Viele Beobachter haben sich schon gewundert: Chinas Frachtvolumen ist 2015 um 7 Prozent gefallen. Zudem durchläuft die Bauwirtschaft eine regelrechte Krise. Trotzdem wies die Volksrepublik im vergangenen Jahr ein Wachstum ihrer Industrie um mehr als 7 Prozent auf. Die Auflösung des Rätsels: Es sind die gewaltigen Überkapazitäten, die Chinas Industrie trotz der allgemein schlechten Wirtschaftslage dieses satte Plus beschert haben.

Einer Studie der Europäischen Handelskammer in Peking zufolge konnte China in den vergangenen Jahren vor allem nur deshalb zwischen 7 und 9 Prozent wachsen, weil viele Unternehmen ungeachtet der fallenden Nachfrage immer weiter in neue Maschinen und Hochöfen investiert haben. Das allerdings zu dem Preis, dass auf diese Weise gigantische Überkapazitäten entstanden sind. Die meisten dieser Unternehmen sind in Staatsbesitz.

Zu hohe Produktion

 

Allein die Überkapazitäten der chinesischen Zementindustrie legten nach der Studie zwischen 2008 und 2014 von 450 Millionen auf 850 Millionen Tonnen zu, die der Öl-Raffinerien haben sich mehr als verdreifacht. Auch im Glas-, Chemie-, Papier- und Aluminiumsektor war die Produktion sehr viel höher als tatsächlich nachgefragt wurde. Diese Überkapazitäten führen weltweit teils zu drastisch fallenden Preisen.

Für international besonders viel Streit sorgen derzeit die Überkapazitäten der chinesischen Stahlindustrie: Sie lag im Jahr 2014 bei 327 Millionen Tonnen. Weil die chinesischen Hersteller ihren Stahl nicht auf den heimischen Märkten loswerden, überfluten sie die Weltmärkte – zu Preisen, mit der die ausländische Konkurrenz nicht mehr mithalten kann. Zum Schutz der eigenen Stahlindustrie hat die EU auf bestimmte Stahlsorten aus China bereits Anti-Dumping-Zölle beschlossen.

EU-Handelskammerpräsident Jörg Wuttke sieht die Gründe von Chinas Überkapazitäten als „systembedingt“ an. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise 2008 hatte die chinesische Führung ein gigantisches Konjunkturprogramm aufgelegt und mit dem Bau von Flughäfen, Hochgeschwindigkeitsstrecken und ganzen Hochhausstädten stets weitere Wachstumsanreize geschaffen, die sich überhaupt nicht mehr mit dem tatsächlichen Bedarf deckten. Das habe zu den gewaltigen Überkapazitäten geführt.

Der chinesischen Führung sind die Probleme durchaus bewusst. Sie hat mehrfach zugegeben, dass das bisherige Industriemodell nicht länger tragfähig sei und versprochen, die staatlichen Anreize zu stoppen. Konkret will Peking noch in diesem Jahr mehr als 1000 Kohle-Bergwerke mit einem Fördervolumen von 60 Millionen Tonnen schließen lassen. Die Produktion von Stahl soll um 150 Millionen Tonnen sinken.

Das Problem sind Lokalregierungen

Doch offensichtlich ist die chinesische Regierung nicht imstande, ihren eigenen Reformversprechen nachzukommen. EU-Kammerpräsident Wuttke verweist darauf, dass die Zentralregierung schon vor Jahren zugesagt hatte, gegen die steigenden Überkapazitäten vorgehen zu wollen. 2009 hatte die EU-Handelskammer schon einmal eine Studie mit ähnlichen Ergebnissen angefertigt. Das Problem seien jedoch die Lokalregierungen. Aus Furcht vor Massenentlassungen und sozialen Verwerfungen würden sie sich weigern, die Maßnahmen umzusetzen. Und in der Tat: Chinesische Medien berichten, dass einige Provinzkader den Staatsunternehmen sogar verboten haben, Leute zu entlassen. Damit diese Unternehmen den Betrieb weiter aufrecht erhalten, werden sie stattdessen mit immer weiteren Krediten ausgestattet.Wuttke glaubt, dass sich die Situation wegen des wirtschaftlichen Abschwungs in China noch verschärfen werde. Das jedoch sei verheerend, warnt er: „Je länger China wartet, desto größer wird das Problem.“