Das Unkrautgift Glyphosat ist der Alleskönner unter den Spritzmitteln. Nicht nur Bauern, auch Privatleute wenden es an. Aber das Mittel ist hoch umstritten. Anders als Bauern, wissen Hobbygärtner oft über Gefahren nicht Bescheid. Ein Überblick:

Glyphosat ist eine Gefahr für die Biodiversität
Glyphosat ist eine Gefahr für die Biodiversität | Bild: dpa
Das könnte Sie auch interessieren
Verpackung eines glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittels. Bild: dpa
Verpackung eines glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittels. | Bild: Patrick Pleul
Das könnte Sie auch interessieren
  1. Was ist Glyphosat überhaupt und wie wirkt es? Glyphosat ist das meistverwendete Totalherbizid weltweit. Wenn es auf Blätter gesprüht wird, dringt es in Pflanzen ein und setzt deren Stoffwechsel außer Gefecht. Die Folge: Die gesamte Pflanze stirbt ab.
  2. Können Privatleute Glyphosat einsetzen? Unkrautkiller wie Round-Up sind bei Privatleuten beliebt. "Der Einsatz in Haus und Kleingarten ist möglich", sagt eine Sprecherin des Umweltbundesamts (UBA). Allerdings sehe man das kritisch. In Baumärkten und Gartencentern gibt es Dutzende Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten und die ohne sogenannten Sachkundenachweise erworben werden können. Nur Selbstbedienung geht nicht. Nach der Debatte um Glyphosat haben aber einige Baumärkte entsprechende Produkte aus dem Sortiment genommen.
  3. Gibt es keine Regeln für den Einsatz? Glyphosat ist zwar frei erhältlich, Regeln gibt es aber schon. Wer gegen sie verstößt, riskiert hohe Geldbußen. Alle Pflanzenschutzmittel – also auch glyphosathaltige Produkte – dürfen nur auf landwirtschaftlichen Flächen oder in Gärten angewandt werden. Anders ausgedrückt: Tabu sind die Chemie-Cocktails auf Wegen, Garagenzufahrten, Stellplätzen, Schotterflächen, aber auch in der Nähe von Gewässern. Wer einen der in letzter Zeit beliebt gewordenen Steingärten besitzt, muss sich nach Alternativen umschauen – im Zweifel jäten. Hobbygärtner sollten sich dabei nicht von der Packungsbeilage täuschen lassen. Dort sind oft Anwendungsgebiete vermerkt, die eigentlich illegal sind – etwa wenn dort "Wege oder Plätze" aufgeführt werden. Hier darf man nur mit Ausnahmegenehmigung sprühen.
  4. Sind alle Mittel gleich? Jedes Mittel hat ein meist eng begrenztes Einsatzgebiet. Produkte mit einer Zulassung nur für Zierpflanzen dürfen nicht bei Obst oder Gemüse angewendet werden. Zudem ist festgelegt, wie häufig das Mittel maximal angewendet werden darf.
  5. Was droht mir, wenn ich das Mittel unerlaubt anwende? "Privatanwender, die gegen die Regeln verstoßen, begehen eine Ordnungswidrigkeit", sagt Andreas Tief vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Wer beispielsweise Bayers Produkt "Garten Unkrautfrei Keeper" zu nahe an Wasserflächen oder der Kanalisation anwendet, riskiert bis zu 50 000 Euro Bußgeld. Der Hintergrund: Glyphosat ist für Wasserorganismen giftig. Zudem haben Kläranlagen große Probleme, Pflanzenschutzmittel aus dem Abwasser zu filtern, wie es vom UBA heißt.
  6. Kontrolliert wird doch sowieso nicht, oder? Die zuständigen Behörden, meist die Landratsämter, kontrollieren Privatleute sehr wohl – 2017 und 2018 im Südwesten 650 Mal. 75 Mal kam es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Stuttgart zu Beanstandungen bei denen Bußgelder zwischen 30 und 800 Euro verhängt wurden, oft nachdem Nachbarn die Anwender angezeigt hatten. Seit 2018 verschärft Baden-Württemberg seine Kontrollen. Die Bundesregierung und auch das Land haben sich zum Ziel gemacht, die Ausbringungsmengen von Pestiziden und auch von Glyphosat zu reduzieren. Allerdings gibt es in der Landesregierung Streit. Insbesondere das Grüne Umweltministerium und die SPD-Opposition werfen Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) Untätigkeit bei dem Thema vor. 2017 hatte sich dieser mit Blick auf bäuerliche Anwender vehement für eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung eingesetzt.
  7. Warum wenden Privatleute Glyphosat oft falsch an? Hobbynutzer müssen nicht wie Bauern im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln geschult werden. Das sei ein Hauptgrund der Fehlanwendungen, wie die UBA-Sprecherin sagt.
  8. Gibt es Alternativen zu Glyphosat? Mechanische Bearbeitung lautet das Schlagwort – also jäten, hacken, unterheben. Auch ein Freischneider oder ein Hochdruckreiniger, kann Unkraut zumindest temporär den Garaus machen. Fachmann Tief vom BVL nennt auch das Abflammen als eine Methode zum Spritzmittelersatz, auf die auch immer mehr Kommunen zurückgriffen.
  9. Wie gefährlich ist Glyphosat? Mehrere Fachorganisationen streiten sich seit Jahren, ob Glyphosat eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellt. Eine UN-Expertenorganisation beurteilt den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend". Behörden in der EU und in Deutschland sehen keinen Zusammenhang zwischen dem Spritzmittel und der Krankheit. In Südamerika, wo das Mittel großflächig angewendet wird, wird immer wieder über Geburtsschäden, Immunerkrankungen, Nieren- sowie Hautprobleme und Krebs berichtet. Wissenschaftlich belegt, ist das nicht.
  10. Wie wirksam ist das Mittel? Glyphosat entfaltet seine Wirksamkeit nicht nur bei Unkraut, sondern bei allen Pflanzen, aber auch bei Pilzen und Mikroorganismen. Lediglich einige gentischnisch veränderte Pflanzen, die hierzulande nicht angebaut werden, widerstehen dem Totalherbizid.
  11. Wer spritzt am meisten? Tatsächlich wird der weit überwiegende Teil der rund 4700 Tonnen Glyphosat-Wirkstoff, die jährlich in Deutschland eingesetzt werden, von Landwirten versprüht. Eine EU-weite Zulassung für den Stoff existiert seit 2017. Nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) können sich Kleingärtner aus einer breiten Palette von Produkten bedienen, darunter Mittel von Bayer, Monsanto, aber beispielsweise auch von Raiffeisen. Die Zulassung für den Großteil der Produkte läuft allerdings Ende diesen Jahres aus. Ob sie verlängert wird, ist unsicher.
  12. Wie sieht es im Ausland aus? Tatsächlich haben deutsche Gartenfreunde im europaweiten Vergleich viele Freiheiten. Seit Jahresbeginn hat die Agrarnation Frankreich nicht nur ein Privatanwender-Komplettverbot für glyphosathaltige Produkte, sondern auch für Pestizide im Allgemeinen verhängt. Vor wenigen Tagen hat auch das österreichische Bundesland Kärnten nachgezogen und Glyphosat per Gesetz aus allen Vorgärten verbannt.