Dass ausgerechnet eine Stadt wie Bielefeld zu den Vorreitern einer Umweltbewegung wird, überrascht. Denn seit Jahren kursiert das Gerücht, dass die Stadt eigentlich gar nicht existiert. Man spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten Bielefeldverschwörung, der das Online-Lexikon Wikipedia sogar einen langen Artikel widmet.

Dieser satirischen Theorie setzt eine Bäckerei aus Bielefeld nun eine reale Ökologie-Vision entgegen. Sie bietet seit kurzem Makkaroni statt Plastik-Strohhalmen an. "Hört sich verrückt an, aber funktioniert! Und die Umwelt wird es uns danken", postete die Bäckerei auf Facebook.

Plastikstrohhalme sind in Verruf geraten

264 Likes auf Facebook für diesen Beitrag bezeugen, dass die Bäckerei mit ihrer Aktion den Zeitgeist getroffen hat. Denn Plastikstrohhalme sind in Verruf geraten. Spätestens seit im Internet Videos kursieren, auf denen sich ein Plastikstrohhalm in die Nase einer Meeresschildkröte bohrte, stehen Plastikstrohhalme auf der Abschussliste.

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Die Supermarktketten haben bereits reagiert. So wollen Rewe, Lidl, Kaufland und Penny künftig Plastikstrohhalme aus dem Sortiment nehmen und durch Trinkhalme aus anderen Materialien ersetzen. Auch Edeka Baur, das Filialen in Konstanz, Friedrichshafen, Hilzingen und Gottmadingen betreibt, setzt auf eine Reduktion von Plastikmüll. "Seit dieser Woche bieten wir als Alternative zum Kunststoffstrohhalm Halme aus Bambus an" teilt eine Sprecherin mit. "Zug um Zug werden wir zu den klassischen Einweg-Plastikartikeln Alternativen ins Sortiment nehmen", so die Sprecherin weiter.

Die Rolle der beliebten Capri Sonne im Blickpunkt

Getränke wie Capri Sonne, die seit einem Jahr „Capri-Sun“ heißt, oder Sunkist-Trinkpäckchen, das Kultgetränk der 60er-Jahre, werden aber in Supermärkten weiter verkauft – und das obwohl die Verpackung aus Plastik mit einem in Plastik eingeschweißten Plastikstrohhalm maximal unfreundlich ist.

Capri-Sun will sich dem Anti-Plastik-Trend allerdings nicht entgegen stellen. "Selbstverständlich liegt auch Capri-Sun eine gesunde Umwelt am Herzen. Unternehmens-Experten arbeiten deshalb mit Hochdruck an neuen Möglichkeiten die Verpackungen nachhaltiger zu gestalten", heißt es aus der Unternehmenszentrale. Capri-Sun habe es sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 einen biologisch abbaubaren Trinkhalm oder einen Trinkhalm aus Papier einzuführen, erklärt eine Sprecherin.

Die Großkonzerne haben ebenfalls das von Problempotenzial von Plastik erkannt. So will die Café-Kette Starbucks Einweg-Trinkhalme aus Plastik in ihren 28 000 Filialen bis zum Jahr 2020 abschaffen. Durch den Schritt dürften pro Jahr mehr als eine Milliarde Plastik-Trinkhalme wegfallen, teilt Starbucks mit. Als Ersatz kämen alternative Materialien und ein spezieller Deckel zum Einsatz, aus dem direkt getrunken werden solle. McDonald’s hat in Großbritannien Plastikstrohhalme schon aus seinen Restaurants verbannt und durch Papierhalme ersetzt.

Die Plastik-Version gibt es nur noch auf Nachfrage seitens der Kunden. Deutschland und andere Länder könnten bald folgen. Auch kleinere Betriebe denken um. "Wir begrüßen den Verzicht auf Plastik-Strohhalme", sagt Michael Steiger, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Schwarzwald-Baar. Sobald es gleichwertige Alternativen aus anderen Materialen gebe, biete sich ein Umstieg an, so der Gastwirt aus Villingen-Schwenningen.

Getrieben werden diese freiwilligen Verzichte durch Verbotspläne der Europäischen Union. Die EU will massiv gegen Plastikmüll in den Meeren vorgehen und hat ein Verbot von Trinkhalmen und Einweggeschirr angekündigt. Die entsprechende Richtlinie muss allerdings vom EU-Parlament und vom Europäischen Rat angenommen werden. Die Kommission möchte noch vor der Europawahl im Mai 2019 greifbare Ergebnisse präsentieren.

Warum Plastik so problematisch ist

  • Nicht jedes Plastik ist recycelbar: Es gibt viele unterschiedliche Plastiksorten, nicht aus allen wird wieder ein Nutzgegenstand. Benjamin Bongardt vom Naturschutzverband Nabu nennt das Beispiel PET: Flaschen aus Polyethylenterephthalat können wieder Flaschen werden, PET-Schalen als Verpackung für Obst werden dagegen nicht recycelt. Auch Folien seien schwierig, vor allem kleinere: Dafür gebe es bisher wenige Anlagen, erklärt Bongardt. Verbrennen sei oft billiger als wiederverwerten, sagt Stephan Eing, Unternehmenschef einer Recycling-Anlage. Er recycelt daher nur so viel, wie vorgeschrieben: 36 Prozent.
  • Manchmal geht Design vor Umwelt: Eine Waschmittelflasche wird schwarz gefärbt, eine Shampoo-Flasche ist komplett von einer dünnen bedruckten Folie umschlossen. Das mag gut aussehen – erschwert oder verhindert aber oft das Recycling, weil die Maschinen das Material nicht erkennen und sortieren können. Ab 2019 müssen deswegen die Dualen Systeme von den Herstellern für schlecht recycelbare Verpackungen mehr Lizenzgebühren verlangen als für andere. Manche Hersteller wollen auch keine Recyclate, also wiederverwertetes Plastik, einsetzen, weil es zum Beispiel grau ist statt strahlend weiß.
  • Nicht das ganze Plastik landet im Recycling-System: Viele wissen gar nicht, dass sie in die gelbe Tonne oder den gelben Sack nur Verpackungen werfen dürfen. Also zum Beispiel keine Strohhalme, aber die Folie um die Halme schon. Immerhin ist der Anteil hoch: „40 Prozent aller Kunststoffe gehen in die Verpackung“, sagt Bongardt, „und Verpackungen werden sofort zu Müll.“ Darum steht Verpackungsmüll oft so im Fokus der Debatte.