Der Weg für die Übernahme von Hügli durch die Schweizer Bell Food Group ist frei: Nachdem die Europäische Kommission die Übernahme ohne Auflagen genehmigt hat, will Bell den Kauf schon nächste Woche Mittwoch vollziehen. Der Fleischhersteller aus Basel übernimmt 50,2 Prozent der Hügli-Aktien und will bis Mai alle weiteren im Umlauf befindlichen Hügli-Papiere zu einem Preis von 915 Franken (790 Euro) pro Anteilsschein aufkaufen. Der Fleischkonzern Bell, 1869 als Metzgerei gegründet, will sich so nach der Übernahme von Eisberg (Salate, Gemüse und Früchte) und Hilcona (Nudeln, Pizza und belegte Brote) breiter aufstellen. Hügli-Produkte wie Suppen, Soßen, Gewürze und Desserts sollen das Bell-Produktportfolio erweitern.

Für den Alltag der 1500 Hügli-Mitarbeiter werde sich durch die Übernahme nichts verändern. Hügli sei bereits schlank aufgestellt und verfüge über ein "gutes Sortiment und ein "tolles Management", hieß es bei der Bell Group. Der Hügli-Standort in Radolfzell wird mit seinen 600 Mitarbeitern künftig das größte Deutschland-Werk der Bell Food Group sein. Darüber hinaus hat Bell bereits heute neun Deutschland-Standorte, unter anderem auch in Schiltach (Landkreis Rottweil), wo Bell Schwarzwälder Schinken produziert.

Wirtschaftlich bekommt Hügli einen potenten Eigentümer. Wie die Bell Food Group gestern mitteilte, stieg der Umsatz im Jahr 2017 erstmals über die Marke von 3,5 Milliarden Schweizer Franken (3,1 Milliarden Euro). Das entspricht einem Anstieg von fast 6 Prozent. Ähnlich stark stieg der Gewinn, der sich auf über 106 Millionen Schweizer Franken summierte. Ein Drittel ihres Umsatzes machte die Bell-Gruppe, die neben Wurst und Fleisch auch Fisch und Meeresfrüchte verkauft, außerhalb des Heimatmarkts in der Schweiz. Nach der Hügli-Übernahme werde der Anteil des Auslandsumsatzes auf 40 Prozent steigen. Durch den Hügli-Kauf bekommt Bell eine Marktzugang in Italien und England, wo Bell bisher nicht vertreten war. Auch dieser Ausbau der Präsenz in ganz Europa sei ein Grund für den Hügli-Kauf gewesen, erklärte Bell-Chef Lorenz Wyss.

Ein wichtiger Umsatztreiber neben dem Geflügel-Geschäft sei der Verkauf von so genannten Convenience-Produkten gewesen. Mit diesem Begriff bezeichnet man Lebensmittel, die sich schnell und bequem zubereiten lassen oder sogar ohne Zubereitung sofort konsumiert werden können. Der Convinience-Bereich sei "umsatz- und ertragsmäßig attraktiv", glaubt Bell. "Gerade im hochwertigen Convenience-Bereich sehe ich viel Potenzial", sagte Wyss. Hügli wird künftig mit Hilcona und Eisberg den neu geschaffenen Geschäftsbereich Convenience bilden.

Für die kommenden Jahre erhofft sich die Bell-Gruppe, die über 10 500 Mitarbeiter beschäftigt, durch die Integration von Hügli spürbare Synergieeffekte. "Beide Unternehmen passen gut zusammen und werden vom Zusammenschluss profitieren", glaubt Wyss. Die Produktsortimente seien komplementär. Synergien sieht er unter anderem beim Marktzugang, im Einkauf und in der Verwaltung. Stellen sollen bei Hügli nicht gestrichen werden.

 

"Liebe auf den zweiten Blick"

Lorenz Wyss, Chef der Bell Food Group, spricht über die Hintergründe der Übernahme von Hügli und erklärt, warum veganes Essen ein Nischenphänomen bleiben wird.

Bild: Bell Food Group und Domjahn

Herr Wyss, wie ist eigentlich die Idee entstanden, Hügli zu übernehmen?

Sowohl Bell als auch Hügli sind schon seit vielen Jahrzehnten in der Schweizer Nahrungsmittelbranche tätig. Aber die Synergieeffekte durch einen Zusammenschluss sind uns erst zuletzt bewusst geworden. Es war sozusagen Liebe auf den zweiten Blick. Aber ich hoffe, eine Liebe, die lange hält.

Hügli hat zuletzt verstärkt auf vegetarische und vegane Produkte gesetzt. Wie passt das zu einem Fleischkonzern?

Wir wollen immer beim Konsumenten in der Mitte des Tellers sein. Von daher haben wir mit der Übernahme von Eisberg, Hilcona und jetzt Hügli darauf reagiert, dass die Verbraucher weniger Fleisch konsumieren wollen. Vegane Ernährung halte ich – im Gegensatz zur vegetarischen oder fleischarmen Ernährung – für eine Religion. Das ist ein Phänomen für sich, das man vom Umsatzvolumen und den Wachstumschancen nicht überschätzen sollte.

Ist mit der Hügli-Übernahme ihr Hunger auf weitere Zukäufe gestillt?

Ja. Wir müssen uns zunächst stabilisieren und die Synergien nutzen, die sich durch die Übernahmen von Eisberg, Hilcona und jetzt Hügli bieten.

Fragen: Thomas Domjahn