Damit hat 2006 keiner gerechnet: dass das Prestigeprojekt neuer Hauptstadtflughafen BER international zur Lachnummer wird. Beim ersten Spatenstich am 5. September vor zwölf Jahren waren die Verantwortlichen sicher, dass fünf Jahre später die Flugzeuge abheben. Doch es kam ganz anders: Missmanagement, Planungsfehler und Technikprobleme haben inzwischen sechs eigentlich geplante Eröffnungstermine platzen lassen.

Kosten explodieren

Und dann erst die Kosten: Vor zwölf Jahren war noch von 2 Milliarden Euro die Rede, die der Bau des Hauptstadtflughafens kosten sollte. Das wäre aus heutiger Sicht ein Schnäppchen gewesen. Denn inzwischen ist klar, dass das Projekt mindestens 6,5 Milliarden Euro verschlingen wird – wenn es denn mal fertig wird. Geplant ist nun, dass der Flughafen frühestens im Herbst 2020 starten wird.

Touren über die Baustelle

Doch Berlin wäre nicht Berlin, schlüge man aus der Flughafen-Blamage nicht Kapital. Tausende Menschen buchen jedes Jahr Touren über die Baustelle. Zehn Euro kostet die Bustour „Erlebnis BER“. Rund 14 000 Besucher gab es nach Betreiberangaben im vergangenen Jahr. Als 2012 die Eröffnung spektaktulär platzte, waren es sogar mehr als 60 000 gewesen. „Höhepunkt der Tour ist der Ausstieg im Terminal und die Besichtigung des Check-in-Bereiches“, wirbt die Flughafengesellschaft. Auch für Radfahrer gibt es Touren um das Terminal. Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt.

Doch die ewige Baustelle des Hauptstadtflughafen wird noch ganz anders genutzt. Am BER ist jedenfalls schon heute immer was los. Einige Beispiele:

  • Parkplatz: Klingt paradox – eine Parklücke zu finden, ist am BER nicht leicht. Denn in den Parkhäusern stehen Hunderte VW–Neuwagen, die Volkswagen noch nicht verkaufen kann. Die Zulassung lässt auf sich warten, weil sich das Abgastestverfahren ändert. Der BER als VW-Parkplatz – „Es ist zwar nicht unsere Kernaufgabe“, meint Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Aber ein lohnendes Geschäft lasse man sich nicht entgehen. In diesem Jahr überweist VW eine Million Euro Parkgebühr für 8000 Plätze.
Bild: Wolfgang Kumm,dpa
  • Laufstrecke: Eben und mit viel Platz – für Läufer ist die Start- und Landebahn des BER eine ungewöhnliche Herausforderung. Einmal im Jahr gibt der Flughafenchef im Sonnenuntergang den Startschuss für den Airport Night Run. Dann werden auch die Leuchten an den Pisten eingeschaltet, die Piloten nachts beim Landen helfen sollen. Mehr als 6000 Läufer waren in diesem Jahr Mitte April unterwegs, auf 4 mal 4000 Metern, auf zehn Kilometern und – passend zur Dauerbaustelle – im Halbmarathon.
Bild: Jörg Carstensen,dpa
  • Lkw-Testfeld: Lastwagen, die teilautonom und durch WLAN verbunden dicht hintereinander fahren, Männer mit Elektroden am Kopf – diese Szenerie bot sich vor einigen Wochen auf der BER-Südbahn. Die Bahn-eigene Spedition DB Schenker und der Lkw-Bauer MAN testeten, wie ihre Fahrzeuge möglichst effizient im Konvoi fahren können. Mit Hilfe der Elektroden untersucht die Hochschule Fresenius, was das mit der Aufmerksamkeit des Fahrers macht. Im Bild autonom fahrende Lkw auf der nichtgenutzten Südbahn.
Bild: Bernd Settnik,dpa
  • Filmkulisse: Die 18-Jährige Cindy lebt im Flughafen-Vorort Schönefeld. Im Leben der Außenseiterin geht ebenso wenig voran wie auf der Großbaustelle – bis sie den Flughafen-Ingenieur Leif trifft. 2014 machte der Kinofilm „Schönefeld Boulevard“ den Hauptstadflughafen BER zur Filmkulisse – eine Zeit, in der auf der Baustelle tatsächlich kaum etwas voranging, wie Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) später zugab. Das Bild zeigt die Schauspielerin Julia Jendroßek als Cindy in einer Szene des Kinofilms.
Bild: Claudia Rorarius, dpa