Elektromobilität, digitale Transformation, Industrie 4.0 – Sorgen um die Zukunft unserer Industrielandschaft scheinen berechtigt. Dass Siemens ganze Werke der Kraftwerkssparte schließt, scheint da gut ins Bild zu passen. Wie dem begegnen? Nicht so erfolgversprechend scheint die Diskussion, die verdienstvolle Diesel-Technik doch nicht gar so sehr an den Pranger zu stellen. Das erinnert fatal an den Versuch, mit dem Kohlepfennig die Montanindustrie zu erhalten. Ähnlich sind wohl die Erfolgsaussichten. Wir erlauben uns eine Diskussion, ob Elektromobilität in naher Zukunft funktionieren kann. Im weltgrößten Mobilitätsmarkt, dem relevantesten Markt unserer Automobilindustrie, kann man das schon lange nicht mehr. Elektromobilität wird in China funktionieren müssen, sonst ersticken die Städte – im wahrsten Sinne des Wortes. Deswegen fragt man sich dort nur noch, wie das funktionieren wird. Und arbeitet fleißig daran. In Peking findet man heute keine Benzin-Roller mehr, die fahren mit Batterie. Und wenn wir auf eine drohende chinesische E-Auto-Quote mit der Intervention der Kanzlerin reagieren – man möge die Quote doch bitte noch ein wenig in die Zukunft verschieben –, dann werden wir diese Entwicklung wohl nicht sehr aktiv mitgestalten. Keine guten Aussichten für die Automobil- und Zulieferunternehmen im Südwesten. Es grüßt die Montanindustrie.

Lieber Wohlstand in der Breite

Wie können wir also verhindern, dass Baden-Württemberg das neue Ruhrgebiet wird? Brauchen wir ein Silicon Valley im Südwesten? Wohl eher nicht. Wenn Amerika heute eines lehrt, dann, dass wir eine andere Transformation hinbekommen müssen. Denn das Meta-Cluster Silicon Valley macht nur einige wenige unfassbar reich – und stellt viele, viele US-Bürger wirtschaftlich ins Abseits. Wir dagegen sollten Beschäftigung und Wohlstand in der Breite und in der Fläche erhalten. Eine soziale Schere wie in Kalifornien sollten wir vermeiden: Fast 90 Prozent der Beschäftigten müssen die dort im Vergleich zu hier mehr als doppelt so hohen Lebenshaltungskosten mit durchschnittlich 50 000 Dollar Jahreslohn bestreiten, nur 10 Prozent erreichen den Hochlohnsektor mit durchschnittlich 100 000 Dollar (Beispiel San Diego). Dabei sinkt der Lohn im Niedrig- und steigt der im Hochlohnbereich und zwar so sehr, dass insgesamt das Lohnniveau steigt. Einer immer kleiner werdenden Zahl geht es also gut und immer besser – die große Masse kann immer weniger den Lebensunterhalt bestreiten. Und das schürt, zu Recht, Unzufriedenheit – wer wurde da noch als Präsident gewählt?

Nein, wir müssen das anders hinbekommen, gerade den Mittelstand zu den notwendigen Veränderungen motivieren und unterstützen. Und uns Gedanken zur Beschäftigung von morgen machen. Wir sollten Gründer und Start-ups nutzen als Infusion neuer Ideen und Arbeitsweisen für den Mittelstand: Kooperation statt Verdrängung, Transformation statt Boom und Krise. Dafür wäre noch mehr Unterstützung für Technologiegründer hilfreich, damit ein immer breiteres Meer an Optionen entstehen kann. Und Industrie-Unternehmen müssen sich das notwendige, neue Handwerkzeug für diese ungewohnte Form der Zusammenarbeit zulegen, das eigene Repertoire erweitern. Es braucht also eher nicht Silicon Valley, sondern ein bisschen mehr Veränderungsintelligenz.

Guido Baltes ist Professor am IST Institut für strategische Innovation & Technologie-management an der HTWG Konstanz