Die Steuereinnahmen sprudeln immer schneller; noch einmal 60 Milliarden sind es mehr, die von Bürgern und Unternehmern an den Staat abgeliefert werden müssen. Steigende Beschäftigung und gute Gewinnlage, verbunden mit progressiven Steuertarifen, sind die Treiber dieser für den Finanzminister grandiosen Entwicklung. Noch nie war regieren so einfach: Zu den wie automatisch steigenden Steuern kommt noch die Zinsersparnis durch die Politik des billigen Geldes der Europäischen Zentralbank. Noch nie konnten die vielen Wünsche der jeweiligen Partien so leicht erfüllt werden, wohl noch nie war sorgfältige Haushaltsführung so wenig angesagt.

Und trotzdem: Ein Gespenst geht um in Deutschland – dass die gute Konjunktur vorbei sein könnte. Man spürt, dass diese Art Konjunktur sich von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit abgekoppelt hat und dass der erwirtschaftete Wohlstand kaum mehr bei den Bürgern, die ihn ja erst erwirtschaften müssen, ankommt. Verteilungsdebatten bestimmen die Talkshows. Kann es sein, dass diese Konjunkturgeschenke irgendwann ausgehen?

Das Münchner Ifo-Institut jedenfalls sendet nun einen Alarmruf nach dem anderen: „Das ifo Weltwirtschaftsklima hat sich verschlechtert“, so der Warnruf von dieser Woche. Auch die Hochstimmung in den Chefetagen verfliegt. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex Deutschland im April gesunken. Ein Abschwung hätte tatsächlich schlimme Auswirkungen: Die Sorglosigkeit der deutschen Politik beruht auf den guten Wirtschaftszahlen, steigenden Einkommen und sinkender Arbeitslosigkeit.

Von anderer Seite kommt allerdings Entwarnung: Ein neuer Handelsindikator, entwickelt von einem der größten Logistikunternehmen, Kühne+Nagel, erwartet weitere Erfolge für die deutsche Wirtschaft. Demnach ist der Import im April im Jahresvergleich um 6,8 Prozent gestiegen, der Export sogar um 8,9 Prozent. Im März dagegen waren die Importe demnach um 2,3 Prozent und die Exporte um 4,6 Prozent geschrumpft. Es war nur eine Delle. Und doch haben diese Zahlen offensichtlich Angst und Schrecken in den Chefetagen hinterlassen. Der Angst-Faktor ist in Deutschland vorherrschend, auch weil die deutsche Wirtschaft als Exportnation die drohende Eskalation im Handelsstreit mit den USA besonders fürchtet. Dabei sind die Aprilzahlen keine Schätzungen, sondern bereits Fakt: Der Indikator mit dem Namen „Global Kuehne + Nagel Indicators“ erfasst sämtliche Frachtflüge bei Start und Landung und den Schiffsverkehr, der 80 Prozent der transportierten Menge ausmacht. Allerdings liegt in der guten Botschaft auch eine Bedrohung: Der deutsche Außenhandelsüberschuss wächst. Und bekanntlich ist das der Anlass für Trumps Drohung mit Strafzöllen insbesondere für deutsche Produkte.

Vielleicht bekommen die Pessimisten also doch noch Recht. Panik ist allerdings nicht angesagt, das geben die Zahlen nicht her. Aber eine wirklich vorausschauende und nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik würde auf die neue Steuerschwemme zurückhaltend reagieren: Langfristige Zusagen vermeiden und Mittel für Investitionen vorzuhalten, wenn die Konjunktur schwächer wird.