Beim Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen hat die Zukunft der Arbeit schon längst begonnen. Vor einem Jahr hat sich das Familienunternehmen zu einem radikalen Schritt durchgerungen – es hat die Arbeitswoche abgeschafft. Als zentrale Richtschnur zur Bemessung der Arbeitszeit gilt seitdem das Jahr. Digitalisierung, stärkere Marktschwankungen und kürzere Produktzyklen erforderten mehr Flexibilität als bislang, sagt Firmenchefin Nicola Leibinger-Kammüller.

Seither wird in den Werken des 11 000-Mitarbeiter-Unternehmens deutlich flexibler gearbeitet als früher – im Rahmen des gesetzlich möglichen und mit dem Segen von IG Metall und Betriebsrat. Mit einem Vorlauf von nur zwei Tagen kann Trumpf seine Mitarbeiter länger oder kürzer ins Büro oder an die Werkbank beordern. Auf einem Arbeitszeitkonto werden alle Zeiten erfasst und am Ende des Jahres ausgeglichen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müsse man „reagieren“, sagt Leibinger-Kammüller. Als Ausgleich für das Mehr an Flexibilität garantiert das Unternehmen die Jobs bis 2021.

Arbeiten auf Abruf – wird das bald überall Realität? Tatsächlich steht Trumpf mit seinem Vorstoß stellvertretend für einen breiten Trend. Seit Jahren dringen Unternehmerverbände darauf, starre Korsetts wie das deutsche Arbeitszeitgesetz abzustreifen. Ihr Argument: In einer Welt, die sich immer schneller dreht, seien fixe Arbeitstage und Ruhezeiten schwer praktikabel. Außerdem verlangten die Mitarbeiter nach mehr individuellen Regelungen.

Entsprechend machen sich auch immer mehr Mittelständler Gedanken über die zukünftige Organisation der Arbeit. Die meisten sind aber nicht so weit wie der schwäbische Maschinenbauer Trumpf. Schon vor über einem halben Jahrzehnt räumte der Laser-Spezialist seinen Mitarbeitern ein, die Arbeitszeit an die Lebensphase anzupassen. Alle zwei Jahre dürfen sie nun ihre Basisarbeitszeit zwischen 15 und 40 Stunden pro Woche frei wählen. Ein Fünftel der Arbeit kann mittlerweile Online, also von zu Hause aus, erbracht werden und fürs Thema Bildung – vom Sprachkurs bis zum Kulturcoaching – steht jedem ein Punktebudget zur Verfügung. Ähnliche Regelungen gibt es mittlerweile auch beim Medizintechnikhersteller Aesculap aus Tuttlingen. Hier können die Mitarbeiter alle zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit zwischen 30 und 40 Stunden frei wählen.

Das zentrale Instrument sind Arbeitzeitkonten, die die Produktion quasi atmen lassen. In der Hochkonjunktur werden die Konten gefüllt, in der Baisse leeren sie sich. Als „Trend“ bezeichnet Enzo Weber, Experte am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) diese Entwicklung. Deutlich mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer im Land könne heute schon entsprechende Konten nutzen, oft verbunden mit Gleitzeitregelungen. Tendenz: klar ansteigend.

 

Arbeiten im Schwarm

  • Das Phänomen
    Anders als die meisten Firmen in Deutschland setzen viele Unternehmen, etwa in den USA, auf sogenannte Schwarm-Konzepte, um sich Arbeitskräfte zu sichern. Anstatt Mitarbeiter fest anzustellen, werden sie projektbezogen angemietet. Bereitgestellt werden die Werker von Personaldienstleistern – meist sind das schlicht Datenbank-gestützte Dienstleiter im Internet. Sie halten Arbeitssuchende vor und vermitteln sie. Von Zeitarbeitsfirmen unterscheiden sie sich dadurch, dass auch sie selbst quasi ohne Personal auskommen – die Fachkräfte arbeiten auf eigene Rechnung. Deutsche Anbieter wie Gigwork beschreiben ihren Service als „kostengünstige Alternative zur Beschäftigung von freien Mitarbeitern und Zeitarbeitern.“
  • Crowd-Worker und Liquid Workforce
    Derartige Konzepte firmieren unter Namen wie Crowd-Working, Gig-Working (etwa: gemeinsames Arbeiten) oder Liquid Workforce (verflüssigte Arbeit) und schwappen vor allem aus Asien und den USA derzeit nach Europa. Für US-Firmen wie Upwork, Airbnb, Uber, TaskRabbit or Freelancer arbeiten bereits heute Tausende sogenannter Crowd-Worker. Meist jobben sie als Solo-Selbstständige auf eigene Rechnung. Einen Teil ihres Verdiensts geben sie an die Internetplattformen ab. Der Vorteil für die Arbeitgeber: Sie können Spezialisten weltweit rekrutieren und haben keine Beschränkungen bei den Arbeitzeiten. Auch sie stellen eine Art von Schwarm-Arbeitskräften dar.
  • Die Beschäftigten
    In den meisten Fällen arbeiteten die Plattform-Beschäftigten unter „prekären Arbeitsbedingungen“, sagt Pamela Meil, die dem Phänomen am Münchener Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) nachgeht. Zwar genössen die Arbeitnehmer besondere Freiheiten – so können sie sich oft aussuchen, wann sie überhaupt arbeiten wollen -, aber hätten im Gegenzug auch nahezu keine Rechte. Mitunter bewegen sich die realen Stundenlöhne weit unter dem Niveau des deutschen Mindestlohns. Drei Euro pro Stunde sind nach Angaben von Fachleuten keine Seltenheit. „Der Bereich ist schlicht noch nicht ausreichend staatlich reguliert“, sagt Meil, die selbst jahrelang in den USA gelebt hat.
  • Die Zukunft
    Auch in Deutschland sind entsprechende Konzepte auf dem Vormarsch. Bei der deutschen Plattform Clickworker arbeiten bereits Hunderttausende Menschen an Kleinaufgaben, übersetzen Texte, machen Fotoarbeiten, hüten Kinder oder erledigen Reinigungsjobs. Und auch klassische Industriebranchen experimentierten mit diesem Konzept, sagt Meil. Noch gehe es dabei nicht darum, die Kerntätigkeiten der Unternehmen auszulagern. Ein Anfang allerdings, sei schon gemacht, sagt Meil.
(wro)

 

 

Allein aus demografischen Gründen werden im Jahr 2040 in Deutschland rund 10 Millionen Fachkräfte weniger vorhanden sein als heute. Daher stehen die Firmen unter Handlungsdruck. Trumpf und Aesculap räumen Mitarbeitern beispielsweise die Möglichkeit ein, sich für Monate ganz aus dem Betrieb auszuklinken. Dazu hat man sogenannte Langzeit-Arbeitszeitkonten eingerichtet, auf denen Stunden über Jahre hinweg angespart und in Form von Sabbaticals – montalelangen Auszeiten – abgefeiert werden können. Nur gut zehn Prozent aller Arbeitnehmer käme in den Genuß solcher Instrumente, schätzt IAB-Fachmann Weber. Der Grund: Für die flexible Abarbeitung von Aufträgen bringen sie wenig, wohl aber für viele Angestellte, die „ an einem Punkt in ihrem Leben einfach einmal was anderes machen wollen“, wie Weber es ausdrückt. 

 

Andere Firmen wie der Schwarzwälder Sensorbauer Sick haben das Thema Familienfreundlichkeit entdeckt und passen ihre Organisation mit flexibler Zeiteinteilung für die Arbeitnehmer darauf an. Wer beim Kosmetikhersteller Weleda aus Schwäbisch Gmünd Betreuungsbedarf anmeldet, kann kürzer arbeiten – genau wie beim Anlagenbauer AP&S International aus Donaueschingen. Seit mehr als zehn Jahren organisiert Firmen-Chefin Alexandra Laufer-Müller für ihre 160 Mitarbeiter die Arbeitszeiten individuell. „Das ist für uns der Schlüssel, auch in einem Jahrzehnt noch Fachkräfte zu finden“, sagt sie.

Seit mehr als zehn Jahren ist Alexandra Laufer-Müller die Chefin des Anlagenbauers AP&S International aus Donaueschingen. Die Arbeitszeiten für ihre 160 Mitarbeiter organisiert sie auf Wunsch individuell. „So bauen wir Fachkräftemangel vor“, sagt sie.
Seit mehr als zehn Jahren ist Alexandra Laufer-Müller die Chefin des Anlagenbauers AP&S International aus Donaueschingen. Die Arbeitszeiten für ihre 160 Mitarbeiter organisiert sie auf Wunsch individuell. „So bauen wir Fachkräftemangel vor“, sagt sie. Bild: AP&S | Bild: AP+S

Die Personalchefs stellt die Flexibilität vor Probleme. Der jüngste Vorstoß der IG Metall, die Arbeitszeit bei teilweisem Lohnausgleich phasenweise auf 28 Stunden pro Woche abzusenken, hat im Unternehmerlager massive Widerstände provoziert. Allerdings: Flexibilität, etwa um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sichern, wird immer wichtiger. „Wer in zehn Jahren vom Fachkräftestrom nicht abgehängt werden will, muss den Arbeitnehmern schon heute entgegenkommen“, sagt Susanne Steffes, Personalexpertin beim Mannheimer Forschungszentrum ZEW.

Nach Daten des Bundesfamilienministeriums rangiert die Familienfreundlichkeit für stattliche 90 Prozent aller jungen Arbeitnehmer an erster Stelle bei der Wahl eines Arbeitsplatzes. Auch zu den Chefs hat sich das offenbar durchgesprochen. Hier nachzulegen halten immerhin 86 Prozent der Firmenlenker als angezeigt.