Im Schwarzwald ist China gar nicht fern. Da sind zum einen die Touristen, die es in immer größerer Zahl in die idyllische Region zieht. Da sind aber auch asiatische Geschäftsleute, die der eigentlich recht abgelegenen Ecke Deutschlands gerne einen Besuch abstatten. Sie interessieren sich allerdings weniger für Kuckucksuhr, Bollenhut und Schwarzwälder Kirschtorte. Ihr Interesse gilt vielmehr Patenten, Hochtechnologie oder einem guten Geschäft. Und manchmal kommen sie einfach, wenn sie gerufen werden.

In Schramberg war das vor einigen Monaten der Fall. Bei Schweizer Electronic, einem der drei größten europäischen Hersteller von Leiterplatten mit Sitz in der Uhrenstadt, brachen neue Zeiten an. Nach fast 170 Jahren in Familienhand sagte eine der zwei Alteignerfamilien dem Unternehmen ade – und die entstandene Lücke schlossen Chinesen.

Eine interne Stimme erklärt

„Als sich abzeichnete, dass sich einer der zwei Familienstämme aus dem Unternehmen zurückziehen wird, war klar, dass wir bei unserem chinesischen Partner nachfragen, ob er einsteigen will“, sagt Nicolas Schweizer, Unternehmensvorstand und bei dem Traditionsunternehmen in sechster Generation am Ruder. „Das Vertrauen war einfach da“, sagt er.

Seither gehört das Unternehmen – Jahresumsatz gut 120 Millionen Euro –, zu knapp einem Drittel der chinesisch-taiwanesischen WUS-Gruppe. Gegen den Willen des chinesischen Vertreters im Aufsichtsrat, Chris Wu, geht damit bei dem Schwarzwälder Mittelständler nichts mehr. Ein Nachteil sei das nicht, sagt Nicolas Schweizer. Man kenne sich, verstehe sich blendend und blicke auf „Jahrzehnte alte, verlässliche Beziehungen“ zurück.

Man duzt sich sogar. Erst vor wenigen Tagen war Baubeginn eines neuen Produktionswerks in China, das Elektronik für den schnell wachsenden chinesischen Automobilmarkt liefern soll. Ohne das Know-how von WUS wäre man in China nicht dort, wo man gerade stehe, sagt Schweizer.

Deutsches Know-how, heißt es, ist oft gefragt

Erfolgsgeschichten, wie sie Schweizer und sein asiatischer Partner in Schramberg schreiben, widersprechen dem Bild, das Geschäftsleute aus dem Reich des Drachen in der deutschen Öffentlichkeit oft haben. Investoren aus China, so heißt es nicht selten, hätten es hauptsächlich auf das deutsche Know-how abgesehen. Die Arbeitsplätze und die Fortentwicklung der Geschäfte seien ihnen reichlich egal. In letzter Zeit hat diese Sichtweise sogar Unterstützung aus höchsten Kreisen der Politik erhalten.

Mitte des Monats kündigte die Bundesregierung an, Firmenübernahmen durch ausländische Investoren in sensiblen Wirtschaftsbereichen zu erschweren. Statt ab einem Schwellenwert von 25 Prozent der Aktien wie bisher soll der deutsche Staat Beteiligungen bereits verhindern können, wenn 15 Prozent einer Firma ins Ausland verkauft werden sollen.

Die geplante Neufassung der Außenwirtschaftsverordnung zielt dabei nicht auf britische, indische oder österreichische Investoren, sondern auf chinesische Staatskonzerne, deren Einfluss auf die deutsche Wirtschaft zuletzt tatsächlich gestiegen ist. Allein 2017 investierten Chinesen in Deutschland über zwölf Milliarden Euro.

Heiß begehrte Automobil- und Energietechnik

Besonders im Fokus stehen klassische Industriebranchen wie der Maschinen- und Anlagenbau, Automobilzulieferer, erneuerbare Energien oder die Luft- und Raumfahrttechnik. Aber auch kritische Infrastruktur rückt in den Fokus. Erst vor wenigen Wochen verhinderte der Bund den Einstieg eines chinesischen Staatskonzerns beim ostdeutschen Stromnetzbetreiber 50Hertz.

Aber sind die Vorbehalte überhaupt berechtigt? Als Weckruf gilt allgemein das Jahr 2016. Damals sicherte sich der chinesische Hausgerätehersteller Midea innerhalb weniger Monate knapp 95 Prozent am Augsburger Roboterbauer Kuka – einer High-Tech-Perle. Eine feindliche Übernahme war dies freilich nicht. Vielmehr machten mehrere Kuka-Aktionäre, darunter angesehene deutsche Firmen und Industrielle, Kasse.

„Der Staatseinfluss bei chinesischen Übernahmen ist erheblich“

Hinter den Kulissen versuchte der Bund damals dennoch verzweifelt, einen deutschen Käufer für das Unternehmen zu finden, weil er den Abfluss von sensiblem Know-how, etwa für die Rüstungsindustrie, fürchtete. Seither ist man insbesondere im Bundeswirtschaftsministerium alarmiert, und das Thema China-Übernahmen ist ganz oben auf der politischen Agenda angesiedelt.

Tatsächlich gibt es auch in der Fachwelt mahnende Stimmen. „Der Staatseinfluss bei chinesischen Übernahmen ist erheblich“, sagt etwa Christian Rusche, China-Experte beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Welches Unternehmen Ziel einer Übernahme werde, sei oft direkt von Peking bestimmt. Nach einer aktuellen Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung entfallen von 175 Übernahmen oder Beteiligungen im Zeitraum von 2014 bis 2017 weit mehr als 100 auf Branchen, die China strategisch ausbauen will.

Auch ZF-Tochter ging an China

Den Masterplan hinter diesen Projekten liefert das sogenannte Strategiepapier „Made in China 2025“. Das Schlüsseldokument zur Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft definiert das Ziel, die Technologielücke zu westlichen Firmen zu schließen und selbst Weltmarktführer in Zukunftsbranchen hervorzubringen. So soll China zu einer Industrie-Supermacht aufsteigen. Westliche Firmen, die bislang für die Weiterentwicklung des Landes und seiner Wirtschaft unverzichtbar sind, wären dann nicht mehr nötig.

Auf Brautschau geht China dabei insbesondere in Baden-Württemberg. In keinem anderen Bundesland sind die Investoren aus Fernost aktiver. Mit 23 Prozent zieht der Südwesten fast ein Viertel aller China-Direktinvestitionen im Bundesgebiet auf sich, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Bayern. IW-Fachmann Rusche sieht einen klaren Zusammenhang mit der überproportional hohen Patentdichte, die die stark mittelständisch geprägte Südwest-Wirtschaft aufweist. „Die Firmen sind innovativ und daher natürliche Ziele von Übernahmen“, sagt er.

Droht also der Ausverkauf der Südwest-Wirtschaft? Beim badischen Wirtschaftsverband WVIB mahnt man zur Gelassenheit. Vier Fünftel der chinesischen Beteiligungen im Land seien „rein marktwirtschaftlich getrieben“, sagt Christoph Münzer, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands. Münzer sieht das hohe Interesse ausländischer Investoren an hiesigen Firmen insofern auch als ein „Kompliment“.

Der Südwesten gelte nun einmal als „Edel-Boutique für Hochtechnologie“ und stelle einen Gutteil der deutschen Hidden-Champions, also der Nischen-Weltmarktführer. „Klar, dass sich das Ausland für diese Firmen interessiert“, sagt Münzer.

Ein „daramatischer Strategiewechsel“

Allerdings mahnt auch er zur Vorsicht. Wenn Technologie vom Markt weggekauft werde, um langfristig monopolistische Strukturen zu schaffen und so den Wettbewerb auszuschalten, ist für ihn die rote Linie überschritten. „Dann muss man gegenhalten“, sagt er. Außerdem müssten deutsche Firmen in China die gleichen Möglichkeiten haben, sich an Konkurrenten zu beteiligen, wie es asiatische Firmen hierzulande haben. „Das ist derzeit noch nicht der Fall“, sagt er.

Tatsächlich wird die aktuelle Debatte um China-Investitionen derzeit auch so scharf geführt, weil sich der Charakter der China-Transaktionen verändert hat. Seit dem Jahr 2015 traut sich das Reich der Mitte auch an sehr große Übernahmen heran.

Mit dem bayrischen Autozulieferer Grammer, der ZF-Tochter Body Control Systems, dem Generatoren-Geschäft von Bosch oder dem Einstieg bei der Deutschen Bank und bei Daimler tüteten chinesische Firmen zuletzt ein Vielzahl von hochkarätigen Beteiligungen ein – jede für sich genommen weit jenseits der 500- Millionen-Euro-Grenze. Allein der Wert des Kuka-Geschäfts wird auf knapp 4,7 Milliarden Euro geschätzt. Damit habe China einen „daramatischen Strategiewechsel“ vollzogen, heißt es in einer Studie des Mercator-Instituts.

China holt bei der wirtschaftlichen Vernetzung mit anderen Ländern auf

Aber ist das wirklich so? Tatsächlich sind Geschäftsleute aus Fernost schon seit der Jahrtausendwende in größerer Zahl in Deutschland unterwegs, um nach Übernahmeobjekten Ausschau zu halten. Allerdings tauchten sie lange Zeit unter dem Radar der Öffentlichkeit hindurch. Denn nicht nur die Chinesen, sondern auch die übernommenen deutschen Firmen schwiegen eisern über ihre Geschäfte. So bekam niemand so recht mit, wenn hie und da einmal ein Maschinenbauer oder Zulieferer den Besitzer wechselte.

Nicht zuletzt werten Fachleute das zunehmende Interesse Chinas an ausländischen Firmen als ganz normale Entwicklung, die sich übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa nachweisen lässt. Bei der wirtschaftlichen Vernetzung mit anderen Ländern habe China aufgrund seiner verzögerten Globalisierung einfach noch „erhebliches Aufholpotenzial“, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Auf Deutsch: Die Chancen, dass die Nachrichten von chinesischen Übernahmen im Land abreißen, stehen schlecht. Sie werden wohl eher zunehmen.

Ein Befund, den auch Wirtschaftsexperte Münzer vom Industrieverband WVIB bestätigt. Na klar gebe es heute mehr Firmenverkäufe als früher, sagt er. „Die große chinesische Übernahmewelle sehe ich derzeit aber nicht.“

Kuscheln mit dem Drachen

Dass chinesische Investoren in klassischen Industriebranchen auf Brautschau gehen, ist bekannt. Aber wie sieht es anderswo aus? Ein Überblick:

  • Die Chemiebranche: Sie ist bislang kein nennenswertes Ziel von Übernahmen. Die Daten lassen auf „kein sehr starkes chinesisches Engagement schließen“, heißt es von den Südwest-Chemieverbänden.
  • Universitäten: Derzeit gebe es an der Uni Konstanz „keine laufenden Projekte, die von einem chinesischen Geldgeber finanziert werden“, heißt es von der Hochschule. Und auch an der Konstanzer Fachhochschule HTWG wird „keine Professur von China finanziert“, wie ein Sprecher sagt. Die Uni Freiburg arbeitet eng mit China zusammen. Die Uni kooperiert mit 14 chinesischen Hochschulen – ein einsamer Spitzenwert in Deutschland.
  • Tourismus: Allein im ersten Halbjahr 2018 kamen nach Daten des Statistischen Landesamts mehr als 82 000 chinesische Touristen in den Südwesten – ein Plus von 1,5 Prozent. (wro)

Firmenübernahmen und Beteiligungen von chinesischen Investoren an ausgewählten Unternehmen in Baden-Württemberg

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Bild: Stoll
  • H. Stoll: 2015 kündigte die chinesische Shang Gong Gruppe (SGG) an, beim Reutlinger Familienunternehmen H. Stoll einzusteigen, zunächst mit einem Minderheitenanteil. Die Eigner des Strickmaschinenspezialisten, die Industriellenfamilie Stoll, behalte die Mehrheit an dem 1873 gegründeten Unternehmen, hieß es damals. Details wurden nicht bekannt. Zuletzt wurde bei dem Maschinenbauer wieder eingestellt. 1000 Beschäftigte hat das Unternehmen heute. (wro)
ARCHIV – Der Schriftzug des Betonpumpenherstellers Putzmeister ist am (17.04.2012) in Aichtal zu sehen. Der Chef des Betonpumpenbauers Putzmeister, Scheuch, kämpft als erster Deutscher in einem chinesischen Vorstand mit der großen Sprachbarriere. Der chinesische Baumaschinenhersteller Sany hatte das baden-württembergische Unternehmen Anfang des Jahres gekauft – Chef Scheuch sitzt seither im Sany-Vorstand. Foto: Franziska Kraufmann dpa/lsw (Zu lsw: «Putzmeister-Chef kann in China nur Zucker bestellen» vom 06.08.2012) +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bild: Franziska Kraufmann
  • Putzmeister: Der Betonpumpen-Hersteller Putzmeister aus Aichtal bei Stuttgart begab sich freiwillig in chinesische Hände. 2012 kaufte der Putzmeister-Konkurrent Sany den Spezialmaschinenbauer mit heute rund 700 Millionen Euro Umsatz. Die von deutscher Seite gehegten Erwartungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Insbesondere starke Überkapazitäten im chinesischen Baugeschäft machten der Expansion der Schwaben einen Strich durch die Rechnung. (wro)
ARCHIV – 08.03.2018, Baden-Württemberg, Reutlingen: Das Logo des Maschinenbauers Manz steht auf einem Gebäude des Unternehmens. (zu dpa «Manz will 2018 die Krise abhaken» vom 30.03.2018) Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bild: Sebastian Gollnow
  • Manz: 2016 wurde bekannt, dass der chinesische Staatskonzern Shanghai Electric beim kriselnden Reutlinger Spezialmaschinenbauer Manz einsteigt. 30 Prozent der Anteile zu übernehmen war das Ziel. 20 Prozent halten die Chinesen derzeit. Nach harten Jahren, die ihre Ursache im Zusammenbruch der deutschen Solarbranche hatten, für die Manz Maschinen lieferte, steigen die Umsätze aktuell wieder. Unterm Strich schreibt man derzeit dennoch rot. (wro)
Bild: Rheintal Klinik
  • Rheintal-Klinik: Seit 2015 gehört die Bad Krozinger Rheintal-Klinik einem chinesischen Investor. Knapp sechs Millionen Euro ließ sich Huapont Life Sciences aus China die Übernahme des badischen Gesundheitszentrums dem Vernehmen nach kosten. Auch die KTB Tumorforschungsgesellschaft, ein Tochterunternehmen der Freiburger Klinik für Tumorbiologie, ging 2015 an chinesische Geldgeber. Diese unterstreichen damit ihre Ambitionen im deutschen Gesundheitsbereich. (wro)
Bild: Emag
  • Emag: Durch die Wirtschaftskrise ab 2008/09 in Mitleidenschaft gezogen, holte sich der Salacher Maschinenbauer Emag 2011 Chinesen an Bord. Für kolportiert 100 Millionen Euro sicherte sich der Textilmaschinenkonzern Jiangsu Jinsheng 50 Prozent an dem schwäbischen Werkzeugbauer – eine Erfolgsgeschichte. Heute hat Emag knapp 3000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 590 Millionen Euro. Ein Standort des Automobilzulieferers ist in Villingen-Schwenningen. (wro)
ARCHIV – Das Logo der Sunways Production GmbH aufgenommen am 24.07.2008 vor dem Unternehmen in Arnstadt. Der Solarzellen-Hersteller Sunways will als Reaktion auf Überkapazitäten auf dem Solarmarkt seine Fertigungskapazitäten in Arnstadt kräftig zurückfahren. Foto: Hendrik Schmidt/dpa (zu lth vom 14.12.2012) +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bild: Hendrik Schmidt
  • Sunways: Das 1993 gegründete Konstanzer Unternehmen Sunways war einer der Solarpioniere in Deutschland. 2011 stieg mit LDK Solar ein chinesisches Branchenschwergewicht bei den Konstanzern ein. 2013 rutschte Sunways in die Insolvenz und wurde in der Folge zerlegt. Beteiligt war wieder ein chinesischer Investor, der Shunfeng-Konzern. Außer im Forschungsbereich hat der Südwesten in puncto Solarwirtschaft mittlerweile fast nichts mehr zu bieten. (wro)
Bild: KSL Kuttler
  • KSL-Kuttler: Der Dauchinger Automatisierungsspezialist KSL-Kuttler Automaten Systems hat nicht die besten Erfahrungen mit chinesischen Investoren gemacht. 2008 wurde die Firma an die chinesische Solarfirma Suntech verkauft, die sich durch das deutsche Know-how eine effizientere Fertigung in den eigenen Fabriken versprach. 2015 dann ging das Unternehmen an die ebenfalls chinesische Fountain Group über. Was der Deal kostete, ist unbekannt. (wro)