Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist wohl das prominenteste Opfer des derzeitigen Chaos am Himmel über Deutschland. Statt den Ausgang der Bundestagswahl Ende September in Berlin zu feiern, musste der Spitzen-Grüne den Abend in einer Stuttgarter Kneipe bei Wurstsalat und Bier zubringen. Trotz eines gültigen Air-Berlin-Tickets schaffte es der Landesvater nicht bis in die Hauptstadt. Sein Flug wurde gestrichen, der folgende war bereits ausgebucht.

Dabei ging es Kretschmann noch vergleichsweise gut. In Folge der Air-Berlin-Pleite mitte August sind 200 000 im Sommer gebuchte Tickets, darunter teure Langstrecken-Billets, wertlos geworden. Auch anderswo in Europa ging es rund. In Großbritannien kündigte die Regierung jüngst die "größte Rückholaktion für Flugreisende in Friedenszeiten" an. Nach der Pleite der britischen Fluglinie Monarch saßen 110 000 Kunden teils tagelang in ihren Ferienorten in ganz Europa fest. Und in Italien steht die notorisch kriselnde und seit Mai zahlungsunfähige Alitalia kurz vor der Zerschlagung. Auch hier sind Tausende Tickets verfallen.

Drei Insolvenzen, Hunderttausende Kunden, die im Regen stehen. Zehntausende, die ihre Urlaubspläne über den Haufen werfen müssen, weil es plötzlich keine Flüge mehr gibt. Was ist los am Himmel über Europa?

Wollte man spöttisch sein, könnte man sagen: zu viel! Angetrieben vom Boom im Luftverkehr und billigem Kerosin bringen die Fluggesellschaften seit Jahren immer mehr Jets in die Luft. Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet befeuern das Geschäft über den Wolken mit Spott-Preisen. Um ihre Marktanteile zu halten, ziehen Platzhirsche wie Lufthansa nach und haben ihrerseits Günstig-Fluglinien gegründet. Heute ist die EU das Mekka der Billigjets. Fast die Hälfte der Flüge wird von den Billigheimern abgewickelt, so viel wie nirgends sonst auf der Welt. Auch die mehrheitliche Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa wird daran im Grundsatz nichts ändern, auch wenn die Preise auf manchen Strecken temporär steigen könnten.

Der Preis-Kampf bis aufs Messer wird weitergehen. Er ist aber gleich mehrfach teuer erkauft. Ein Ticket zu buchen, wird zusehends zum Vabanque-Spiel. Oft weiß der Passagier weder mit wem er fliegen wird, noch ob überhaupt. Um Kosten zu drücken, setzen sich immer mehr Fluggesellschaften auf Sub-Chartering, bei dem die Verbindungen von Billig-Fluglinen aus Ost- oder Südeuropa ausgeführt werden. Was rechtlich durchgeht, wird dann zum Ärgernis, wenn die Bewirtung ausfällt oder Durchsagen auf Deutsch gar nicht erst angeboten werden.

Noch gravierender ist, dass die derzeitige Insolvenzwelle wohl erst der Anfang ist. Vor allem kleinere, wenig finanzstarke, Fluglinien werden künftig am Boden bleiben. Just diese sind es aber, die das Angebot in der Fläche aufrechterhalten. Sie starten schon mal von Regionalflughäfen aus Richtung Süden. Fallen Sie weg, konzentriert sich der Flugverkehr an den zentralen Knotenpunkten – mit allen Nachteilen für weit anreisende Urlauber und gestresste Geschäftsreisende.

Und die Crews? Sie treten zusehends selbstbewusst auf. Mit knüppelharten Streiks haben sie in der Vergangenheit bereits die Muskeln spielen lassen. Ihre enorme Macht bekommt gerade Marktführer Ryanair zu spüren. Die Iren müssen bis März kommenden Jahres 20 000 Flüge streichen, auch weil die Besatzungen zur besser zahlenden Konkurrenz überlaufen.

Dass Air-Berlin jetzt unter die Fittiche von Lufthansa schlüpft, wird die Situation am Himmel nicht nachhaltig beruhigen. Wahrscheinlich ist, dass sich die derzeitigen Unwägbarkeiten im Luftverkehr zum Dauerzustand auswachsen, bis der Markt sich endgültig bereinigt hat. Viel Nerven und eine gute Versicherung sind das mindeste, was die Passagiere in Zukunft im Handgepäck haben sollten.walther.rosenberger@suedkurier.de