Nein, um 180 Grad drehen wird sich der Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2030 nicht, glaubt Marcus Kurth, Professur für Regelungs- und Systemtechnik an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG). „Es gibt Dinge, die sich nicht digitalisieren lassen“, sagt er. „Kommunikation wird immer wichtiger und dafür brauchen wir nach wie vor Menschen“, so Kurth. Denn künstliche Intelligenz könne Kommunikation nicht ersetzen – zumindest noch nicht.

Trotzdem werde sich die Art, wie wir produzieren, in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion, in Anlehnung an die drei vorausgehenden industriellen Revolutionen oft Industrie 4.0 genannt, werfe ihren Schatten voraus. Kurth spricht lieber von einer Evolution. Denn der digitale Wandel finde nicht von heute auf morgen statt, er sei bereits längst im Gange. Deshalb hat Kurth an der HTWG zusammen mit zwei Kollegen auch die Modellfabrik Bodensee gegründet, welche die Möglichkeiten von Industrie 4.0 erforschen soll. Ängste vor der Digitalisierung hält er für unbegründet. „Die Automatisierung soll dem Menschen helfen, nicht ihn loswerden“, sagt er. Alles zu automatisieren rechne sich zudem wirtschaftlich nicht, auch wenn es technisch möglich wäre. Vielmehr fordert er ein Umdenken der tendenziell zu konservativen deutschen Mentalität. „Im digitalen Zeitalter muss man manche Dinge einfach machen, und nicht von vorneherein Ideen verhindern, weil bei der Realisierung Probleme auftreten könnten“, sagt er. 

Die Digitalisierung biete sogar Chancen für Menschen, die bisher auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt waren. „Durch Industrie 4.0 lassen sich Arbeitsplätze individuell auf den Arbeitnehmer zuschneiden. Das bietet Chancen für behinderte Menschen, zum Beispiel für Rollstuhlfahrer, stärker als heute in der Produktion eingebunden zu werden.“ Zudem lassen sich durch Anwendungen der virtuellen Realität niedrig Qualifizierte schnell trainieren, ohne sie direkt in die Produktion einzubinden. Dabei werden Produktionsprozesse mit Hilfe einer 3-D-Brille simuliert. Das könne eine stille Reserve aus Langzeitarbeitslosen wecken. 

Allerdings könnte der Fachkräftemangel Deutschland im Digitalisierungsprozess ausbremsen. „Die Unternehmen aus der Bodenseeregion fragen mehr akademische Arbeitskräfte nach, als wir als Hochschule bedienen können. Im Handwerk sieht es nicht besser aus“, sagt er. Diese Tendenz bestätigt Veronika Thanner, Sprecherin der Handwerkskammer Ulm, die auch für den Bodenseekreis zuständig ist. „Die Konjunktur läuft weiterhin gut. Doch um weiter wachsen zu können, braucht das Handwerk qualifiziertes Personal. Und das ist derzeit knapp.“ 

In den kommenden Jahren werde sich laut einer Studie des Instituts für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA) mit Sitz in Öhningen am Bodensee der Fachkräftemangel aufgrund des demografischen Wandels noch verschärfen. Das Erwerbspotenzial, definiert als der arbeitsfähige Teil der Bevölkerung, werde in den nächsten 20 Jahren um 10 Millionen sinken, schreiben die Studienautoren. Besonders stark werde dies zu spüren sein, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, in den kommenden Jahren in Rente gehen und geburtenschwache Jahrgänge nachrücken. Anknüpfend an diese Analyse empfiehlt das IGZA der Politik durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf einen Anstieg der Geburtenrate hinzuwirken. Frauen müssten noch besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. „Im internationalen Vergleich hat Deutschland im Hinblick auf die Erwerbsquote der Frauen zu Ländern wie Norwegen oder Schweden nach wie vor einen Aufholbedarf“, heißt es in der Studie. In diese Richtung denkt auch Marcus Kurth. „Wir sind gerade auch in den technischen Disziplinen auf Frauen angewiesen. Frauen lösen Probleme anders als Männer.“

Grundsätzlich werde Aus- und Weiterbildung im digitalen Zeitalter immer wichtiger betonen Experten – auch um das Arbeitskräftepotenzial optimal auszuschöpfen. Kritiker bemängeln allerdings, dass wir in der digitalen Bildung noch lange nicht am Ziel seien. "Die digitale Bildung ist ein einziger Engpass. Die Lehrer sind unzureichend qualifiziert. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, aber es ist nun einmal so", sagt zum Beispiel Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Start-ups. Zudem seien unsere Schulen noch zu analog. Es fehle eine Ausstattung mit WLAN und Tablets. "Die Schulen sind noch lange nicht im digitalen Zeitalter angekommen", so das niederschmetternde Fazit von Nöll. Ähnlich argumentiert Thorsten Dirks, bis Mitte des Jahres Präsident von Bitkom, dem Branchenverband der digitalen Wirtschaft. "Wir brauchen andere Lernkonzepte und das fängt in der Kita an und hört erst im hohen Alter auf. Programmieren muss zu den Grundfertigkeiten der Menschen gehören – wie Lesen, Schreiben und Rechnen", fordert er.

Trotz des Begriffs Industrie 4.0 mache die digitale Revolution nicht bei der Industrie halt, betonen Experten. Sie betreffe andere Branchen wie den Dienstleistungssektor, das Handwerk oder die Landwirtschaft ebenso. Deshalb sei es sinnvoller, von Wirtschaft 4.0 reden.

"IT-Berufe sind im Kommen"

Johannes Krumme ist bei Südwestmetall, dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg, für die Berufsbildungspolitik zuständig.

Herr Krumme, welche Berufe sind gerade im Kommen und welche sind eher ein Auslaufmodell?

Im Kommen sind vor allem Berufe, die mit modernen Informationstechnologien zu tun haben. In der Metall- und Elektroindustrie geht es allerdings derzeit weniger darum, neue Berufe zu schaffen, sondern eher darum, bestehende Berufe ans digitale Zeitalter anzupassen. Industriemechaniker, Werkzeugmechaniker oder Elektroniker müssen sich künftig auch mit den Themen Datenschutz, Informationssicherheit und Umgang mit IT-Systemen befassen. Unter Druck geraten dagegen künftig einfache Arbeiten von ungelernten Arbeitskräften. Hier geht es darum, diese Menschen höher zu qualifizieren, damit auch sie den Anschluss an die Digitalisierung bekommen.

Also gibt es auf dem Arbeitsmarkt eher eine Evolution als eine Revolution?

Ja. Es ist ja oft von der Industrie 4.0 die Rede. Tatsächlich handelt es sich aber bei der digitalen Vernetzung der Produktion weniger um die vierte industrielle Revolution, sondern eher um einen evolutionären Prozess, der vor Jahren mit der Automatisierung einsetzt hat und jetzt mit der Digitalisierung eine zusätzliche Dynamik gewinnt.

Wie lässt sich der demografische Wandel auf dem Arbeitsmarkt bewältigen?

Da muss man an mehreren Stellen ansetzen. So gilt es, Frühverrentungen möglichst zu vermeiden. Wir befürworten deshalb die Rente mit 67 und lehnen die Rente mit 63 ab. Dadurch gehen viele gut ausgebildete Facharbeiter zu früh dem Arbeitsmarkt verloren. Gleichzeitig muss durch flexiblere Arbeitsmodelle dafür Sorge getragen werden, dass mehr Frauen Vollzeit arbeiten können. Wichtig auch: Die Ausbildungszeiten sollten dort, wo es möglich ist, gestrafft werden. Deswegen sprechen wir uns für das achtjährige Gymnasium (G8) aus.

Sie werben seit Jahren für mehr Frauen in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen. Warum kommen Sie dabei kaum voran?

Die Erfolge in diesem Bereich sind tatsächlich mäßig. Das hängt wohl mit tiefer liegenden Rollenklischees zusammen. Wir wollen künftig jedenfalls bei der Werbung für diese Berufe noch mehr den praktischen gesellschaftlichen Nutzen der Technologie herausarbeiten und weniger die Technik an sich in den Vordergrund stellen.

Fragen: Thomas Domjahn