Das libertäre Mantra lautet: Wir brauchen mehr Wettbewerb, weniger staatliche Einschränkungen! Hoch lebe die wettbewerbszentrierte Optimierung und Selbststeuerung der Gesellschaft! Zweifelsohne ist Wettbewerb ein vorzügliches gesellschaftliches Organisationsprinzip. Mehrere Konkurrenten wetteifern um die effizienteste Erreichung eines Zieles, klare Leistungsanreize werden an alle Wettbewerber ausgesendet. Diesem Organisationsprinzip der Moderne verdanken wir zweifelsohne unseren einzigartigen Wohlstand.

Die Befürworter des uneingeschränkten Wettbewerbs übersehen aber drei Dinge: Erstens hat sich das Wettbewerbsprinzip in allen sozialen Bereichen durchgesetzt. Firmen konkurrieren ja nicht nur auf Märkten, wir Menschen konkurrieren ständig bei der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, sogar auf Partnerschaftsmärkten. Wer hat den besten Bildungsabschluss? Wer bekommt einen Lohn, mit dem man noch gut leben kann? Wer hat den attraktivsten (also zu ihm oder ihr am besten passenden) Intimpartner? Wer vor diesem Hintergrund behauptet, das Wettbewerbscredo gerate derzeit durch den ausgehandelten Koalitionsvertrag ins Wanken, überschätzt den Einfluss der Politik und unterschätzt die Wirkmacht kultureller Normen. Der omnipräsente Wettbewerbsgedanke krankt vielmehr – sehr dialektisch gesprochen – vor allem an seinem universellen Erfolg, weniger an seinen Einschränkungen.

Zweitens hat sich das Wettbewerbs-prinzip von einem Organisationsprinzip der Gesellschaft zur effizienten Erreichung von Zielen zu einem unbedingten Endzweck gewandelt. Wettbewerb fokussiert nicht mehr die effizienteste Erreichung eines vorgegebenen Zieles; Wettbewerb setzt sich, so der Sozialphilosoph Hartmut Rosa, unaufhaltsam mit erhöhter Intensität immer weiter (und immer schneller) fort. Deshalb stehen auch die vermeintlichen Gewinner des Wettbewerbs unter beständigem Wettbewerbsdruck, soll doch auch deren Wettbewerbsfähigkeit immer weiter optimiert werden. Anders ausgedrückt: Es gibt keinen internen Ausweg aus der Wettbewerbsspirale. Dies zehrt immer stärker die körperlichen und geistigen Ressourcen der Menschen aus und führt zu stetig zunehmenden Ungleichheiten.

Drittens ignorieren Verfechter des uneingeschränkten Wettbewerbs, dass es das Ziel einer – übrigens auch auf Wettbewerb gegründeten – Demokratie ist, durch gemeinsame Beratung und durch letztlich den Willen der Mehrheit sich selbst Regeln und Ziele zu setzen. Das demokratische Selbstverständnis beinhaltet, dass sich eine Demokratie dieses Recht auf Selbstgesetzgebung herausnimmt. Warum sollten wir sonst den Wettbewerbsgedanken in der Demokratie hochschätzen, wenn die gewonnene Mehrheit keine Regeln formulieren und durchsetzen können sollte? Die demokratische Herausforderung unserer Zeit liegt darin, über wettbewerbseinschränkende Regeln auf demokratischem Wege nachzudenken, damit die selbstzerstörerischen Kräfte sich selbst verschärfender Wettbewerbe nicht weiter die Natur, die soziale Gemeinschaft und die körperliche und geistige Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger bedrohen.

Sven Jochem lehrt Politikwissenschaften an der Universität Konstanz und forscht über Demokratietheorien, wohlfahrtsstaatliche Reformen und soziale Gerechtigkeit.