen kleinen Beitrag zum Rückgang des Fachkräftemangels liefern, aber keine Lösung im großen Sinne. Weniger als 10 Prozent der Geflüchteten bringen eine verwertbare Ausbildung mit. Und die Nachqualifizierung nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Erst danach macht eine berufliche Ausbildung Sinn. Wir haben eine Zeit lang versucht, Sprachkenntnisse und berufliche Kenntnisse parallel zu vermitteln. Aber dieses Experiment ist nicht gelungen, weil man dadurch viele Flüchtende überfordert.

Man hört vor allem aus der politischen Linken oft Klagen über Leiharbeit. Ist das angesichts des brummenden Arbeitsmarktes heute tatsächlich immer noch ein gravierendes Problem?

Faktisch ist es so, dass der Anteil der Zeitarbeit in Baden-Württemberg bei unter drei Prozent liegt. Zeitarbeit ist zudem für viele Arbeitnehmer ein Sprungbrett in eine reguläre Beschäftigung. Insofern halte ich Zeitarbeit für ein wichtiges arbeitsmarktpolitisches Instrument. Sie ist eine Chance für Menschen, die den direkten Einstieg in ein Arbeitsverhältnis nicht schaffen.

Werden in zehn oder zwanzig Jahren Roboter unsere Arbeit übernehmen?

Nein. Schon vor 20 Jahren haben manche Experten von der menschleeren Fabrik gesprochen – heute haben wir ein Beschäftigungswunder. Baden-Württemberg hat es geschafft, aus der Automatisierung in die Weltmarktführerschaft zu gehen und dadurch Stellen aufzubauen. Bei der Plattformökonomie sind uns amerikanische Konzerne wie Google oder Amazon sicherlich überlegen. Aber beim Internet der Dinge, wo Hardware und Software verbunden werden müssen, sind wir – gerade in Baden-Württemberg – gut aufgestellt.

Müssen wir Arbeitnehmer also jetzt alle IT-Experten werden?

Nein. Sicherlich sollten Arbeitnehmer ein Verständnis für die digitale Welt entwickeln. Auch werden viele Berufe aus der Fabrik raus an den Kunden ranrücken. Die Trennung zwischen Produktion, Vertrieb und Service wird immer mehr verschwimmen. Dadurch kommt auf viele Arbeitnehmer zusätzlich eine kommunikative Herausforderung zu. Aber es muss nicht jeder zum Programmierer werden.

Würden Sie einem jungen Menschen heutzutage eher eine Ausbildung oder ein Studium empfehlen?

Eine duale Ausbildung ist für mich gleichwertig mit einem Studium, sowohl von den Anforderungen als auch von den Verdienstchancen. In Stuttgart verdient ein Mechatroniker nach der Ausbildung im Durchschnitt deutlich mehr als ein Absolvent eines geisteswissenschaftlichen Studiengangs. Ein Studium ist nicht für jeden das Richtige. Den Druck auf viele Elternhäuser, dass ihre Kinder unbedingt studieren müssen, kann ich nicht nachvollziehen.

Fragen: Thomas Domjahn

Südwest-Betriebe suchen Azubis und fordern Zuwanderungsgesetz

Auf dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg herrscht weiter Nachwuchsmangel – vor
allem im Handwerk. Zumindest einen Teil der Lücke können Flüchtlinge auffüllen. Das sind die wichtigsten Trends im Südwesten:

 

  • Der Azubi-Mangel verschärft sich: Azubis werden weiterhin dringend gesucht – das ist das Ergebnis einer Umfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). Eine Trendwende am Ausbildungsmarkt sei nicht in Sicht, teilte der BWIHK mit. Von den rund 1700 befragten Betrieben gab mehr als jeder dritte an, Lehrstellen nicht besetzen zu können. Das ist der schlechteste Wert seit Beginn der Ausbildungsumfrage im Jahr 2009. „Viele Unternehmen bekommen überhaupt keine Bewerbungen mehr auf ihre ausgeschriebenen Ausbildungsplätze, und immer mehr bekommen keine geeigneten“, sagt Johannes Schmalzl, Chef der IHK Region Stuttgart. Das gefährde mittelfristig die wirtschaftliche Situation der Unternehmen.
  • Flüchtlinge rücken nach: Ein erfreuliches Ergebnis der Umfrage sei, dass immer mehr Flüchtlinge in den Fokus der Ausbildungsbetriebe rückten. Rund ein Viertel der Befragten gab an, Flüchtlinge im Betrieb zu integrieren (Vorjahr rund 20 Prozent). Rund 16 Prozent bilden bereits Asylbewerber aus (Vorjahr 9 Prozent). Weitere 16 Prozent planen, dies in den kommenden zwei Jahren zu tun. Praktika und andere Qualifizierungsmaßnahmen, um Flüchtlingen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern, bietet knapp ein Fünftel der Betriebe an.
  • Handwerk will Zuwanderungsgesetz: Die Handwerkskammer Ulm fordert angesichts des Fachkräftemangels ein neues Zuwanderungsgesetz. „Ausländische Fachkräfte sichern Wohlstand und Versorgung in Deutschland“, teilte die Kammer mit. Viele Betriebe hätten Probleme, freie Stellen zu besetzen und neue Auszubildende zu finden. In einer solchen Situation sei es unverantwortlich, einfach weiter abzuschieben. Man brauche ein "schnelles und aktuelles Zuwanderungsgesetz, das die Belange des Handwerks berücksichtigt.“ Andernfalls drohe ein schleichender Verlust des Wohlstands. (dpa)