Viele Branchen befinden sich derzeit im Umbruch. Und oft ist der technologische Fortschritt der Treiber dieses Wandels. So lotet beispielsweise gerade die Autoindustrie die Möglichkeiten des autonomen Fahrens und des Elektroantriebs aus. Auch die Lebensmittelindustrie befindet sich nach Jahren kontinuierlichen Wachstums in einer Zäsur. Doch Ursache ist in dieser Branche nicht die Digitalisierung oder die Einführung von künstlicher Intelligenz. Der Grund für den Wandel ist viel simpler: Der Geschmack der Kunden ändert sich.

Konnte man in den 90er-Jahren, als Konzerne wie McDonald's und Coca Cola boomten, noch wunderbar Geld mit fettigen, süßen und salzigen Produkten verdienen, so gelten heute Burger, Chips und zuckrige Getränke als Auslaufmodell. Immer mehr Menschen wollen sich gesund ernähren und greifen lieber zu kalorienarmen, vegetarischen oder veganen Lebensmitteln.

Hersteller reagieren auf diese Entwicklung 

Die Hersteller reagieren auf diesen Trend und versuchen, den Anteil von Zucker, Fetten und Kalorien zu reduzieren. Klassische Beispiele dafür sind die Coca-Cola-Varianten light, zero sugar (ohne Zucker) oder Life (mit Stevia als Süßstoff). Bis 2020 will Coca Cola den Zuckergehalt seiner Produkte im Durchschnitt um 10 Prozent reduzieren. Doch für Kritiker dient dieser Schritt nur als Feigenblatt.

"Oft ist der Zuckergehalt zum Beispiel bei klassischer Cola oder Nesquick-Frühstücksflocken so hoch, dass die Reduktion kaum ins Gewicht fällt. Das ist mehr Marketing als eine echte Verbesserung des Gesundheitsgrades des Produktes", sagt Dario Sarmadi von Foodwatch, einem Verein, der sich für die Rechte der Lebensmittelkonsumenten einsetzt. So enthält eine 0,5-Liter-Flasche Cola über 50 Gramm Zucker – das entspricht 17,5 Stücken Würfelzucker.

Hinzu kommt: Nicht immer lässt sich der Zucker- und Fettgehalt von süßen Getränken oder Tiefkühlpizzen senken, ohne dass der Geschmack darunter leidet. Deshalb kaufen die großen Lebensmittelkonzerne immer öfter Nischenhersteller von gesunden Produkten auf, anstatt diese selber zu entwickeln. So erwarb zum Beispiel der Coca-Cola-Konkurrent Pepsi zuletzt das Unternehmen Kevita, ein Hersteller von probiotischen Getränken mit Geschmacksrichtungen wie Ananas-Kokosnuss oder Zitrone-Ingwer.

Investition in neue Märkte und Zielgruppen 

Solche Zukäufe sind oft teuer, doch den Konzernen sind diese neuen Märkte und Zielgruppen ihr Geld wert. Denn die Wachstumsraten vieler Hersteller flachen ab. So verfehlte Nestlé zuletzt mehrfach sein angepeiltes Wachstumsziel von fünf bis sechs Prozent pro Jahr. „Der Markt für Lebensmittel hat in den Industrieländern ein begrenztes Wachstumspotenzial, da Menschen nur begrenzt essen können“, erklärt Dario Sarmadi. Branchenexperten sprechen von einer Konsolidierung des Lebensmittelmarktes.

Derweil steigt der Druck der Aktionäre auf das Management. Bestes Beispiel dafür ist der aktivistische Investor Daniel Loeb mit seinem Hedgefonds Third Point. Seitdem der Kalifornier bei den Schweizer einstieg, fordert er vehement eine Verbesserung der Gewinnmarge und den Verkauf von Firmenteilen, die nicht zum Kerngeschäft zählen. Auch beim französischen Molkereikonzern Danone hat sich ein Hedgefonds namens Corvex mit der Hoffnung auf steigende Renditen eingekauft.

Mehr Zusammenschlüsse in den kommenden Jahren 

Vermutlich wird es in den kommenden Jahren in der Brache vermehrt zu Zusammenschlüssen kommen. So ist beispielsweise der Schweizer Hersteller Hügli, der zuletzt selber zahlreiche Firmen übernommen hatte, zum Übernahmeziel geworden. Künftig wird Hügli zur Bell Food Group gehören. "Um die immer anspruchsvoller werdenden Konsumentenwünsche zu befriedigen, braucht man eine gewisse Größe", sagt Bell-Sprecher Davide Elia. Und auch der amerikanische Lebensmittelkonzern Kraft Heinz ist nach der gescheiterten Übernahme von Unilever auf der Suche nach anderen lukrativen Verstärkungen. So illustre Namen wie Danone oder Milka-Hersteller Mondelez geistern durch die Presse.

Eines hat die Lebensmittelbranche mit dem Autosektor, der den Verbrennungsmotor noch nicht abschreibt, gemeinsam: Sie glaubt trotz allen Wandels nicht an das totale Aus ihrer Kernprodukte. "Wir werden auch in fünfzig Jahren noch Pizza und Schokolade essen", sagt Nestlé-Chef Mark Schneider.

 

Wie die Lebensmittelkonzerne auf die Veränderungen reagieren

Nestlé: Konzentration auf hohe Margen

ARCHIV – Dosen mit Ravioli sind am 21.12.2011 in der Produktion des Unternehmens Nestle in Singen zu sehen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät für den Katastrophenfall zu Notfallvorräten. Was im Privathaushalt noch machbar erscheint, stellt sich für große Einrichtungen, wie Altenheime, mangels Lagerräume als Problem dar. Foto: Patrick Seeger/dpa (zu dpa "Im Notfall gibt's im Heim und Gefängnis Kaffee und Kartoffeln" am 27.08.2016) +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Ravioli-Dosen aus dem Maggi-Werk in Singen, das zum Nestlé-Konzern gehört. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Nestlé, der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt, hat sich in seiner über 150-jährigen Unternehmensgeschichte immer wieder durch Zukäufe und Abspaltungen gewandelt. Doch der gegenwärtige Konzernumbau ist für das Schweizer Unternehmen besonders tiefgreifend. Künftig will sich Nestlé vor allem auf Produkte mit hohen Gewinnmargen wie Kaffee, Wasser, Tiernahrung und Säuglingsnahrung konzentrieren. Süßigkeiten und ungesunde Fertigprodukte spielen dagegen eine geringere Rolle. So hat sich das Unternehmen, das in seinem Maggi-Werk in Singen knapp 800 Mitarbeiter beschäftigt, erst kürzlich von seinem US-Süßwarengeschäft getrennt. Käufer war der Nutella-Hersteller Ferrero. Im Gegenzug erwarb Nestlé für 2,3 Milliarden Dollar die kanadische Firma Atrium, die vitamin- und proteinreiche Nahrungsergänzungsmittel verkauft. 

 

Unilever: Profitabler dank Bio-Produkten?

In Heppenheim (Hessen) stellt Unilever die Langnese-Eissorte Magnum her.
In Heppenheim (Hessen) stellt Unilever die Langnese-Eissorte Magnum her. | Bild: Frank Rumpenhorst

Der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever, zu dem Marken wie Knorr, Lipton-Tee oder Lagnese gehören, wäre im letzten Jahr fast vom Konkurrenten Kraft Heinz übernommen worden. Doch Unilever konnte den feindlichen Übernahmeversuch abwehren. Seinen Aktionären versprach das Unternehmen, das im Schweizer Thayngen in der Nähe von Gottmadingen Lebensmittel für den Schweizer Markt produziert, einen Konzernumbau, um die Profitabilität zu steigern. Unter anderem trennte sich Unilever von seinem Geschäft mit den Brotaufstrichen wie Rama, Becel und Flora. Hintergrund ist der Trend, dass immer mehr Verbraucher eher zu Butter als zu Magarine greifen. Im Gegenzug erwarb Unilever im letzten Jahr gleich 11 Unternehmen, darunter die brasilianische Firma Mae Terra, das Bio-Produkte wie Reis, Nudeln oder Kekse herstellt. 

 

Danone: Nachhaltigkeit als neue Effizienz?

Zu Danone gehört die Wassermarke Evian.
Zu Danone gehört die Wassermarke Evian. | Bild: Hervé Schmelzle

Der französische Lebensmittelhersteller Danone, zu dem Marken wie Activia, Actimel und Evian-Wasser gehören, steht wie Nestlé und Unilever unter zunehmendem Druck von Investoren, die Rendite zu steigern. Und auch Danone setzt auf den Gesundheitstrend. Der weltweit größte Milchprodukte-Hersteller legte vor einem Jahr über 10 Milliarden Dollar auf den Tisch, um sich die White Wave Foods Company, ein US-amerikanischer Spezialist für vegetarische Lebensmittel und Getränke wie Sojamilch, einzuverleiben. "Wenn ich in Nachhaltigkeit investiere, ist das keine Wohltätigkeit, sondern eine Businessentscheidung. Nachhaltigkeit ist die Effizienz von morgen", sagte Danone-Chef Emmanuel Faber im Interview mit dem Handelsblatt. Gleichzeitig will Danone Verwaltungskosten reduzieren. "Das meiste Geld muss ins Produkt gehen", sagte Faber. 

Hügli: Wenn Fleisch auf Soße trifft

Produktionsstandort der Hügli AG in Radolfzell. In der Stadt am Bodensee beschäftigt Hügli 800 Mitarbeiter.
Produktionsstandort der Hügli AG in Radolfzell. In der Stadt am Bodensee beschäftigt Hügli 800 Mitarbeiter. | Bild: Gerald Jarausch

Auch der Schweizer Lebensmittelhersteller Hügli, der in Radolfzell 600 Menschen beschäftigt, setzt mehr und mehr auf gesunde Produkte. So hat das Unternehmen zuletzt immer mehr biologische, vegetarische und vegane Produkte entwickelt. "Es gibt derzeit viele Essenstrends, die sich überlagern. Zum Beispiel wird unsere Ernährung internationaler. Der dominante Trend ist aus meiner Sicht aber gesunde Ernährung", sagt Frank von Glan, der bei Hügli für die Konsumentenmarken verantwortlich ist. Trotzdem verzeichnete Hügli zuletzt stagnierende Umsätze, da der Markt für Trockenmischprodukte wie Suppen oder Soßen rückläufig ist. Unterstützung bekommt Hügli ausgerechnet von einem Fleischkonzern, der Schweizer Bell Food Group aus Basel. Diese übernimmt Hügli im Mai und will durch Hügli sein fleischlastiges Produktsortiment verbreitern.

Bell Food Group: Wurst allein reicht nicht

Die Schweizer Bell Food Group verdient ihr Geld bisher vor allem mit Fleischprodukten.
Die Schweizer Bell Food Group verdient ihr Geld bisher vor allem mit Fleischprodukten. | Bild: Bell Food Group

Die Bell Food Group, 1869 in Basel als Metzgerei gegründet, hat bisher ihr Geld hauptsächlich mit Frischfleisch, Geflügel, Wurstwaren und Meeresfrüchten verdient. Doch immer mehr Konsumenten verzichten heutzutage zumindest gelegentlich auf Fleisch ohne gleich dadurch zu konsequenten Vegetariern zu werden (Experten sprechen von sogenannten Flexitariern). Deshalb erweiterte Bell zuletzt sein Produktportfolio durch die Zukäufe der Unternehmen Eisberg (frische Salate) und Hilcona (Fertiggerichte wie Pizza oder Pasta) und Hügli (Suppen, Soßen und Nachspeisen). Die drei Unternehmen sollen künftig den neu geschaffenen Geschäftsbereich "Convenience" bilden. Mit diesem Fachbegriff bezeichnet man Lebensmittel, die sich schnell und bequem zubereiten lassen oder sogar ohne Zubereitung sofort konsumiert werden können.