Nach chaotischen Wochen stehen Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF nun spannende Tage bevor. Bei der nächsten Aufsichtsratssitzung, die nach Informationen dieser Zeitung heute stattfinden soll, wird der Nachfolger von Ex-Vorstandsvorsitzenden Stefan Sommer gewählt. Als Favorit gilt Wolf-Henning Scheider, ein ehemaliger Bosch-Top-Manager und der heutige Chef des Stuttgarter Kolbenspezialisten Mahle. Er soll künftig den 36-Milliarden-Euro-Konzern führen. Bestätigt wird das allerdings weder von ZF noch von Mahle. „Wir äußern uns nicht zu Gerüchten“, heißt es bisher.

Bei den ZF-Mitarbeitern wird die Personalie dagegen bereits heftig diskutiert. Während es ein Entwicklungsingenieur bedauert, dass Scheider ein Betriebswirt sei und kein Ingenieur, sind andere Mitarbeiter zufrieden. "Das scheint kein schlechter Mann zu sein, ich bin gespannt", kommentiert ein ZF-ler einen Facebook-Artikel. Sollte Scheider erwartungsgemäß gewählt werden, so steht ihm kein einfacher Job bevor. "Der neue Chef muss neben einer hohen Automobil-Expertise und einer strategischen Zukunftsvision vor allem ein hohes kommunikatives Geschick in Richtung der Zeppelin-Stiftung mitbringen", urteilte Anfang Dezember Willi Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.

Hauptanteilseigner der ZF AG ist die Friedrichshafener Zeppelin-Stiftung, deren Chef wiederum Oberbürgermeister Andreas Brand ist. Von seinem Amtszimmer aus bestimmt OB Brand die Geschicke der ZF mit, und seinen Einfluss als Eigner und als Aufsichtsrat bei ZF hat er mit Nachdruck geltend gemacht. Wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Unternehmensstrategie hatte Ex-ZF-Chef Stefan Sommer Anfang Dezember den Hut nehmen müssen. "Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen einem Mitarbeiter und seinen Arbeitgebern", fasste der OB das Verhältnis zu Sommer beim Jahresempfang der Zeppelinstadt kühl zusammen. Der neue ZF-Chef muss sich also darauf einrichten, nicht nach eigenem Dafürhalten agieren zu können. "Hat Herr Brand einen gefunden, der ihm gehorcht", heißt es in diesem Zusammenhang auch in einem anderen Facebook-Kommentar eines ZF-lers.

Auch intern hängt bei ZF der Haussegen schief. Derzeit läuft beim Arbeitsgericht Ulm eine Klage der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) gegen das Unternehmen, weil sie mit der neuen Struktur der Betriebsratsgremien nicht einverstanden ist und sich in ihrer Betriebsratsarbeit bei ZF behindert fühlt. Der nächste Verhandlungstermin ist für den 5. Juli angesetzt – doch Betriebsratswahlen finden schon im März statt. Sollte das Gericht entscheiden, dass die derzeitigen Betriebsratsgremien dem Gesetz widersprechen, könnten die neuen Gremien rechtswidrig sein und neue Wahlen nötig machen.

Neben all dem steht die Aufgabe für den neuen Chef fest: Er muss das Unternehmen fit für die Zukunft machen. Die Herausforderungen heißen Digitalisierung, Elektrifizierung und autonomes Fahren.